Ermordete Künstlerin in Juárez Eine Kugel in den Kopf, eine in die Brust

Die mexikanische Künstlerin Isabel Cabanillas wollte Frauenmorde und Gewalt in der Grenzstadt Ciudad Juárez bekämpfen. Jetzt wurde die 26-Jährige erschossen. Wie leben Frauen in der Hauptstadt der Femizide?
Aus Ciudad Juárez berichten Sonja Peteranderl und Alicia Fernández (Fotos)
Trauernde Frauen mit Fotos der ermordeten Künstlerin Isabel Cabanillas

Trauernde Frauen mit Fotos der ermordeten Künstlerin Isabel Cabanillas

Foto: JOSE LUIS GONZALEZ/ REUTERS

Es ist eine ungewöhnlich bunte Trauerkarawane, die am Freitagnachmittag vergangener Woche durch das heruntergekommene Zentrum der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez zieht. Um die fünfzig junge Frauen und Männer auf Fahrrädern, sie haben sie mit rosa Farbe angesprüht oder mit buntem Kreppband umwickelt.

Mit lautem Gebrüll kommen sie vor einem verfallen wirkenden Haus zu stehen, "Justicia!", schreien sie immer wieder. Gerechtigkeit! Und sie rufen nach Isabel.

Isabel Cabanillas de la Torre, eine 26-jährige Künstlerin und Aktivistin aus Juárez, wurde hier, im Eugenio's, zum letzten Mal gesehen. In der Bar treffen sich Künstler, Intellektuelle, Studenten zum Biertrinken, mitten im Zentrum der Stadt, in dem Jahre der Vernachlässigung, Unsicherheit und Schutzgelderpressung ihre Spuren hinterlassen haben, viele Häuser leer stehen.

Eugenio's Bar - hier wurde Isabel Cabanillas das letzte Mal lebend gesehen

Eugenio's Bar - hier wurde Isabel Cabanillas das letzte Mal lebend gesehen

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

Nun hat sich auch einer der letzten Zufluchtsorte in ein Mahnmal für eine Tote verwandelt. Am verbarrikadierten Fenster der Bar hängen zwei pinkfarbene Kreuze - eines trägt Isabels Namen, das Datum ihres Mordes und ein Bild der jungen Frau mit lilagefärbten, knapp schulterlangen Haaren, Nasenring und sanften Gesichtszügen, die mit einem offenen Lachen in die Kamera blickt. Auf dem zweiten Kreuz eine Mahnung: "Ni olvido, ni perdón" – weder Vergessen noch Vergebung.

Auf ihrem Fahrrad machte Isabel Cabanillas sich eine Woche zuvor auf den Heimweg. Ihre Freunde fahren jetzt die Strecke ab, die sie nahm - nur ein paar Hundert Meter, vorbei an leer stehenden Häusern mit eingeschlagenen Scheiben und kläffenden Hunden, Wänden voller Graffiti, bis hin zu einer Straße zwischen einer Brachfläche und einer hohen Mauer.

Dort, wo die Künstlerin starb, haben Freunde und Aktivisten ein Kreuz aufgestellt und Blumen niedergelegt

Dort, wo die Künstlerin starb, haben Freunde und Aktivisten ein Kreuz aufgestellt und Blumen niedergelegt

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

An der Stelle, an der Isabel Cabanillas erschossen wurde, steht jetzt ein pinkfarbenes Holzkreuz, daneben liegen frische Blumensträuße. Eine tödliche Kugel traf sie am Kopf, eine weitere in die Brust. Um drei Uhr nachts wurde die Polizei auf den leblosen Körper aufmerksam gemacht. Daneben lagen Isabels Fahrrad und Reste von zwei Projektilen.

"Isabel war eine schöne, sehr liebevolle Frau, sie war Teil der Künstler-Community in Juárez", sagt Mar, eine Freundin von Cabanillas.

Demonstranten mit dem Konterfei von Isabel Cabanillas. Sie fordern Aufklärung

Demonstranten mit dem Konterfei von Isabel Cabanillas. Sie fordern Aufklärung

Foto: JOSE LUIS GONZALEZ/ REUTERS

Isabel Cabanillas wollte ihre vom Drogenkrieg, von Gewalt, aber auch von Korruption und Armut geplagte Stadt verändern - mit Kunst, Street-Art und Protest. Sie engagierte sich für Initiativen gegen Militarisierung, Gewalt, Frauenmorde und Fracking, setzte sich für Migranten ein. Ihren Freunden fällt es schwer zu fassen, dass gerade sie, die sich so gegen Gewalt engagiert hat, selbst zum Opfer geworden ist.

