Boom auf Mauritius Steuersorgen? Für 375.000 Dollar gibt es ein goldenes Visum fürs Paradies

Mauritius boomt, überall auf der Insel entstehen Luxusanlagen für Superreiche. Mit niedrigen Steuersätzen lockt das reichste Land Afrikas Wohlhabende aus aller Welt an – doch Einheimische haben davon wenig.
Aus Mauritius berichtet Heiner Hoffmann
Überall auf der Insel entstehen neue Luxusanlagen für Wohlhabende

Überall auf der Insel entstehen neue Luxusanlagen für Wohlhabende

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Am Nachbartisch will ein älteres Paar wissen, ob es einen Krankenwagen in der Nähe gebe, für den Fall der Fälle. »Ja, gibt es«, sagt die Maklerin Mridula Shembhoo und zeigt auf das nahe gelegene Einkaufs- und Gesundheitszentrum. Shembhoo hat Emerald-Status, die höchste Auszeichnung, die man beim Immobilienriesen Pam Golding bekommen kann – für besonders viele abgeschlossene Verträge. Es läuft gut auf Mauritius, richtig gut.

Die Verkaufsgespräche finden im Klubhaus statt, umgeben vom Grün des Golfplatzes, draußen surren leise die Golfcarts vorbei. Für seinen Reichtum muss man sich hier im Mont Choisy Golf Estate nicht schämen, eher für ein schlechtes Handicap. Wenige Meter vom Klubhaus entfernt steht eine Villa zum Verkauf, für 4,5 Millionen Euro – mit fünf Schlafzimmern und einem üppigen Pool, hinter dem Garten wehen die Fahnen des 18-Loch-Kurses.

Doch die meisten Häuser und Grundstücke sind längst vom Markt. Mittlerweile ist schon die dritte Erweiterung in Planung, auch hier ist bereits die Hälfte der Anwesen reserviert oder verkauft, obwohl noch nicht einmal mit dem Bau begonnen wurde.

Dieses Anwesen steht für 4,5 Millionen Euro zum Verkauf

Dieses Anwesen steht für 4,5 Millionen Euro zum Verkauf

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Olga und Chris gehören zu den Kunden der ersten Stunde. Sie haben nicht ein, sondern gleich fünf Anwesen auf Mauritius gekauft, darunter ein Apartment in Mont Choisy. Mit Ende 40 hat sich die Unternehmerin Olga zur Ruhe gesetzt, jetzt verbringen ihr Partner und sie die Rente auf der Insel. »Wir lieben es, das Wetter, die freundlichen Menschen, der Strand, es ist alles herrlich«, sagt Olga, die früher verschiedene Firmen geleitet hat. Und ihr Partner Chris hat noch einen weiteren Vorteil ausgemacht: »In Frankreich kassiert der Staat bis zu 60 Prozent Erbschaftsteuern, wenn ich mal etwas vermache. Auf Mauritius keinen Cent. Das hat uns überzeugt.«

Tatsächlich ist die Tropeninsel ein Sonnen- und Finanzparadies: keine Erbschaftsteuer, keine Kapitalertragsteuer, die Einkommen- und Körperschaftsteuer formell bei 15 Prozent, dank vieler Erleichterungen in der Regel meist noch deutlich weniger.

Jonathan Tagg ist Projektleiter in Mont Choisy, er verantwortet das Immobilienportfolio – und hat sich selbst eine Villa in der Anlage gesichert. Tagg lächelt ein breites Lächeln, dann sagt er: »Die Leute hassen Steuern.«

Olga und Chris haben sich auf Mauritius zur Ruhe gesetzt

Olga und Chris haben sich auf Mauritius zur Ruhe gesetzt

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Die durchschnittliche Interessentin und der durchschnittliche Interessent seien ungefähr 60 Jahre alt, erzählt er. Viele kämen wegen des guten Wetters und der soliden Infrastruktur. Und auch die Steuern seien ein wichtiger Grund für die Standortwahl Mauritius. »Wir haben auch viele Investoren, die etwas kaufen, um ihre Aufenthaltserlaubnis für die Insel zu bekommen«, verrät er. Denn wer mindestens 375.000 US-Dollar investiert, bekommt ein goldenes Visum – eine Niederlassungserlaubnis und damit sämtliche Wohltaten des mauritischen Steuersystems.

