Kampf gegen Mexikos Drogenkartelle Die Kinderpolizisten von Guerrero

In Mexiko geraten immer mehr Jugendliche in den Drogenkrieg - auf beiden Seiten. Sie werden von den Kartellen als Handlanger rekrutiert oder von den Ureinwohnern als Hilfspolizisten gedrillt.
Aus Mexiko-Stadt berichtet Klaus Ehringfeld
Kinder gehören jetzt auch zur Gemeindepolizei Policia comunitaria

Kinder gehören jetzt auch zur Gemeindepolizei Policia comunitaria

Foto: PEDRO PARDO/ AFP

Es sind Kinder und Jugendliche, zwischen sechs und 15 Jahre alt, die ihre Gesichter hinter Tüchern verstecken. Die über Zwölfjährigen haben Gewehre geschultert, eher alte Büchsen als moderne Waffen. Die Jüngeren halten Stöcke in der Hand.

Im Video, das Ende Januar die mexikanischen Medien erreichte, sieht man sie, in Sandalen, Turnschuhen und abgewetzten Hosen, auf einer Landstraße in den Bergen exerzieren. Im Hintergrund die Kommandos: "Hinknien! Anlegen!"

Die Kinder sind die jüngsten Mitglieder der Policia comunitaria, eines eigenen Polizeidienstes der Nahua-Ureinwohner in Mexikos Bundesstaat Guerrero. Diese selbstorganisierte Gemeindepolizei ist eine jahrzehntealte Institution, durch das Gewohnheitsrecht der Ureinwohner gedeckt. Sie soll die Sicherheit in den Dörfern garantieren.

Zum Appell: Kinder reihen sich auf

Zum Appell: Kinder reihen sich auf

Foto: PEDRO PARDO/ AFP

Aber jetzt sehen sich die Indigenen gezwungen, auch ihre eigenen Kinder in den Polizeidienst aufzunehmen. Der Mann, der im Video die Kommandos ruft, ist Bernardino Sánchez Luna, Chef der Policia comunitaria. Fragt man ihn, warum er Kinder unter Waffen stellt, dann holt er am anderen Ende der Leitung tief Luft und sagt: "Alle müssen mithelfen, Männer, Frauen und eben auch die Kinder. Wir werden sonst der Bedrohung durch die Verbrecher nicht mehr Herr."

Und dann erzählt Sánchez von Massakern an Indigenen, von Straßensperren, den täglichen Drohanrufen und den Schutzgelderpressungen durch das lokale Kartell mit Namen Los Ardillos. "Außerdem fangen sie auch schon an, unsere Kinder zu entführen, damit sie bei ihnen mitmachen", sagt er.

Die Kinderpolizisten von Guerrero offenbaren zwei bedrohliche Entwicklungen in Mexikos komplexem Gewaltpanorama. Zum einen werden immer mehr Gebiete des Landes vom organisierten Verbrechen kontrolliert, weil der Staat nicht präsent oder mit der Mafia verbandelt ist.

Zum anderen geraten zunehmend Kinder und Jugendliche in den Konflikt - auch weil die Kartelle ständig Nachwuchs an Kämpfern und Handlagern brauchen, die sie zumeist unter Heranwachsenden zwangsrekrutieren.

Vor allem die indigenen Dörfer stehen der Gewalt schutzlos gegenüber. Anlass für die Bewaffnung der Kinder der Gemeindepolizei war ein Massaker an zehn indigenen Musikern Mitte Januar, die in einen mutmaßlichen Hinterhalt der Mafiabande Los Ardillos gerieten.  

"Die Kinderpolizei ist ein Hilfeschrei", sagt Abel Barrera von der Menschenrechtsorganisation Tlachinollan in Guerrero. "Alleingelassen vom Staat, sind die Ureinwohner den Mafias schutzlos ausgeliefert." Diese Entwicklung habe sich in den vergangenen Jahren verschlimmert.

Mitglied der Gemeindepolizei in Guerrero

Mitglied der Gemeindepolizei in Guerrero

Foto: PEDRO PARDO/ AFP

Guerrero liegt im Südwesten Mexikos an der Pazifikküste. Bekannt ist vor allem die Urlaubsmetropole Acapulco. Kaum bekannt ist, dass Guerrero zu den drei ärmsten Staaten Mexikos zählt und eine von der organisierten Kriminalität am härtesten gezeichnete Region ist. In den dünn besiedelten Bergen Guerreros leben vor allem Indigene, durch ihre Gebiete wird das Kokain aus Südamerika transportiert. Und die Kartelle lassen in den Bergen Schlafmohn anbauen, den Grundstoff für Opium und Heroin; Mexiko ist weltweit der zweitgrößte Opiumhersteller.

