Zum Abendessen in Mexiko-Stadt »Wir leben nicht wirklich, wir überleben gerade so«

Sie arbeitet als Mezcal-Testerin, doch eine Corona-Infektion nahm ihr den Geschmackssinn: Hier erzählt eine alleinerziehende Mexikanerin, wie sie und ihre Kinder mit 200 Euro im Monat auskommen.
Von Sonja Peteranderl und Alicia Fernández (Fotos)
Single, selbstständig, Mutter: In der Coronakrise muss Lala Noguera, 46, noch mehr Herausforderungen meistern

Single, selbstständig, Mutter: In der Coronakrise muss Lala Noguera, 46, noch mehr Herausforderungen meistern

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Lala Noguera kauft in einem kleinen Laden Gemüse ein, dann pflückt sie noch ein paar pinkfarbene Blüten, die in der Nähe ihres Hochhauses wachsen – aus ihnen wird sie später Bougainville-Limonade zum Abendessen zubereiten.

Lala Noguera hat das Haus in den vergangenen Monaten meist nur zum Einkaufen verlassen

Lala Noguera hat das Haus in den vergangenen Monaten meist nur zum Einkaufen verlassen

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Die Sonne knallt an diesem Nachmittag auf das Wohnviertel Argentina Poniente in Mexiko-Stadt, der Himmel ist strahlend blau. Doch die Straßen sind leer. Nur Dienstleister sind unterwegs – Männer, die Müll entleeren, ein Verkäufer, der mit Wasserbottichen auf einem Wägelchen vorbeirumpelt.

Wer es sich leisten kann, bleibt zu Hause: Mehr als eine Million Mexikaner haben sich bereits mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 99.500 Menschen sind gestorben. Auch Noguera, 46, und ihre jüngere Tochter Sandra, 18, erkrankten vor zwei Monaten: »Meine Tochter und ich konnten plötzlich nichts mehr riechen und schmecken«, sagt die Mutter. Sie hatte Angst um ihre Tochter – und davor, dass sie ohne die Sinne ihren Job verliert.

Lala Noguera lebt mit ihren beiden Töchtern in einem Mittelklasse-Wohnkomplex in Mexiko-Stadt

Lala Noguera lebt mit ihren beiden Töchtern in einem Mittelklasse-Wohnkomplex in Mexiko-Stadt

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Noguera ist Expertin für Agaven, Mexikos Nationalpflanze. Sie arbeitet selbstständig, erklärt etwa Küchenchefs oder Barkeepern in Workshops die Geschichte der Agaven und bringt ihnen bei, wie man daraus Spirituosen wie Mezcal oder Pulque gewinnt.

Mittlerweile schmecken Lala und Sandra Noguera wieder, was sie trinken und essen, fühlen sich wieder fit. Während die Mutter das traditionelle Gericht »Chiles Rellenos«, gefüllte Paprika, zubereitet, hört die Schülerin dem digitalen Zoom-Unterricht zu. »Langweilig«, kommentiert Sandra die Ausführungen ihres Kunstlehrers und zeichnet nebenbei.

Sie geht aufs Gymnasium, legt bald ihre Abschlussprüfungen ab, im kommenden Jahr will sie Internationale Beziehungen in Mexiko-Stadt studieren. Für das Essen muss sie ihren Schreibtisch räumen, weil es nur einen Tisch in dem Apartment gibt.

Normalerweise hilft Sandra Noguera ihrer Mutter beim Kochen, doch gerade hat sie digitalen Unterricht

Normalerweise hilft Sandra Noguera ihrer Mutter beim Kochen, doch gerade hat sie digitalen Unterricht

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Die Dreizimmerwohnung, in der Lala seit zehn Jahren mit Sandra, ihrer älteren Tochter Camila, 23, und Hund Lucas lebt, ist nur 50 Quadratmeter groß. Camila hat an diesem Tag einen Kundentermin außer Haus – sie studiert noch und versucht nebenbei, als freie Ernährungsberaterin Geld zu verdienen.

Lesen Sie in unserer Serie »Zum Abendessen bei...«, was Frauen weltweit bewegt. Beim Essen in Mexiko-Stadt erzählt Lala Noguera von ihrem Alltag, was sie gerade am meisten beschäftigt, besorgt und freut – politisch, finanziell und persönlich.

Lala (l.) und Sandra Noguera führen den Hund aus, während der Krise darf er nur zwei- statt viermal pro Tag raus

Lala (l.) und Sandra Noguera führen den Hund aus, während der Krise darf er nur zwei- statt viermal pro Tag raus

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Lala Noguera über die aktuelle Situation: »Mein Cousin ist an Covid-19 gestorben«

»Wir Mexikaner lachen normalerweise über den Tod, er gehört zum Leben dazu. Am ›Día de los Muertos‹, dem Tag der Toten, feiern wir Anfang November die Verstorbenen und halten sie so am Leben – aber dieses Jahr war es einfach nur traurig und trostlos. Normalerweise bringen wir Blumen und Essen zu den Gräbern, Mariachi-Bands spielen Musik, und wir tanzen.