Und es kommen viele, nicht nur in Mont Choisy ist der Boom zu spüren. Überall auf der Insel entstehen neue Anlagen für Superreiche, im Finanzdistrikt werden weitere Wolkenkratzer aus dem Boden gestampft. Eine kürzlich veröffentlichte Studie sagt voraus, dass die Zahl der wohlhabenden Zuzüglerinnen und Zuzügler in den kommenden Jahren um 80 Prozent steigen wird.

»Ich glaube, es werden sogar noch deutlich mehr«, sagt Jonathan Tagg. Dank der finanzstarken Investoren ist Mauritius bereits zum reichsten Land Afrikas geworden – gemessen am Vermögen pro Kopf.

Mehr Transparenz, bessere Ermittlungen: Mauritius kämpft um einen besseren Ruf

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Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Der Inselstaat hat in den vergangenen Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: Noch in den Achtzigerjahren war die Wirtschaft fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägt; binnen 30 Jahren wandelte sich das Land vom Agrarstaat zum modernen Finanzzentrum. Ein rasanter Umbruch, dem allerdings nicht alle folgen konnten und der Mauritius zu einer gespaltenen Insel machte. So gibt es inzwischen zwar eine kostenlose Gesundheitsversorgung, ein funktionierendes Rentensystem und einen Mindestlohn. Doch während die Reichen aus dem Westen von den niedrigen Steuern profitieren, leben Tausende Einwohner, vor allem Schwarze, nach wie vor in Armut. Der Wohlstand existiert für sie nur auf dem Papier, auf Bankkonten der Zugezogenen aus dem Ausland.

Dabei haben die Investoren vor allem den afrikanischen Kontinent im Auge. Denn Mauritius gilt als idealer Standort, um von hier aus auf dem Festland Geschäfte zu machen. Grund dafür sind eine Vielzahl von Doppelbesteuerungsabkommen. Heißt: Wer auf Mauritius Steuern abführt, muss dies nicht noch einmal in einem anderen afrikanischen Land tun. Da die meisten Länder Subsahara-Afrikas deutlich höhere Unternehmensteuern verlangen, ist das ein verlockender Deal.

»Mauritius positioniert sich selbst als eine Art Fluchtauto für Steuervermeider in Afrika«, sagt Leonard Wanyama vom Tax Justice Network Africa. Nach Schätzung der Organisation gehen afrikanischen Staaten jährlich 17 Milliarden Euro durch solche Steuertricks verloren, nicht nur mit Mauritius. Doch immer mehr Länder wollen das nicht mehr hinnehmen. Ruanda, Senegal, Südafrika und Lesotho haben sich laut Tax Justice Network inzwischen um Nachverhandlungen solcher Doppelbesteuerungsabkommen bemüht, um künftig weniger Steuerverluste zu erleiden. Auch die deutsche Regierung hat ihr Abkommen mit Mauritius kürzlich abgeändert.

Von anderer Seite wächst ebenfalls der Druck: So haben die G20-Staaten in Rom im Oktober eine globale Mindeststeuer angekündigt, die für Großkonzerne bei 15 Prozent liegen soll. Einige Experten rechnen damit, dass es Niedrigsteuerländer wie Mauritius künftig schwieriger haben werden. »Wir prüfen gerade noch, wie sich das auf Mauritius auswirken wird«, sagt Mathieu Mandeng, Vorstandsvorsitzender der Großbank Standard Chartered auf Mauritius.

Die mauritische Regierung will den Ruf als umstrittenes Finanzparadies loswerden: der Minister für Finanzdienstleistungen Mahen Kumar Seeruttun

Die mauritische Regierung will den Ruf als umstrittenes Finanzparadies loswerden: der Minister für Finanzdienstleistungen Mahen Kumar Seeruttun

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Auch bei der mauritischen Regierung lösen diese Entwicklungen eine gewisse Unruhe aus, sie versucht mit aller Kraft gegen ihren Ruf als dubioses Finanzparadies anzukämpfen. So hat sie extra eine Studie in Auftrag geben lassen, die alle Vorteile von Mauritius als Standort für Investoren in Afrika untersucht. Das Ergebnis, kaum überraschend: Die anderen Staaten hätten viel mehr Nutzen als Schaden. »Wir halten uns an alle internationalen Regeln«, sagt Mahen Kumar Seeruttun, Minister für Finanzdienstleistungen, im Interview mit dem SPIEGEL, »wir sind kein Steuerparadies.«