Ciudad Juárez galt als Schauplatz des Drogenkriegs lange als gefährlichste Stadt der Welt, inzwischen hat die Grenzstadt Tijuana Juárez mit der höchsten Mordrate abgelöst - doch mit Frauenmorden führt Juárez weiter die Statistiken an. Offiziellen Daten zufolge wurden 2019 in Juárez 180 Frauen getötet – die meisten landesweit.

Die Gewalt gegen Frauen ist in ganz Mexiko eine Epidemie, die zunimmt und immer brutaler wird, allein im vergangenen Jahr wurden fast 3000 Frauen getötet. 2012 hatte Mexiko zwar den sogenannten Femizid als neuen Straftatbestand eingeführt, wenn also Frauen oder Mädchen ermordet werden, weil sie weiblich sind. Allerdings wird nur ein Bruchteil der Frauenmorde als Femizid eingestuft, die Mehrheit der Fälle nie aufgeklärt.

Juárez wurde bereits in den Neunzigerjahren als Hauptstadt der Frauenmorde weltweit bekannt. Immer wieder wurden vergewaltigte, teils verstümmelte Frauen auf Brachflächen wie Müll entsorgt oder in Massengräbern verscharrt. Unter den Toten waren viele Fabrikarbeiterinnen, Frauen ohne Lobby, ohne Geld, um sich einen sicheren Transport zu leisten, und die auch in Spätschichten arbeiteten.

Es gab Gerüchte über Serienmörder und satanische Rituale von Kartellen. Busfahrer und Polizisten standen im Verdacht, Frauen zu verschleppen. Die Ermittlungen verliefen meist im Sand.

"Es gibt ein Muster der Gewalt, das sich an einem bestimmten Punkt in einen Femizid verwandelt."

Veronica Corchado, Direktorin des städtischen Fraueninstituts in Ciudad Juárez

Häusliche Gewalt als eine Ursache für die hohe Rate von Frauenmorden sei lange vernachlässigt worden, sagt Veronica Corchado, Direktorin des städtischen Fraueninstituts Instituto Municipal de la Mujer (IMM) in Ciudad Juárez. "Es gibt ein Muster der Gewalt, das sich an einem bestimmten Punkt in einen Femizid verwandelt." Einer Uno-Studie zufolge wurden 2017 weltweit 87.000 Frauen ermordet, mehr als die Hälfte von Partnern oder Familienangehörigen.

Brutale Morde an Frauen, die Lateinamerika immer wieder erschüttern, haben zu breiten Protestbewegungen wie "Ni una menos" geführt, die sexuelle Gewalt in sozialen Netzwerken und auf der Straße anprangern. In Mexiko haben Frauen zuletzt im vergangenen Jahr in vielen Städten mit den "Glitter-Protesten" gegen sexuelle Gewalt protestiert. Doch obwohl Frauen bereits seit Jahrzehnten gegen Machismo, Übergriffe und Femizide kämpfen, nimmt die tödliche Gewalt nicht ab.

Demonstranten aus Mexiko und den USA protestieren mit einer Aktion gegen Femizide in der Grenzstadt Ciudad Juárez

Demonstranten aus Mexiko und den USA protestieren mit einer Aktion gegen Femizide in der Grenzstadt Ciudad Juárez

Foto: HERIKA MARTINEZ/ AFP

Isabel Cabanillas und ihre Freundinnen sind mit der Angst aufgewachsen, belästigt, entführt, vergewaltigt, ermordet zu werden. "Seit wir Kinder sind, sehen wir die rosafarbenen Kreuze für die ermordeten Frauen im Zentrum, und im Fernsehen die Anzeigen der verschwundenen Frauen - das formt deine Sicht auf die Welt", sagt Arena, eine enge Freundin von Isabel Cabanillas.

"Die Frauenmorde haben seit Generationen Angst, aber auch Widerstand erzeugt, und immer mehr Frauen organisieren sich, um zu zeigen, dass die Toten nicht nur Zahlen sind." Mit Mar und anderen Frauen sitzt Arena am Abend der Trauerfeier für Isabel in einem besetzten Haus zusammen. Es ist das im Hauptquartier des Kollektivs "Hijas de su Maquilera Madre" (Töchter ihrer Fabrikarbeiterinnen-Mütter). Auch Isabel Cabanillas gehörte zu der feministischen Gruppe, die gegen Macho-Kultur, Gewalt und Frauenmorde kämpft.

Mitglieder der "Hijas de su Maquilera Madre” in ihrem Hauptquartier - aus Angst wollen sie ihre Gesichter nicht zeigen

Mitglieder der "Hijas de su Maquilera Madre” in ihrem Hauptquartier - aus Angst wollen sie ihre Gesichter nicht zeigen

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

Im ausgekühlten Wohnzimmer nippen die Frauen erschöpft an Mini-Bierflaschen, an der Wand lehnen Protestplakate, aus den Regalen quellen Bücher über Marxismus und Feminismus. Die Frauen überlegen, wie sie sich und ihre Veranstaltungsorte besser schützen können.