Diesmal haben die Toten keinen Besuch bekommen, weil die Friedhöfe geschlossen waren. Wir haben stattdessen einen riesigen Altar aufgestellt und Bilder der neuen Toten aus der Familie hinzugefügt. Mein 48-jähriger Cousin ist im April nach einer Covid-19-Infektion gestorben. Er wurde beatmet und in ein künstliches Koma versetzt, nach 38 Tagen Kampf ist er gestorben.

Als meine Tochter Sandra und ich Corona hatten, haben wir unseren Geruchs- und Geschmackssinn verloren und hatten Kopfschmerzen. In den Nächten bekam ich Panik und dachte, ich will nicht sterben, damit meine Kinder nicht allein sind – aber unsere Verläufe waren zum Glück sehr mild. Trotzdem habe ich meinen Lebensstil geändert. Ich treibe jetzt zu Hause viel Sport wie Yoga oder Fitness, esse gesünder und habe zwölf Kilo abgenommen.

Es ist manchmal schwierig, zu dritt so viel Zeit in nur drei Zimmern zu verbringen, aber es hat uns auch näher zusammengebracht.

Sandra Noguera, 18, vermisst die Schule und ihre Freunde

Sandra Noguera, 18, vermisst die Schule und ihre Freunde

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Wir hatten zu Beginn der Pandemie eigentlich ausgemacht, wie wir die Aufgaben im Haushalt verteilen: Meine Töchter sollten früh aufstehen, die Wohnung aufräumen, den Hund ausführen. Am nächsten Tag lag die Kleine um zehn Uhr immer noch im Bett – das hat mich aufgeregt.

Für mich ist der Tag um diese Zeit fast vorbei: Ich habe den Mütter-Chip implantiert, bin darauf programmiert, früh aufzustehen, sofort zu putzen oder andere Dinge zu erledigen. Sie meinte dann: ›Warum soll ich so früh aufstehen, wenn ich doch sowieso den ganzen Tag zu Hause bleibe?‹ Und irgendwie stimmt ihre Logik ja.

Wir versuchen, es uns so gemütlich wie möglich zu machen: Wir haben viel ausgemistet, um mehr Platz zu haben, aber auch die Wohnung renoviert und verschönert. Wir hatten vorher zum Beispiel überall Teppichboden, jetzt haben wir Holzboden verlegt.«

Bei ihrer Arbeit ist Lala Noguera auf einen guten Geschmacks- und Geruchssinn angewiesen

Bei ihrer Arbeit ist Lala Noguera auf einen guten Geschmacks- und Geruchssinn angewiesen

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Arbeit und Geld: »Wir überleben gerade so«

»Wir leben nicht wirklich, wir überleben gerade so. Mein Einkommen ist anfangs komplett weggebrochen, weil ich meinen Laden dicht machen musste und auch von Bars und Restaurants abhängig bin, von denen viele in der Pandemie schließen mussten. Ich versuche, jetzt mehr Konferenzen und Workshops über Zoom zu machen.

Langsam fange ich auch an, kleine, persönliche Workshops zu geben – aber es kann sein, dass die Corona-Regeln, die etwas gelockert wurden, bald wieder strenger werden und für ganz Mexiko-Stadt die Alarmstufe Rot gilt. Vielleicht würden weniger Menschen sterben, wenn Mexiko wie Spanien einen harten Lockdown einführen würde, aber das ginge nur, wenn Leute ohne Arbeit finanziell unterstützt werden würden.

Wenig Raum: Von ihrer Wohnung aus blickt Lala Noguera auf die nächste Häuserwand

Wenig Raum: Von ihrer Wohnung aus blickt Lala Noguera auf die nächste Häuserwand

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Wir müssen gerade zu dritt mit umgerechnet 200 Euro oder weniger im Monat auskommen, das reicht fast nur für Lebensmittel. Vor der Krise habe ich etwa doppelt so viel verdient, wobei mein Einkommen als Selbstständige schwankt. Camila verdient mit Ernährungsberatung über Zoom manchmal ein bisschen Geld und übernimmt dann die Strom- oder die Wasserrechnung – das ist eine große Hilfe.

Anfangs in der Pandemie haben wir nur von der Rente gelebt, die ich seit einem Arbeitsunfall erhalte, rund 50 Euro pro Monat. Nachbarn haben uns Grundnahrungsmittel vorbeigebracht: Reis, Bohnen, Mehl, das Nötigste, was man zum Überleben braucht. Im vergangenen Monat habe ich dann einer anderen Nachbarin ausgeholfen. Die Solidarität ist groß. Mein Vermieter hat fünf Monate lang auf die Miete verzichtet, weil ich hier seit zehn Jahren lebe, auch die Miete für meinen Laden wurde vier Monate lang ausgesetzt. Das ist aber nicht überall so: Eine Freundin von mir hat ihre Wohnung verloren und musste zu ihren Eltern ziehen.«

Lala Noguera findet, dass die Hilfsbereitschaft in Mexiko während der Pandemie gewachsen ist

Lala Noguera findet, dass die Hilfsbereitschaft in Mexiko während der Pandemie gewachsen ist

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Gleichberechtigung: »Du wirst auch mal mit einer Machete oder einer Pistole bedroht«

»Ich bin seit zwölf Jahren alleinerziehend, mein Ex-Mann unterstützt uns gar nicht. Ich bin Hausfrau und Mutter und trotzdem eine moderne Frau, die es geschafft hat, sich in einer Männerdomäne durchzusetzen. Vor der Krise bin ich auch als Jurymitglied für internationale Spirituosenwettbewerbe nach China oder Europa gereist.

