Menschenhandel an den Grenzen zur Ukraine »Die Nachfrage nach Frauen und Kindern aus der Ukraine ist enorm angestiegen«

Männer fantasieren im Darknet von Privatbordellen mit ukrainischen Frauen oder warten mit Kleinbussen und dubiosen Jobangeboten an den Grenzen. Die NGO International Justice Mission kämpft gegen die Menschenhändler.
Ein Interview von Nicola Abé
Geflüchtete stehen in Polen für eine Busfahrt nach Braunschweig und Hannover an

Geflüchtete stehen in Polen für eine Busfahrt nach Braunschweig und Hannover an

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Kay Nietfeld / dpa

Globale Gesellschaft

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Sie verteilen Flyer, recherchieren im Darknet und setzten sich für Durchsagen in Zügen ein: Die NGO International Justice Mission (IJM) kämpft weltweit gegen moderne Sklaverei und Zwangsprostitution. Derzeit leistet die Organisation Nothilfe und Aufklärung an den osteuropäischen Grenzen, wo aus der Ukraine geflüchtete Frauen ankommen. Dietmar Roller, Deutschland-Vorsitzender von IJM e.V., befürchtet, dass Menschenhändler die Notlage der Frauen und Kinder massiv ausnutzen.

SPIEGEL: Herr Roller, was beobachten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derzeit vor Ort an den Grenzen?

Roller: Sie berichten von Männern, die mit Kleinbussen an die Grenzen oder Busbahnhöfe fahren und gezielt Frauen ansprechen. Diese Männer stellen den Ukrainerinnen tolle Jobs in London, Madrid oder Deutschland in Aussicht. Eine freiwillige Mitarbeiterin beobachtete kürzlich einen Mann, der die Großmutter einer 16-Jährigen überzeugen wollte, ihm das Mädchen mitzugeben. Er habe keinen Platz für alle im Auto, doch das Mädchen sei sicher und könne in Berlin arbeiten. Unsere Mitarbeiterin hat das verhindert; der Mann verschwand.

Dietmar Roller
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IJM Deutschland e.V.

Dietmar Roller, geboren 1956, ist Vorsitzender der NGO Justice Mission Deutschland e.V., die weltweit Menschenhandel, Zwangsprostitution und andere Formen moderner Sklaverei bekämpft. Roller studierte evangelische Theologie und später Sozialanthropologie an der Columbia University in den USA. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete er als Entwicklungsexperte in Asien, Afrika und Lateinamerika.

SPIEGEL: Gibt es diese Probleme nur an den Grenzen oder auch an deutschen Bahnhöfen?

Roller: Am Anfang war die Situation auch an den großen Bahnhöfen in Deutschland chaotisch. In Berlin etwa konnte sich jeder eine orangefarbene Warnweste anziehen oder ein Schild in die Luft halten: »Bei mir kann man wohnen.« Es gab keine Kontrollen, Missbrauch waren Tür und Tor geöffnet. Es gab Männer, die gezielt nach jungen Frauen fragten. Die Geflüchteten wurden nicht einmal registriert. Das ist extrem gefährlich. Wer nicht registriert ist, der existiert nicht für die Behörden. Es ist dann später wesentlich schwieriger, etwa für die Polizei, diesen Menschen zu helfen.

SPIEGEL: Haben Sie Erfahrungen mit ähnlichen Krisen?

Roller: Vergleichbar ist die jetzige Situation mit der während des Jugoslawienkriegs, eine Art Präzedenzfall. Damals gab es eine ähnliche Fluchtbewegung. Ein Jahr später war klar, dass zahlreiche Frauen aus Bosnien in den Bordellen Europas gelandet waren.

SPIEGEL: Haben Sie Beweise dafür, dass das jetzt auch stattfindet?

Roller: Man kann Menschenhandel erst nachweisen, wenn er passiert ist. Das wird in sechs bis acht Monaten der Fall sein. Aber die Indizien sind sehr deutlich. Die Frauen und Kinder, die aus der Ukraine ankommen, sind genau die gefährdete Zielgruppe für Menschenhändler, und sie sind extrem vulnerabel. Zu Beginn kamen ukrainische Frauen noch in ihren eigenen, vollgepackten Autos an. Inzwischen gibt es eine Art zweite Welle; viele kommen zu Fuß und haben alles verloren. Sie sind erschöpft, orientierungslos und verzweifelt, sprechen die Landessprache nicht, sind ohne männliche Begleitung und oft auch traumatisiert. Ihre Widerstandskräfte sind erschöpft. Sie sind erst mal dankbar für jede Hilfe. Das wissen die Menschenhändler genau und nutzen es aus.