Alle, die in dem Haus gewohnt haben, sind vorübergehend zu Freunden gezogen. Auch die Vermummung dient der Sicherheit. Sie informieren sich gegenseitig, wo sie unterwegs sind, welches Transportmittel, welche Route sie nehmen, sind mit Taser und Pfefferspray bewaffnet. Nach dem Mord an Isabel haben sie Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden.

Auch Isabel Cabanillas gehörte zu der feministischen Gruppe, die gegen Macho-Kultur, Gewalt und Frauenmorde kämpft

Auch Isabel Cabanillas gehörte zu der feministischen Gruppe, die gegen Macho-Kultur, Gewalt und Frauenmorde kämpft

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, doch laut Javier Corral Jurado, dem Gouverneur des Bundesstaates Chihuaha, war der Angriff auf Isabel "gezielt" und "geplant". Ein Mordfall gab es in der Frauengruppe noch nicht; in anderen Organisationen ist das schon vorgekommen, etwa bei Müttern, die nach ihren verschwundenen Töchtern gesucht haben.

"Wir können uns nicht erklären, warum es eine direkte Attacke gegen sie gab - sie war liebenswert und charismatisch", sagt Arena, die glaubt, dass Isabel ermordet wurde, weil sie politisch aktiv war. "Was ihr passiert ist, ist deswegen eine Warnung an uns alle." Isabel Cabanillas lebte allein mit ihrem vierjährigen Sohn, sie hatte sich vor zwei Jahren von ihrem Freund getrennt.

Doch die jungen Frauen wollen mit noch mehr Veranstaltungen, mehr Sichtbarkeit und mehr Stärke auftreten als zuvor. "Wir werden weiter protestieren, bis der Staat aufklärt, wer Isabel warum getötet hat", sagt Selena.

Dass der Staat den Mordfall tatsächlich löst und für Gerechtigkeit sorgt, bezweifelt sie jedoch - auch bei Tausenden anderen Fällen habe die mexikanische Justiz versagt. Selena steht in Kontakt mit Opferorganisationen, in denen Angehörige von verschwundenen Frauen versuchen, Fälle aufzuklären und Verdächtige vor Gericht zu bringen.

Fotostrecke

So trauern die Menschen in Juárez um Isabel Cabanillas

Foto: JOSE LUIS GONZALEZ/ REUTERS

Teils werden die Ermittlungen nur schlampig geführt oder verschleppt, Beweismittel verschwinden, Unschuldige werden verhaftet. Es gab Fälle, bei denen Familien Knochen übergeben wurden, die gar nicht von der verschwundenen Tochter stammten. Den Angehörigen bleibt oft nichts übrig, als eigene Untersuchungen anzustellen.

Die Gewalt zerreißt die Stadt, doch in diesen Tagen wirkt es manchmal, als ob Juárez durch den Mord an Isabel enger zusammenrückt. Nachts wirft die Beleuchtung der Bäckerei Rezizte im Stadtzentrum einen Lichtkegel ins Dunkel. Vor dem Laden legt ein DJ Cumbia-Musik auf, drinnen wird Gebäck und Kuchen verkauft.

Künstler und Freunde von Isabel Cabanillas machen Kunstdrucke, um Spenden für ihren Sohn zu sammeln

Künstler und Freunde von Isabel Cabanillas machen Kunstdrucke, um Spenden für ihren Sohn zu sammeln

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

Isabel Cabanillas war mit den Gründern der Bäckerei befreundet, vor Kurzem hatten sie noch darüber gesprochen, dass die Stadt sicherer geworden ist. Hier traf sie sich mit anderen Künstlern, der kleine Eckladen war einer ihrer Lieblingsorte.

An dem Abend produziert hier jetzt ein Künstler Siebdrucke, auf denen das Fahrrad von Isabel Cabanillas zu sehen ist - die Spenden sollen ihren kleinen Sohn unterstützen.

Das letzte Wandgemälde, auch "Mural" genannt, von Isabel Cabanillas

Das letzte Wandgemälde, auch "Mural" genannt, von Isabel Cabanillas

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

An der nächsten Straßenecke prangt Isabel Cabanillas' letztes Street-Art-Gemälde: ein buntes Selbstporträt einer jungen Frau, der die Augen fehlen. Um ihren Kopf herum schweben dafür überall kleine Augen.

"Te observan", "Wir beobachten dich", hat sie neben das Bild geschrieben.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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