MH17-Abschuss Die Jagd nach "Wladimir Iwanowitsch"

298 Menschen starben beim Abschuss von Flug MH17 über der Ukraine, Ermittler fahnden seit Jahren nach den Hintermännern. Nun will die Investigativplattform Bellingcat einen führenden Geheimdienstler enttarnt haben.
Rekonstruiertes Wrack der abgeschossenen Boeing in den Niederlanden (Oktober 2015)

Rekonstruiertes Wrack der abgeschossenen Boeing in den Niederlanden (Oktober 2015)

Foto: MICHAEL KOOREN/ REUTERS

Bald sechs Jahre dauert die Suche nach der Wahrheit an, seit März findet sie auch vor Gericht statt. Im Justizkomplex Schiphol, unweit des Amsterdamer Flughafens, wo am 17. Juli 2014 ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines abhob, gehen Richter, Staatsanwälte, Zeugen und Verteidiger der Frage nach, wer für den Abschuss der Maschine über der Ostukraine verantwortlich ist. Der Tod der Passagiere und Crewmitglieder an Bord von Flug MH17 ist eine der blutigsten Episoden des Konflikts in der Ukraine, die Aufklärung der Umstände ein Mammutunterfangen.

Die niederländischen Staatsanwälte beschuldigen vier hochrangige prorussische Separatisten, drei Russen und einen Ukrainer, die gegen die Regierung in Kiew kämpften. Die Anklagepunkte: Verursachung eines Flugzeugabsturzes mit Todesfolge sowie Mord in 298 Fällen. Ihnen wird vorgeworfen, das russische Buk-Luftabwehrsystem, mit dem die Maschine abgeschossen wurde, beschafft zu haben und für dessen Einsatz verantwortlich gewesen zu sein.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Allerdings, so viel haben die Ermittler klargemacht, sehen sie den Prozess gegen die vier Angeklagten nur als einen Teil der Aufklärung an. Die Separatisten fungierten in den Augen des ermittelnden Joint Investigation Teams (JIT) nur als einzelne Glieder einer "Kette" zwischen der selbsternannten Volksrepublik Donezk und Russland.

Über allem steht die Frage: Welche Rolle spielte Moskau, das bis heute die Separatisten in der Ostukraine finanziell, politisch und militärisch unterstützt. Um der Antwort ein Stück näherzukommen, veröffentlichte das JIT Mitte November im Rahmen eines Zeugenaufrufs  mehrere Ausschnitte abgehörter Telefongespräche.

Wer ist "Wladimir Iwanowitsch"?

Ein Name, der darin wiederholt auftaucht, ist der eines gewissen "Wladimir Iwanowitsch". Die Ausschnitte legen nahe, dass ihm im Juli 2014 eine wichtige Rolle im Rahmen der von Moskau unterstützten Militäroperationen der Separatisten zukam.

So wird er in einem Gespräch zwischen zwei Kämpfern als "Kommandeur" einer Operation bezeichnet. In einem anderen beklagt sich offenbar Igor Girkin, der ranghöchste der vier im MH17-Prozess Angeklagten: "Wladimir Iwanowitsch muss mir Befehle geben, nicht aber meine Leute über meinen Kopf hinweg kommandieren."

In einem anderen Mitschnitt ist "Wladimir Iwanowitsch" den Ermittlern zufolge im Gespräch mit Alexander Borodai zu hören, zu dieser Zeit "Premierminister" der selbst ernannten Volksrepublik Donezk. Borodais Frage an ihn deutet darauf hin, dass "Wladimir Iwanowitsch" das Kampfgeschehen überblickt: "Ist es möglich, dass unsere Hubschrauber Angriffe fliegen?" Andere Stellen in den aufgezeichneten Gesprächen schließlich legen nahe, dass "Wladimir Iwanowitsch" mit der Beschaffung militärischer Ausrüstung und womöglich der von Waffen befasst ist.

Wer aber ist "Wladimir Iwanowitsch"?

