Migration durch den dichtesten Dschungel der Welt Der Wald, der Leben zerstört

Immer mehr Menschen durchlaufen den extrem gefährlichen Darién-Urwald zwischen Kolumbien und Panama – ihr Ziel: die USA. Die panamaische Vizeaußenministerin sagt: »Wer aus dieser Hölle herauskommt, ist gebrochen.«
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Rund sechs bis zehn Tage dauert der Fußmarsch durch den Darién Gap, den dichtesten Urwald der Welt zwischen Kolumbien und Panama – und den wohl tödlichsten Abschnitt auf einer ohnehin gefährlichen Migrationsroute. Um von Süd- nach Mittelamerika zu kommen, müssen die Menschen hier durch.

Viele verirren sich, sterben an Erschöpfung oder ertrinken in Flüssen. Gefährliche Tiere und kriminelle Banden beherrschen den lebensfeindlichen Weg. In Panama werden die Migrantinnen und Migranten häufig von bewaffneten Gruppen überfallen, die sie ausrauben, vergewaltigen und ermorden.

Früher liefen durch den Darién-Urwald jährlich etwa 10.000 Menschen, meist Erwachsene. In diesem Jahr waren es bereits knapp 90.000, die meisten davon Familien. Ihr Ziel: die USA. Viele der Migranten, die derzeit aus den USA nach Haiti abgeschoben werden, haben diese gefährliche und traumatisierende Tour hinter sich.

Die panamaische Vizeaußenministerin Dayra Carrizo reist regelmäßig in die Region, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Eine Haitianerin kommt mit einem Kleinkind in Bajo Quiquito an, sie hat den Darién Gap durchquert

Eine Haitianerin kommt mit einem Kleinkind in Bajo Quiquito an, sie hat den Darién Gap durchquert

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Frau Carrizo, Sie haben selbst die Orte besucht, an denen die Migrantinnen und Migranten aus dem Dschungel herauslaufen. Was haben Sie dort erlebt?

Dayra Carrizo Castillero: Wer aus dieser Hölle herauskommt, ist gebrochen. Es ist sichtbar. Und an diesen Anblick kann ich mich nicht gewöhnen. Erschreckend ist die große Anzahl an Frauen und kleinen Kindern. Offenbar glauben die Menschen, wenn sie als Familie kommen, haben sie in den USA bessere Chancen. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die vier Kinder hat und ihren Ehemann im Wald verloren hat. Ich habe hochschwangere Frauen und neugeborene Babys dort gesehen. Eines war zwei Wochen alt. Es bricht einem das Herz. Eine Frau hat im Urwald ihr Kind zur Welt gebracht und ihren Säugling anderen mitgegeben, weil sie nicht schnell laufen konnte und keine Milch hatte. Gerade erst habe ich erfahren, dass sie überlebt hat.

Dayra Carrizo
Foto: privat

Dayra Carrizo Castillero, geboren 1977, ist panamaische Vize-Außenministerin. Zuvor war sie als Wirtschaftsattaché an der Botschaft in Paris tätig. Sie studierte Politik- und Rechtswissenschaften in Panama-Stadt und Handelsrecht an der Universität Paul Cézanne Aix-Marseille in Frankreich.

SPIEGEL: War Panama überrascht von dem plötzlichen Andrang an Menschen, die durch den Wald über die Grenze kommen?

Carrizo Castillero: All unsere Worst-Case-Szenarien wurden bei Weitem übertroffen. Im Januar dieses Jahres kamen nur 900 Migranten. Dann stiegen die Zahlen rasant. Im Juli waren es um die 20.000. Seit April haben wir ein Abkommen mit Kolumbien. Sie sollen uns darüber informieren, wie viele Menschen unterwegs sind. Leider haben wir festgestellt, dass die Zahlen oft nicht akkurat sind. Wir haben auch eine Vereinbarung, wonach nicht mehr als 500 pro Tag durchgelassen werden sollen. Es kommen aber wesentlich mehr hier an. Wir rechnen damit, dass die Zahlen sogar noch steigen werden, aufgrund des jüngsten Erdbebens in Haiti – das wirkt wie ein Katalysator.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich den plötzlichen Andrang?

Carrizo Castillero: Rund Zwei Drittel der Menschen kommen ursprünglich aus Haiti. Sie haben aber lange in Chile oder Brasilien gelebt. Die Pandemie hat es dort nicht einfacher gemacht für sie, viele haben ihren Job verloren. Zudem kursieren auch viele Falschinformationen über den Weg und die vermeintliche einfache Einreise in die USA, und es gibt transnationale kriminelle Netzwerke, die von der Migration profitieren. Die Leute denken, dass sie den Urwald in zwei Tagen durchqueren könnten oder kaufen vermeintlich einen Trip mit dem Helikopter.