Geflüchtete Ukrainerinnen am Bahnhof Przemyśl in der Nähe der ukrainisch-polnischen Grenze

Geflüchtete Ukrainerinnen am Bahnhof Przemyśl in der Nähe der ukrainisch-polnischen Grenze

Foto: Kay Nietfeld / dpa

SPIEGEL: Was sind das für kriminelle Netzwerke, die dort jetzt aktiv werden?

Roller: Die Frauen und Kinder fliehen derzeit genau entlang der Routen der Menschenschmuggler, die schon zuvor etabliert waren. Es gibt dort die gut organisierten, großen Netzwerke, die etwa in Rumänien, Bulgarien, Moldau und der Ukraine arbeiten und in den deutschen Rotlichtvierteln aktiv sind. Auf der anderen Seite gibt es auch kleinere Strukturen, man könnte fast von »Familienunternehmen« sprechen. Zwei, drei, vier Leute, die dann noch in Deutschland jemanden vor Ort haben. Diese Gruppen arbeiten oft mit der Loverboy-Masche, die inzwischen den harten Menschenhandel teilweise abgelöst hat.

SPIEGEL: Können Sie diese Methode beschreiben?

Roller: Sie manipulieren gezielt vulnerable junge Frauen und Mädchen, gaukeln ihnen Beziehungen vor, machen sie abhängig. Ein Loverboy hat vielleicht zehn solcher Mädchen, die dann verschleppt werden. Man kann allerdings davon ausgehen, dass in einer Situation der massiven Fluchtbewegung, wie wir sie jetzt haben, auch klassische Methoden des Menschenhandels stattfinden, also Bedrohung, rohe Gewalt, das Wegnehmen von Pässen und so weiter. Die Infrastruktur gibt es schon, die Auswahl an potenziellen Opfern ist jetzt noch größer – und auch die Nachfrage.

Ein Schild in den Farben der ukrainischen Flagge heißt Geflüchtete am Hauptbahnhof in München willkommen

Ein Schild in den Farben der ukrainischen Flagge heißt Geflüchtete am Hauptbahnhof in München willkommen

Foto: Sven Hoppe / dpa

SPIEGEL: Was meinen Sie mit Nachfrage?

Roller: Wir wissen von Pornoseiten, Freierforen und dem Darknet: Die Nachfrage nach Frauen und Kindern aus der Ukraine ist enorm angestiegen. Im Internet fantasieren Männer darüber, ein kleines Privatbordell für sich selbst und ihre Freunde anzulegen mit zwei, drei Ukrainerinnen. Und wo ein Markt ist, da wird er auch bedient. Die meisten zwangsprostituierten Frauen kamen in Deutschland schon vor dem Krieg aus Osteuropa, nämlich aus Rumänien. Diese Frauen waren aber längst nicht alle gebürtige Rumäninnen, sondern viele kamen aus der Ukraine und aus anderen ehemaligen Ländern der Sowjetunion. In Moldau wurden ihnen Pässe ausgestellt, das ging einfach, später bekamen sie dann rumänische Pässe, was ein Abkommen zwischen den beiden Ländern ermöglichte. So gelangten sie durch Schleusernetzwerke in die Bordelle der EU. Die aktuelle Fluchtbewegung verläuft exakt entlang der traditionellen Route der Zwangsprostitution.

SPIEGEL: Wer ist besonders gefährdet?

Roller: Zum einen natürlich junge Frauen. Wir sehen aber auch online eine verstärkte sexuelle Ausbeutung von Kindern. Es gibt diese neue Methode, live über Distanz ein Kind zu missbrauchen; das hat während der Pandemie explosionsartig zugenommen. Wir sehen jetzt im Darknet, dass diese Fantasien beschrieben werden, sich eine ukrainische Frau mit Kindern zu holen. Wenn diese dann arbeiten gehe, habe man freie Bahn. Pädophile Kriminelle werden die Situation jetzt sicher ausnutzen. Darüber hinaus kennen wir in Deutschland Szenen, in denen Minderjährige prostituiert werden, etwa in Berlin-Tiergarten, dort sind es hauptsächlich Jungen. Auch da braucht man immer Nachschub.

SPIEGEL: In Deutschland wurde Prostitution im Jahr 2000 legalisiert. Hilft das in einer Situation wie dieser oder eher nicht?