Die Mezcal-Branche in Mexiko ist eine Macho-Welt, Männer nehmen einen nicht ernst, versuchen, uns Steine in den Weg zu legen. In mexikanischen Bundesstaaten wie Oaxaca und Michoacán wollen viele nicht, dass Frauen Mezcal herstellen – dort wirst du auch mal mit einer Machete oder einer Pistole bedroht. Im vergangenen Jahr wurde ich in Oaxaca mit einer anderen Mezcal-Expertin entführt, ein paar Stunden festgehalten, dann ließen sie uns wieder frei.

Die Leute auf dem Land müssen aufhören, daran zu glauben, dass Gott alles regelt, und die Dinge selbst in die Hand nehmen, um weiterzukommen. Zusammen mit rund 70 Frauen, die sich mit Agaven beschäftigen oder Mezcal herstellen, bin ich in der Initiative Mujeres del Maguey aktiv. Wir setzen uns für mehr Anerkennung, Frauenrechte und bessere Arbeitsbedingungen ein.«

Mutter und Töchter verbringen jetzt viel mehr Zeit miteinander als zuvor

Mutter und Töchter verbringen jetzt viel mehr Zeit miteinander als zuvor

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Über ihren Medien- und Nachrichtenkonsum: »Über Politik informiere ich mich vor allem auf Twitter«

»Fernsehen langweilt mich, ich sehe nur manchmal einen Film mit meinen Töchtern an. Über die Benachrichtigungen auf meinem Telefon erfahre ich am schnellsten, was gerade in der Welt passiert. Vor allem auf Twitter informiere ich mich über Politik. Facebook ist für mich eher eine soziale Plattform, die aber auch für Marketing und Handel gut ist.

Ich möchte nicht die ganze Zeit Nachrichten über die Coronakrise lesen, weil es mich stresst und weil man irgendwann verzweifelt, wenn man sich nur mit Negativem beschäftigt. Der ›Mañanera‹, der täglichen Pressekonferenz, in der die mexikanische Regierung über die Corona-Entwicklungen informiert, kann man aber fast nirgends entkommen – auch auf Facebook springt sie einem gleich entgegen.

Ich habe den Präsidenten Andrés Manuel López Obrador gewählt, weil ich das Gefühl hatte, dass er eine bedeutende Veränderung herbeiführen würde, aber er ist mir zu populistisch und die Regierung hilft den Menschen nicht genug in der Pandemie. Ich sehe aber auch keine Alternativen, weil viele mexikanische Politiker einfach korrupt sind.«

Lala Noguera versucht, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen – wie Blumen oder Essen

Lala Noguera versucht, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen – wie Blumen oder Essen

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Sorgen und Wünsche: »Es zählt für mich der kleine Luxus«

»Die Gesundheit ist gerade das Wichtigste, und es zählt für mich der kleine Luxus: Dass ich zum Beispiel rausgehen kann, die Luft und die Sonne spüre und meiner Familie etwas Leckeres kochen kann. Wenn ich alle Produkte auswählen kann, die ich für ein Gericht haben möchte, und sie riechen und schmecken kann.

Ich hoffe natürlich, dass ich bald wieder mehr Arbeitsmöglichkeiten habe und auch regelmäßig wieder Workshops stattfinden können – natürlich in kleinerem Rahmen und mit Abstand.

Wenn ich Geld hätte, würde ich meinen Töchtern gern einen Englischkurs finanzieren, weil es ihnen viele Türen öffnen könnte. Sandra bildet sich zwar online mit Tutorials weiter, aber das ist nicht dasselbe.

Noguera macht sich Sorgen, weil ihre Tochter, die eher ein introvertierter Typ ist, in der Pandemie noch stiller wird

Noguera macht sich Sorgen, weil ihre Tochter, die eher ein introvertierter Typ ist, in der Pandemie noch stiller wird

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Meine Töchter fragen mich nicht nach Geld oder Geschenken, weil sie wissen, dass wir keines haben. Ich versuche, sie mit gutem Essen zu entlohnen, um die Leere zu füllen. Aber oft müssen wir Gerichte wiederholen oder Reste essen, um zu sparen.

Wenn die beiden sich etwas wünschen könnten, wäre das aber kein Englischkurs, sondern Kleidung und Schuhe. Gut, dass die meisten Einkaufszentren in der Pandemie sowieso geschlossen haben.«

Fotostrecke

Lala Nogueras Lieblingsrezept für »Chiles Rellenos«, gefüllte Spitzpaprika

Foto: Alicia Araís Fernández / DER SPIEGEL

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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