Schlechte Ernährung und Softdrinks tragen in Mexiko zur Verbreitung von Diabetes und Fettleibigkeit bei
Schlechte Ernährung und Softdrinks tragen in Mexiko zur Verbreitung von Diabetes und Fettleibigkeit bei
Foto: Joel Carillet / Getty Images

Schwere Covid-19-Verläufe bei Übergewicht Mexikos doppelte Epidemie

Coca-Cola statt Bohnen: Viele Menschen in Mexiko sind übergewichtig und leiden an Diabetes. Das begünstigt schwere Covid-19-Verläufe. Der Verbraucherschützer Alejandro Calvillo erklärt, was man tun kann.
Ein Interview von Sonja Peteranderl
Globale Gesellschaft

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Die Coronakrise trifft Mexiko besonders hart - und schlechte Ernährung und Softdrinks sind dafür offenbar mitverantwortlich. Mehr als 76.000 Menschen sind bereits an und mit Covid-19 gestorben, damit zählt Mexiko nach den USA, Brasilien und Indien die viertmeisten Corona-Todesfälle weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt davor, dass Covid-19-Erkrankungen in dem Land häufiger schwere Verläufe nehmen - Fettleibigkeit und Diabetes gelten dabei als Risikofaktoren.

Fast zwei Drittel der erwachsenen Mexikaner sind übergewichtig, rund 13 Prozent an Diabetes erkrankt. Diabetes war bereits vor der Pandemie tödlich: Der Statistikbehörde Inegi zufolge  war Diabetes mellitus im Jahr 2018 unter den drei häufigsten Todesursachen. Mehr als 100.000 Menschen starben an den Folgen der Zuckerkrankheit.

Manche Bundesstaaten versuchen, die Diabeteskrise nun mit drastischen Schritten zu bekämpfen: Die Bundesstaaten Oaxaca  und Tabasco  haben vor Kurzem verboten, zuckerhaltige Softdrinks und stark kalorienhaltiges Fast Food an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zu verkaufen. Geschäfte, die sich daran nicht halten, können mit Bußgeldern belegt oder geschlossen werden. Doch die Reform kommt zumindest für die Coronakrise zu spät.

Alejandro Calvillo von der Verbraucherschutzorganisation "El Poder del Consumidor" ("Die Macht des Verbrauchers") in Mexiko-Stadt engagiert sich seit Jahren für eine Gesundheitspolitik, die Diabetes und Fettleibigkeit eindämmt, und kritisiert den starken Einfluss der Softdrink- und Nahrungsmittelindustrie in Mexiko.

SPIEGEL: Herr Calvillo, was macht Diabetes und Übergewicht in Mexiko in diesen Zeiten so gefährlich?

Calvillo: Es gibt viele Variablen, die eine Corona-Erkrankung beeinflussen, aber die drei häufigsten Vorerkrankungen, die Menschen haben, die in Mexiko an Covid-19 sterben, sind Bluthochdruck, Fettleibigkeit und Diabetes. Starkes Übergewicht und Zuckerkrankheit führen zu kontinuierlichen Entzündungsprozessen, der Körper ist geschwächt und anfällig. Fettzellen scheinen außerdem ein fruchtbarer Nährboden für das Coronavirus zu sein. Es ist auch auffällig, dass Länder wie die USA, Chile und Mexiko, in denen besonders viele Menschen übergewichtig sind, sehr viele Corona-Tote im Verhältnis zu ihren Einwohnern haben.

Fettleibigkeit und Diabetes sind in Mexiko Volkskrankheiten - und nicht nur in der Pandemie ein Gesundheitsrisiko

Fettleibigkeit und Diabetes sind in Mexiko Volkskrankheiten - und nicht nur in der Pandemie ein Gesundheitsrisiko

Foto: PEDRO PARDO / AFP

SPIEGEL: Wie stark ist Diabetes in der mexikanischen Bevölkerung verbreitet?

Calvillo: Es wird geschätzt, dass zwischen zehn und 14 Prozent der Erwachsenen in Mexiko an Diabetes erkrankt sind. Allerdings wissen zwischen 30 und 40 Prozent der Diabetiker gar nicht, dass sie die Krankheit haben. Diabetes ist in Mexiko außer Kontrolle, die Erkrankten bleiben oft sich selbst überlassen. Es gibt keine frühzeitigen Diagnosen und vorbeugende Maßnahmen, auch Armut spielt eine Rolle.

SPIEGEL: Inwiefern?

Calvillo: Besonders die Ärmsten haben keinen Zugang zu guter Gesundheitsversorgung, sie können ihren Zustand nicht überwachen. Viele finden erst heraus, dass sie Diabetes haben, wenn sie zum Arzt gehen, weil sie anfangen, ihre Sehkraft zu verlieren - und der Arzt diabetische Retinopathie feststellt, eine Netzhauterkrankung, die durch Diabetes mellitus ausgelöst wird. Andere kommen mit einem Fußgeschwür. Zehntausende Amputationen jährlich sind auf Diabetes zurückzuführen - Diabetes ist die Hauptursache für Amputationen und Erblindungen.