Roller: Die Absichten waren gut, man dachte – auch ich –, wenn die Frauen irgendwo registriert sind, dann haben sie einen gewissen Schutz. Die Realität sieht leider anders aus. Innerhalb dieser Legalität haben sich kriminelle Geschäftsmodelle sehr gut entwickeln können. Das beobachten wir leider weltweit. Es betrifft den gesamten Bereich moderner Sklaverei, nicht nur die Zwangsprostitution.

SPIEGEL: Sie sagten, man werde in rund sechs bis acht Monaten feststellen, dass es zu Menschenhandel und Zwangsprostitution mit ukrainischen Geflüchteten gekommen sei. Wie wird das aufgedeckt, durch Razzien in Bordellen?

Roller: Durch Frauen, die versuchen, aus ihrer Lage wieder herauszukommen. Es gibt in Deutschland keine präventiven Razzien in Bordellen mehr, da braucht es einen konkreten Verdacht. Bordelle sind ja legal. Sie können in Deutschland schneller ein Bordell aufmachen als eine Frittenbude. Aber es gibt Sozialarbeiterinnen, die auf dem Straßenstrich und in Bordellen unterwegs sind. Diese Leute sind darin geschult, Zwangsprostitution zu erkennen, und informieren die Polizei.

Helferinnen und Helfer von IJM vergeben Infomaterial an Geflüchtete in Siret, Rumänien

Helferinnen und Helfer von IJM vergeben Infomaterial an Geflüchtete in Siret, Rumänien

Foto: IJM Deutschland e.V.

SPIEGEL: Wie viel Prozent der Frauen in deutschen Bordellen sind Opfer von Zwangsprostitution?

Roller: Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen oder wissenschaftlich belegen. Hilfsorganisationen, die mit diesen Frauen sprechen, schätzen, dass 70 bis 80 Prozent Opfer von Menschenhandel sind. Viele würden zwar erst einmal sagen, dass sie es freiwillig machen, aber wenn man sie besser kennt, dann merkt man eben, dass dahinter Zwang steht. Viele haben bereits in ihrer Kindheit Gewalt erlebt und ein niedriges Selbstwertgefühl. Natürlich muss man vorsichtig sein mit solchen Aussagen, ich möchte nicht das Selbstbestimmungsrecht von Frauen infrage stellen, die sich für diese Tätigkeit entscheiden. Wir sind nicht gegen Prostitution. Wir sind gegen Zwangsprostitution. Trotzdem: Je mehr man in diesem Milieu unterwegs ist, desto klarer wird einem: Das, was man in Talkshows sieht, der Bordellbesitzer und die Edelhure, die da redet, das ist die Ausnahme und nicht die Regel.

SPIEGEL: Das BKA registrierte in seinem Bericht von 2020 insgesamt 465 Verfahren zu Fällen von Menschenhandel.

Roller: Es sind in Wirklichkeit natürlich viel mehr. In Deutschland gehen wir insgesamt von 100.000 bis 400.000 Frauen aus, die in der Prostitution arbeiten. Es ist für diese Frauen oft nicht möglich, bei der Polizei unabhängig eine Aussage zu machen. Sie werden bedroht. Andererseits verdienen sie teilweise auch Geld, unterstützen damit ihre Familien, das wollen sie nicht verlieren. Hinzu kommt, dass in Deutschland Frauen aus Nicht-EU-Ländern abgeschoben werden. Das macht es beispielsweise für Nigerianerinnen unmöglich, eine Anzeige zu erstatten. Also jene Frauen, die über die Afrika-Route, über den alten Sklavenumschlagplatz Libyen, auf Flüchtlingsbooten in die EU geschleust werden.

SPIEGEL: Was kann man jetzt konkret an den Grenzen tun, um Geflüchtete aus der Ukraine vor einer solchen Lage zu schützen?

Roller: Wir arbeiten intensiv mit BKA, LKA und Europol-Polizeibehörden zusammen, denen die gefährliche Situation sehr bewusst ist. Ansonsten können wir im Moment nur auf Prävention setzen. Wir sensibilisieren die Helfer vor Ort, verteilen Aufklärungsmaterial. Unsere Flyer legen wir auch den Notfallkits bei, die die Geflüchteten bekommen. Wir empfehlen, dass die Frauen sich unbedingt registrieren, aber auch, dass sie Fotos machen, Nummernschilder aufschreiben und diese auch weitergeben, wenn sie irgendwo mitfahren. In den Zügen in Polen und Rumänien gibt es Durchsagen, die die Frauen warnen. Es ist sehr viel schwieriger, jemanden in eine Zwangssituation zu bringen, wenn er oder sie aufgeklärt ist und die Fallstricke kennt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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