Eine haitianische Mutter und ihr Baby warten auf die Bootsfahrt über den Golf von Uraba. Von dort aus wollen sie den Darién-Urwald zu Fuß durchqueren

Eine haitianische Mutter und ihr Baby warten auf die Bootsfahrt über den Golf von Uraba. Von dort aus wollen sie den Darién-Urwald zu Fuß durchqueren

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wenn die Menschen aus dem Urwald herauskommen, haben sie oft tagelang nichts gegessen, sind verletzt und haben keinerlei finanzielle Ressourcen mehr, weil sie ausgeraubt worden sind. Was passiert mit ihnen?

Carrizo Castillero: Wir sind das erste Land, das die Leute überhaupt registriert, ihnen medizinische Versorgung bietet, Unterkunft und Nahrung bereitstellt. Wir stemmen diese Kosten größtenteils allein. Aber die Situation ist nicht nachhaltig. Uns fehlt das Geld, um unsere armen ländlichen Regionen zu unterstützen. Es gibt deshalb bereits Spannungen im Land. Wir bitten daher um Hilfe. Wir übernehmen unseren Anteil, aber auch die anderen Länder in der Region müssen einen Beitrag leisten.

SPIEGEL: Viele der Migrantinnen und Migranten erleiden im Urwald von Darién furchtbare Gewalt. Allein Ärzte ohne Grenzen registrierte seit April mehr als 200 Vergewaltigungen. Die tatsächlichen Zahlen dürften weitaus höher liegen. Betroffen sind Frauen und Kinder, in manchen Fällen auch Männer. Die Überfälle finden meist auf der panamaischen Seite statt. Tun Sie wirklich, was Sie können?

Carrizo Castillero: Wir wollen, dass die Migration kontrolliert, geordnet und sicher abläuft. Wir verhandeln mit Kolumbien darüber, ob wir parallele Routen etwa über den Seeweg etablieren können. Aber dafür müssten alle zusammenarbeiten. Bisher sind wir zu keinem Ergebnis gekommen.

SPIEGEL: Was tun Sie für die Sicherheit der Leute?

Carrizo Castillero: Wir haben inzwischen mehr Sicherheitskräfte in Darién stationiert. Es finden mehr Einsätze auch innerhalb des Dschungels statt, um den Weg zu sichern und um einzelne Personen zu retten. Aber unsere Ressourcen sind begrenzt.

Bajo Quiquito ist das erste Dorf nach der Durchquerung des Darién Gap. Der Urwald gilt als der am dichtesten bewachsene der Welt

Bajo Quiquito ist das erste Dorf nach der Durchquerung des Darién Gap. Der Urwald gilt als der am dichtesten bewachsene der Welt

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Lässt sich die Route nicht militärisch kontrollieren?

Carrizo Castillero: Wir können das Gelände nicht absichern. Panama hat kein Militär. Wir haben Kolumbien um Hilfe gebeten, welches militärisch gut ausgerüstet ist und eine riesige Armee unterhält. Sie sagen uns, dass es nicht möglich sei, den Darién Gap militärisch zu sichern. Das Territorium ist extrem schwierig, dicht bewaldet und voller Hügel.

SPIEGEL: Wer sind die Gruppen, die die Migrantinnen und Migranten überfallen?

Carrizo Castillero: Wir wissen es nicht. Manche der Kriminellen kommen wohl von der kolumbianischen Seite. Aber es scheint auch lokale Akteure aus Panama zu geben, es ist wohl eine Mischung. Wir wollen, dass mehr von den Verbrechen zur Anzeige gebracht werden. Daher haben wir einen Staatsanwalt nach Darién gesandt.

Viele in Panama ankommende Migrantinnen und Migranten wurden ausgeraubt und haben im Urwald Gewalt erlebt oder gesehen

Viele in Panama ankommende Migrantinnen und Migranten wurden ausgeraubt und haben im Urwald Gewalt erlebt oder gesehen

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Können Sie sich erklären, wieso jemand diese Gefahren auf sich nimmt?

Carrizo Castillero: Die Menschen laufen vollkommen schutzlos in den Wald hinein – und gleichzeitig besteht im Grunde null Hoffnung auf ein besseres Leben. Ganz offensichtlich sind sie nicht richtig darüber informiert, was sie erwartet. Aufklärungskampagnen, wie sie jetzt etwa die Internationale Organisation für Migration veröffentlicht hat, sind zentral. Doch Information ist nicht alles: Wenn jemand in einem Zustand völliger Verzweiflung ist, dann handelt er nicht mehr rational. Ich vermute, dass sie sich im Überlebensmodus befinden, sie denken nicht mehr klar.

SPIEGEL: Auf der kolumbianischen Seite warten derzeit allein in dem Dorf Necocli rund 20.000 Menschen, die alle den Urwald durchqueren wollen.

Carrizo Castillero: Das Problem der Migration können wir nicht lösen, das gab es immer, und es wird weitergehen. Aber wir brauchen einen regionalen Ansatz, der zumindest sicherstellt, dass die Migration sicher abläuft. Alle Länder müssen dabei mithelfen. Das ist unsere moralische Pflicht.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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