Familien suchen nach ihren Angehörigen Verschwunden in Acapulco

Mehr als 60.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst. Oft suchen Angehörige selbst nach den Verschwundenen. Auch in Acapulco - die Stadt, in der sich einst Promis am Strand trafen, ist heute die zweitgefährlichste der Welt.
Von Tim van Olphen und Matteo Bastianelli (Fotos)
Acapulco, Mexiko

Acapulco, Mexiko

Foto:

Matteo Bastianelli

Globale Gesellschaft

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Wo früher prominente Touristen wie Elizabeth Taylor, Brigitte Bardot oder John F. Kennedy die Sonne genossen und in der Bucht eines der ältesten Badeorte Mexikos schwammen, patrouillieren nun schwer bewaffnete Soldaten auf und ab. Sie wollen die wenigen Urlauber, die noch da sind, beschützen und einen Eindruck von Sicherheit vermitteln.

Doch dieser Eindruck trügt. Acapulco ist mittlerweile die zweitgewalttätigste Stadt der Welt . Die Mordrate in der ehemaligen Touristenstadt lag 2018 bei 110,5 Morden pro 100.000 Einwohnern.

Acapulco galt einst als ein beliebtes Reiseziel für Schauspieler und Millionäre - heute ist die Strandstadt Schauplatz eines Drogenkriegs: Kartelle und Gangs haben die Kontrolle übernommen, rivalisierende Banden kämpfen um Gebiete und kriminelle Geschäfte.

Aufgrund ihrer Lage ist die Hafenstadt ein Knotenpunkt für den Schmuggel von Kokain und Heroin. Die kriminellen Banden töten Menschen auf offener Straße oder richten Massaker in Bars  an. Auch Unternehmer, die sich weigern, Schutzgeld zu zahlen, werden ermordet .

Seit der damalige mexikanische Präsident Felipe Calderón 2006 den Kartellen in einer umstrittenen Militäroffensive offiziell den Krieg erklärte, hat die Gewalt in Mexiko drastisch zugenommen. 275.000 Menschen wurden seitdem landesweit getötet. Allein im vergangenen Jahr sind fast 35.000 Morde registriert worden, durchschnittlich 95 Morde pro Tag - so viele Fälle wie noch nie.

Frau überquert eine Straße in der mexikanischen Urlaubsstadt Acapulco

Frau überquert eine Straße in der mexikanischen Urlaubsstadt Acapulco

Foto: Matteo Bastianelli

Mehr als 60.000 Menschen werden zudem laut jüngsten Regierungsangaben vermisst - sie sind mutmaßlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Manchmal werden Überreste von Verschwundenen Jahre später in Massengräbern gefunden, allein im vergangenen Jahr wurden 873 solcher Grabstellen in Mexiko entdeckt. Ein Großteil der Entführungen und Morde wird auf Gangs und Kartelle zurückgeführt, doch auch Sicherheitskräfte lassen Menschen verschwinden .

Mexikos neuer Präsident Andrés Manuel López Obrador versprach den Angehörigen, gegen das Justizversagen und die Korruption in den eigenen Sicherheitsbehörden vorzugehen, doch seit seinem Amtsantritt im Dezember 2018 wurden bis Ende vergangenen Jahres bereits 9164 neue Vermisste registriert.

Viele Menschen nehmen die Suche nach den Verschwundenen nun selbst in die Hand. Überall im Land organisieren sich Angehörige und ziehen mit Spaten oder sogar Drohnen los, um nach ihren Kindern, Freunden, Geschwistern oder Eltern zu suchen. Und um sich gegenseitig Trost zu spenden.

Auch in Acapulco haben sich Betroffene zusammengefunden, um nach ihren Liebsten zu suchen. 2016 wurde dort die Organisation Familias de Acapulco en Busca de sus Desaparecidos ("Familien von Acapulco auf der Suche nach ihren Vermissten") gegründet. Mittlerweile haben sich 148 Familien der Initiative angeschlossen.

Für viele ist die Suche nach den Verschwundenen auch eine Suche nach Gewissheit - sie möchten endlich wissen, was ihren Angehörigen und Freunden widerfahren ist. Von den Behörden in Acapulco erhoffen sie sich indes keine Hilfe: 2018 hat das Mililtär die korrupte Polizei der Touristenstadt entmachtet und die Kontrolle übernommen.

Der italienische Fotograf Matteo Bastianelli ist vergangenes Jahr nach Acapulco gereist und hat dort das Schicksal der Angehörigen und deren Suche nach den Vermissten dokumentiert. "Quest for Peace" hat Bastianelli seine Fotostrecke genannt - "Suche nach Frieden":

Fotostrecke

Acapulco: Auf der Suche nach den Liebsten

Foto: Matteo Bastianelli

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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