Die Investigativplattform Bellingcat und die russische Internetzeitung "The Insider", die in der Vergangenheit wiederholt wichtige Recherchen zum Abschuss von MH17 veröffentlichten, wollen den Mann jetzt identifiziert haben . Demnach handelt es sich um Andrej Iwanowitsch Burlaka, der zur Führung des FSB gehört. 

Der heutige Generaloberst leitete demnach schon zum Zeitpunkt des MH17-Abschusses den operativen Stab des Grenzschutzes, der dem Inlandsgeheimdienst untersteht. Burlaka ist zudem erster Stellvertreter des Leiters des FSB-Grenzschutzes. Dieser wiederum ist direkt dem obersten FSB-Chef Alexander Bortnikow unterstellt. Dass mit Burlaka ein Top-FSB-Mann an den Operationen der Separatisten beteiligt sein gewesen soll, zeigt, wie stark der russische Inlandsgeheimdienst die Militäroperationen im Donbass lenkte und die Führungsspitze des FSB selbst beteiligt war.

Wrackteile von Flug MH17 in der Ostukraine

Wrackteile von Flug MH17 in der Ostukraine

Foto: Alyona Zykina/ dpa

Burlaka, geboren 1965, stammt demnach aus der kleinen Stadt Sowetskaja Gawan im Fernen Osten Russlands. Er arbeitete sich in der Hierarchie der Spionagebehörden hoch: Nach der Ausbildung 1986 wurde er an der sowjetischen Grenze zu Afghanistan und Iran eingesetzt. 1995 kehrte er nach einem Studium an der Akademie des Geheimdienstes in Moskau zurück an die Pazifikküste in seine Heimat Chabarowsk, zunächst als Kommandeur der regionalen Grenzeinheiten, später als Direktor des Grenzschutzes.

Öffentliche Informationen über seinen Einsatz im Donbass-Krieg gibt es nicht. Bellingcat konnte aber nach eigenen Angaben Burlakas Flugzeugreisen in den Jahren 2014 und 2015 - auch durch geleakte oder gehackte Dokumente sowie die abgehörten Telefonate – nachvollziehen. Danach flog der Geheimdienstler häufig von Moskau nach Rostow am Don, nach Krasnodar und auf die von Russland annektierte Schwarzmeerhalbinsel Krim. Dort befinden sich drei Kontrollzentren für die russischen Ukraine-Operationen. Einen Tag nach dem Abschuss von MH17 am späten Abend des 18. Juli 2014 flog der damalige Generalleutnant Burlaka den Recherchen zufolge von Rostow am Don zurück nach Moskau.

Bilder gibt es nur sehr wenige

Bilder gibt nur sehr wenige von dem Mann mit dem hageren Gesicht, hoher Stirn und braunen kurzen Haaren. Eines  zeigt ihn in einer Nachrichtensendung des Staatsfernsehens 2013, eines , wie er 2012 im Altai einen Veteranen auszeichnet.

Bellingcat und "The Insider" arbeiten monatelang daran, den FSB-Mann zu identifizieren. Nach eigenen Angaben konnte sie ihn über die von ihm verwendete Mobilnummer, gehackte Nachrichten von Separatisten aus einem Viber-Chat und durch einen Stimmenvergleich ausfindig machen. Er hatte sich kurz in einer TV-Dokumentation  über 100 Jahre Grenzschutz geäußert, die auf dem Fernsehkanal des Verteidigungsministeriums lief – diese Stimmprobe verwendeten die Rechercheure zum Vergleich.

Wenn "Wladimir Iwanowitsch", wie die abgefangenen Telefonate nahelegen, tatsächlich für die Verteilung von militärischer Ausrüstung und womöglich auch von Kriegsgerät zuständig war – war er dann auch Teil der Befehlskette beim Einsatz der russischen Buk-Rakete? Die bisher veröffentlichten Audiodateien können das nicht belegen. Für die JIT-Ermittler wird es nun darum gehen, die Tätigkeiten des FSB-Mannes weiter zu untersuchen - und die nächsten Glieder in der Kette bis hoch in Moskaus Führung zu identifizieren.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.