Von Steuervergünstigungen bekommt Nadonna Beeharry nichts mit. Sie wohnt direkt am Strand, erste Reihe, mit Blick auf das türkisgrüne Wasser. Allerdings ist ihr Haus keine Villa, sondern ein Verschlag aus verrostetem Wellblech, in dem sie mit ihrem Mann und den drei Kindern wohnt. »Ich spüre nicht, dass wir ein reiches Land sind«, sagt Beeharry. »Die Regierung sieht die Realität nicht. Wir werden vergessen«, sagt sie.

Nadonna Beeharry lebt mit ihren Kindern in einer Wellblechhütte direkt am Meer

Nadonna Beeharry lebt mit ihren Kindern in einer Wellblechhütte direkt am Meer

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Früher hatte sie Arbeit in einer Textilfabrik, heute hilft sie ihrem Mann beim Fischen und hat Gelegenheitsjobs als Gärtnerin für reiche Haushalte. »Es bricht mir das Herz. Manchmal nehme ich meine Kinder mit, und die fragen mich dann: Wann haben wir ein richtiges Haus? Mein Sohn wird in der Schule dafür gehänselt, dass er arm ist«, sagt Beeharry. Sie sei in die Armut hineingeboren, erzählt sie. Einen Ausweg gebe es nicht, zumal das Einkommen aus der traditionellen Fischerei immer weniger wird.

Das bestätigt auch Jangi Rajeev, der Bezirksvorsteher der Region. Es kämen derzeit gleich mehrere Probleme zusammen, denn die traditionellen Wirtschaftszweige der Insel seien alle am Boden: Die Fischerei erhole sich nur langsam von einem Tankerunfall, der im vergangenen Jahr Teile der Küste mit einem Ölteppich überzog. Der Zuckerrohranbau leide unter den gesunkenen Preisen und die Tourismusindustrie noch immer unter der Pandemie. »Das ist unnötiges Leid, wir sind ein reiches Land, aber die Unterstützung der Regierung erreicht nicht alle«, sagt Rajeev.

Hier ist das glitzernde Finanzparadies weit weg: Eine Gruppe Männer spielt unter einem Baum Brettspiele

Hier ist das glitzernde Finanzparadies weit weg: Eine Gruppe Männer spielt unter einem Baum Brettspiele

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Im Örtchen Mahebourg sitzt eine Gruppe Männer unter einem mächtigen Baum, sie spielen Brettspiele. Das glitzernde, mondäne Mauritius ist hier weit weg. Paul Hung Hong, 68, ist einer von ihnen. Der Vorsitzende der örtlichen Fischergewerkschaft raucht viel und hat den Wandel in Mauritius miterlebt. »In den Siebzigerjahren gab es hier ja nichts, also wurde ich Fischer. Aber es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, vor allem wegen der Umweltverschmutzung und des Klimawandels. Wir fangen 70 Prozent weniger als früher.«

Fischer Hung Hong fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen

Fischer Hung Hong fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen

Foto: Fabien Dubessay / DER SPIEGEL

Auch Hung Hong findet, dass der Wohlstand nicht fair verteilt ist, im Gegenteil: »Weil immer mehr Reiche kommen, wird hier alles teurer. Unsere Kinder können die Mieten nicht mehr zahlen«, sagt er.

Olga und Chris im Luxusviertel Mont Choisy haben dieses Problem nicht, für sie ist Mauritius das Paradies. »Das war Liebe auf den ersten Blick«, schwärmt die Ex-Unternehmerin. Neben dem Golfplatz errichten die Betreiber gerade einen Reitstall. Dazwischen soll es einen »Heritage Forest« geben, eine Art Abbild des unberührten traditionellen Mauritius. Dabei ist das hier ganz weit weg.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Mauritius sei zum reichsten Land Afrikas geworden - gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf. Korrekt ist, dass aktuelle Studien Mauritius als reichstes Land Afrikas gemessen am Vermögen pro Kopf ausweisen. Beim BIP pro Kopf liegen laut aktueller Erhebungen die Seychellen knapp vor Mauritius. Wir haben die Stelle im Text entsprechend geändert.