Augenzeuge über Massenpanik in Israel »Ich habe nicht erwartet, so viel Tod zu sehen«

Mindestens 45 Menschen starben bei einem Gedränge am israelischen Berg Meron. Der Sanitäter Nadav Metzner war als einer der Ersten vor Ort. Er berichtet von schrecklichen Szenen.
Von Alexandra Rojkov, Tel Aviv
Rettungskräfte reihen die Toten auf. Mindestens 45 Menschen kamen am Meron ums Leben.

Rettungskräfte reihen die Toten auf. Mindestens 45 Menschen kamen am Meron ums Leben.

Foto: Ishay Yerushalmi / Behadrei Haredim / REUTERS

Es war 00.50 Uhr in der Nacht zum Freitag, als Nadav Metzner einen Notruf bekam. »Etwas stimmt nicht«, sagte die Leitstelle. »Wir wissen nicht genau, was, aber ihr müsst sofort kommen.«

Der 36-jährige Metzner ist Sanitäter für den Rettungsdienst Magen David Adom. Er war vergangene Nacht am Berg Meron stationiert. Der Gipfel, etwa 1200 Meter hoch, liegt im Norden Israels unweit des See Genezareth.

Jedes Jahr finden hier Feierlichkeiten für das jüdische Lag-Ba'Omer-Fest statt . Normalerweise wird es mit Lagerfeuern gefeiert, aber viele religiöse Juden gedenken auch des Todestages des Rabbiners Schimon Bar Jochai. Weil sein Grab auf dem Berg Meron liegt, zieht es Berichten zufolge jeweils Hunderttausende Pilger in der Nacht des Feiertags dorthin.

DER SPIEGEL

Binnen Sekunden waren Rettungskräfte vor Ort

Metzner sagt, er und seine Kollegen seien auf die Menschenmassen eingestellt gewesen. Hunderte Sanitäter seien in der Nacht am Berg stationiert gewesen, Krankenwagen hätten für den Notfall gewartet, drei temporäre Kliniken seien aufgebaut worden. Vorsichtsmaßnahmen, erklärt Metzner. »Wir behandeln bei solchen Veranstaltungen oft Menschen mit kleineren Verletzungen.« Doch mit dem, was gestern Nacht passierte, habe niemand gerechnet.

»Nach dem Anruf sind wir sofort losgerannt«, erzählt Metzner am Telefon. Binnen 45 Sekunden seien er und seine Kollegen am Unfallort gewesen. Hunderte Menschen seien ihnen entgegengelaufen. »Sie schrien: Es ist da unten! Da unten! Alle rannten nur noch.«

Sanitäter am Berg Meron kurz nach dem Unglück in der Nacht zum 30. April

Sanitäter am Berg Meron kurz nach dem Unglück in der Nacht zum 30. April

Foto: David Cohen / imago images/Xinhua

Metzner sagt, er habe in diesem Moment Schlimmes geahnt. Der Ausgang am Berg Meron führe bergab. »Wenn einer fällt, fallen alle. Es ist wie Domino.« Als er an der Unglückstelle ankam, sah er eine Menschenmasse – aber er sah auch, dass aus der Menge Körper herausragten. Viele bewegten sich nicht.

»Wir haben sie herausgezogen«, erinnert sich Metzner. »Viele waren bewusstlos.« Väter, Greise, aber auch: Jugendliche. Unter den mindestens 45 Opfern sollen auch Kinder sein. Wer von denen, die er rettete, überlebt habe, und wer tot sei, wisse er nicht, sagt der Sanitäter.

Er arbeite seit 20 Jahren in dem Beruf, erzählt Metzner. »Ich habe Terroranschläge erlebt«, sagt er. »Aber nichts war so schlimm wie das. Ich habe nicht erwartet, so viel Tod zu sehen.« Er spricht gefasst, sagt, er sei es gewohnt, über solche Notfälle zu berichten. Nur einmal bricht seine Stimme kurz.

»Ich dachte: In einigen Stunden stehen wir vor einer großen Tragödie.«

Nadav Metzner, Rettungssanitäter

Metzner erzählt, wie der Unfallort aussah, nachdem die ersten Opfer evakuiert waren. »Da lagen Brillen auf dem Boden, Schuhe, Rucksäcke.« Dinge, die den Toten gehörten. Es war noch tiefe Nacht, das Ausmaß der Katastrophe noch nicht bekannt. Metzner sagt, er habe an die Familien der Opfer denken müssen, die noch nichts von dem Unglück wussten. »Ich dachte: In einigen Stunden stehen wir vor einer großen Tragödie.«

Etwa 150 Menschen wurden in der Nacht verletzt, Dutzende schweben noch in Lebensgefahr. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat einen »Tag der Trauer« ausgerufen, Präsident Reuven Rivlin nannte das Ereignis eine »herzzerreißende Tragödie«. Eine Tragödie, die offenbar vorherzusehen war. Mehreren israelischen Zeitungen zufolge hatte ein staatlicher Kontrolleur 2008 und 2011 davor gewarnt, dass die Zufahrtsstraßen und -wege zum Berg zu eng seien für Hunderttausende Besucher .

Augenzeugen: Polizei soll Teile des Ausgangs versperrt haben

Trotzdem wurden all die Jahre Massenveranstaltungen abgehalten. Warum genau das Unglück nun passierte, war am Freitagmittagnachmittag noch immer ungewiss. Am Freitagmorgen hatte der Polizeikommandeur die Verantwortung übernommen, der die Sicherheitsvorkehrungen am Meron koordinierte. Er sagte, er halte sich bereit für eine Untersuchung des Vorfalls.

Einige Augenzeugen wollen israelischen Medien zufolge beobachtet haben, wie die Polizei einen Teil eines Ausgangs versperrte und so zur Beengtheit am Berg beitrug. Die Polizei hat sich zu den konkreten Vorwürfen bislang nicht geäußert: Die Ursache des Gedränges sei noch unklar.

Trauernder am Berg Meron

Trauernder am Berg Meron

Foto: Amir Levy / Getty Images

So wie vieles am Tag nach dem Unglück: In sozialen Medien suchen Angehörige noch immer nach Vermissten. Der israelische Staatspräsident hat eine Hotline einrichten lassen, an die Familien sich wenden können.

Der Sanitäter Nadav Metzner ist an diesem Freitagmittag, Stunden nach der Massenpanik, noch immer am Unglücksort. Einige Verletzte, erzählt er, seien immer noch vor Ort. Er bleibe, solange er helfe könne. »Vielleicht bis Samstagnacht.«

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