Drogen, Gangs und ein schwacher Staat führen bekanntermaßen zu ausufernder Gewalt. Im vergangenen Jahr wurden 35.588 Menschen in Mexiko ermordet, so viele wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen vor 20 Jahren.

Organisationen wie das Sinaloa-Syndikat des in den USA inhaftierten Drogenbosses Joaquín "El Chapo" Guzmán oder das besonders blutrünstige Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) agieren in vielen Gebieten Mexikos als parallele Ordnungsmacht. So auch in Guerrero.

Festnahme von "El Ponchis" im Jahr 2010: Ein mexikanisches Drogenkartell hatte den Zwölfjährigen als Killer angeheuert

Festnahme von "El Ponchis" im Jahr 2010: Ein mexikanisches Drogenkartell hatte den Zwölfjährigen als Killer angeheuert

Foto: Antonio Sierra/ AP

Und diese Großkartelle oder kleineren Banden, von denen es bis zu 200 geben soll im ganzen Land, zwingen immer mehr Kinder und Jugendliche, sich ihnen anzuschließen. "Parallel zum Aufbau der neuen Nationalgarde durch Präsident Andrés Manuel López Obrador rüstet auch das organisierte Verbrechen auf", sagt Juan Martín Pérez García, Direktor der Kinderschutzorganisation REDIM  (Netzwerk für die Kinderrechte in Mexiko). Die Kinderpolizisten seien da noch vergleichsweise harmlos - und eher ein Akt der Notwehr.

Eine Erhebung der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) von 2015 zählte 30.000 Kinder und Jugendliche, die "bei den kriminellen Organisationen Mexikos" verschiedene Arbeiten verrichteten.

"Alle müssen mithelfen, Männer, Frauen und eben auch die Kinder. Wir werden sonst der Bedrohung durch die Verbrecher nicht mehr Herr."

Bernardino Sánchez Luna, Chef der Policia comunitaria

Kinder stehen bei den Mafias Schmiere, arbeiten als Kuriere oder seien im Drogenanbau tätig. Je älter sie werden, desto mehr werden sie zu schweren Verbrechen gezwungen. Dazu gehören Schutzgelderpressung, Entführung und Auftragsmord.

Nachwuchs zu finden, ist dabei ein Leichtes: Nach offiziellen Statistiken gehen in Mexiko sieben Millionen Kinder nicht zur Schule oder finden keine Arbeit. Sie seien die ideale Rekrutierungsmasse für das organisierte Verbrechen, sagt der REDIM-Direktor García Pérez.

Denn eine Karriere als Outlaw erscheint allemal lukrativer als ein Leben als Straßenverkäufer, Saisonarbeiter oder Migrant in den USA. Doch der Preis ist hoch: "Mehr als drei Kinder werden jeden Tag in Mexiko ermordet", sagt García Pérez. Seit dem Jahr 2000 seien 21.000 Mädchen und Jungen ermordet worden, 7000 gelten als verschwunden.

Auf einem alten Basketballplatz lernen die Kinderpolizisten den Umgang mit Waffen

Auf einem alten Basketballplatz lernen die Kinderpolizisten den Umgang mit Waffen

Foto: PEDRO PARDO/ AFP

Was also ist zu tun? REDIM-Direktor Pérez García kritisiert, dass von den 25 Projekten, die der seit gut einem Jahr amtierende Staatschef López Obrador als prioritär vorgestellt hat, keines die Situation der Kinder betreffe.

Das Netzwerk des Kinderrechtlers hat eine "Nationale Strategie zur Prävention und Betreuung der bewaffneten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" erarbeitet, welche die Anhörung internationaler Experten und die Mitarbeit der Zivilgesellschaft vorsieht. Das Strategiepapier hat Pérez García persönlich im Präsidialamt vorbeigebracht. Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten.

In Guerrero müsste zum Beispiel kurzfristig das staatliche Familieninstitut DIF eingreifen und sicherstellen, dass die Kinder in die Schule anstatt auf Patrouille gingen, fordert REDIM. Aber genau da liegt ein Teil des Problems: In vielen Dörfern gibt es keine Schulen, die Lehrer kommen zweimal pro Woche zu Besuch.

"Aber wenn die Narcos die Straßen sperren, um ihre Drogen ungestört zu transportieren", sagt Bernardino Sánchez von der Policia comunitaria, "dann kommen die Lehrer gar nicht."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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