Viele Kinder und Erwachsene in Mexiko sind übergewichtig und haben Diabetes - die Krankheit wird oft zu spät erkannt

Viele Kinder und Erwachsene in Mexiko sind übergewichtig und haben Diabetes - die Krankheit wird oft zu spät erkannt

Foto: PEDRO PARDO / AFP

SPIEGEL: Wie konnte die Krankheit zu einer solchen Epidemie werden?

Calvillo: In Mexiko lässt sich unter anderem ein radikaler Ernährungswandel beobachten. Seit der Jahrtausendwende, also in den vergangenen 20 Jahren, hat der Konsum von Softdrinks in Mexiko um rund 40 Prozent zugenommen, auch die Nachfrage nach industriell gefertigten Backwaren ist stark gestiegen. Gleichzeitig essen die Menschen viel weniger traditionelle Lebensmittel, die gesund sind und das Immunsystem stärken, wie Bohnen, Mais, Obst und Gemüse. Diabetes war in der indigenen Bevölkerung früher eine seltene Krankheit, jetzt ist sie eine Epidemie - weil Junkfood und vor allem zuckerhaltige Getränke weitverbreitet sind. Insbesondere Coca-Cola hat eine starke Präsenz.

SPIEGEL: Was unternimmt die Regierung gegen das Problem?

Calvillo: 2016 hat Mexiko wegen Fettleibigkeit und Diabetes den epidemiologischen Notstand ausgerufen, da rund 100.000 Menschen an Diabetes mellitus gestorben waren. Darauf hätte eine Strategie folgen müssen, aber das Gegenteil ist passiert. Die Regierung des Ex-Präsidenten Enrique Peña Nieto hat eine Kommission eingerichtet, die die Maßnahmen gegen Fettleibigkeit und Diabetes überwachen sollte. Aber mehr als die Hälfte der Sitze wurde von der Industrie oder von Industrie-finanzierten Verbänden besetzt - sie stand also im Dienst der Unternehmen.

SPIEGEL: Hat sich das mit der darauffolgenden Regierung geändert?

Calvillo: Es ist das erste Mal in den 14 Jahren, in denen ich mich mit dem Diabetesproblem beschäftige, dass die zuständige Behörde ohne die Einmischung der Industrie handelt. Es gab zum Beispiel eine Lebensmittelkennzeichnung, die die Industrie freiwillig entworfen hatte. Sie wurde auch von der Weltgesundheitsorganisation kritisiert, sie ist viel zu schwach und wird jetzt verschwinden. Stattdessen wird ein neues, sinnvolleres Etikett eingeführt, das bereits genehmigt wurde.

SPIEGEL: Mexiko ist es gegen den Widerstand der Industrie im Jahr 2014 auch gelungen, eine Softdrinksteuer einzuführen. Wie erfolgreich ist sie?

Calvillo: Unabhängige Studien belegen, dass der Soft-Drink-Konsum im ersten Jahr sechs bis sieben Prozent zurückgegangen ist. Im zweiten Jahr waren es neun Prozent. Die Steuer zeigt also eine Wirkung, allerdings wurde sie durch den Einfluss der Industrie von den empfohlenen 20 Prozent auf zehn Prozent gesenkt. Andere Länder mit einer Steuer von mehr als 15 Prozent sehen noch deutlichere Effekte. Es wäre auch gut, wenn die Steuereinnahmen in einen öffentlichen Fonds fließen würden, um Gesundheitsprogramme für ärmere Menschen zu finanzieren.

Viele Mexikaner essen heute weniger Obst und Gemüse als vor 20 Jahren - und mehr Fast Food und industriell verarbeitete Backwaren

Viele Mexikaner essen heute weniger Obst und Gemüse als vor 20 Jahren - und mehr Fast Food und industriell verarbeitete Backwaren

Foto: PEDRO PARDO / AFP

SPIEGEL: Oaxaca hat vor Kurzem als erster Bundesstaat in Mexiko beschlossen, den Verkauf ungesunder Produkte an Minderjährige zu verbieten. Was halten Sie davon?

Calvillo: Das Gesundheitsministerium in Oaxaca muss noch die Produkte festlegen, die nicht an Kinder verkauft werden dürfen. Dann ist noch offen, wie das Gesetz in der Praxis umgesetzt wird. Es geht aber in die richtige Richtung, weil die Reform ungesunde Produkte stigmatisiert und zu einem kulturellen Wandel führt.

SPIEGEL: Ist das ein Vorbild für andere Bundesstaaten?

Calvillo: Nach Oaxaca hat auch der Bundesstaat Tabasco  solch ein Verbot verabschiedet und es gibt etwa 18 Bundesstaaten, in denen ähnliche Initiativen präsentiert worden sind, die aber noch nicht beschlossen wurden. Die Entscheidung wird auch andere Vorschriften, die bisher nicht eingehalten wurden, vorantreiben, wie das Verbot ungesunder Produkte an Schulen und die Vermarktung zuckerhaltiger Nahrungsmittel.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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