Migration durch Amerika »Nachts hörte man die großen Tiere schreien. Alle wollten nur raus aus dem Wald«

Der Haitianer DJ Peterson durchquerte mit seiner Familie den kolumbianischen Dschungel und steckte dann in Mexiko fest. Jetzt macht er sich auf den Weg zu seinem Traumziel – obwohl ihm die Abschiebung in die Heimat droht.
Aufgezeichnet von Nicola Abé, São Paulo
Der Haitianer DJ Peterson mit seiner Frau und seiner Tochter in Necocli, Kolumbien

Der Haitianer DJ Peterson mit seiner Frau und seiner Tochter in Necocli, Kolumbien

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Wir trafen DJ Daniel Peterson* aus Haiti im September vergangenen Jahres am Strand von Necocli in Kolumbien. Um seinen Hals trug er eine Kette mit einem Beißring in Erdbeerform – für seine kleine Tochter. Sein Ziel: die Vereinigten Staaten von Amerika. Unter Präsident Joe Biden hoffte er, würde man seine Familie nicht zurückweisen.

In dem Dorf Necocli in Kolumbien strandeten im vergangenen Herbst Zehntausende Menschen aus Haiti. Sie warteten auf eine Bootsfahrt, die sie auf die andere Seite des Golfs von Uraba bringen sollte. Von dort aus liefen sie dann zu Fuß durch den Urwald von Darién nach Panama – ein lebensgefährlicher Marsch, den im Jahr 2021 eine Rekordzahl von 134.000 Menschen antraten.

Ein Boot mit Menschen aus Haiti verlässt den Hafen von Necocli, auf der anderen Seite wartet der Urwald von Darién

Ein Boot mit Menschen aus Haiti verlässt den Hafen von Necocli, auf der anderen Seite wartet der Urwald von Darién

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

DJ Peterson, 27, war wie die allermeisten seiner Landsleute schon vor Jahren aus Haiti ausgewandert. In Chile hatte er es vom Bäckergehilfen zum Kassierer gebracht. Doch als wegen der Pandemie immer mehr Jobs wegfielen und die Stimmung zunehmend ausländerfeindlicher wurde, entschloss er sich, sein Auto zu verkaufen und sich mit seiner Frau, seinem Baby und einigen Freunden erneut auf den Weg ins Ungewisse zu machen.

In Necocli kamen ihm Zweifel: Schon damals ging ihm das Geld aus. Bilder kursierten im Netz, auf denen US-Grenzschützer seine Landsleute mit Peitschen durch den Rio Grande in Texas trieben. Die USA kündigten an, im September mit Abschiebeflügen nach Haiti zu beginnen. Aus dem Urwald hörte er furchtbare Geschichten: Menschen starben in reißenden Flüssen oder vor Erschöpfung, wurden von bewaffneten Gangs überfallen, vergewaltigt und getötet. Er entschied sich dennoch für die Reise.

Rund 20.000 Migrantinnen und Migranten strandeten im vergangenen Herbst in dem Küstenort Necocli in Kolumbien

Rund 20.000 Migrantinnen und Migranten strandeten im vergangenen Herbst in dem Küstenort Necocli in Kolumbien

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Zu zwei der Familien, die wir für den SPIEGEL-Bericht trafen, konnten wir den Kontakt halten. Der Haitianer Wickendy Romain schaffte es mit seiner Familie nach Florida, wo er nun bei Verwandten wohnt und Arbeit sucht. DJ Peterson schafft es ebenfalls durch den Urwald bis nach Mexiko, wo er seit rund zwei Monaten ausharrt. Wir erreichen ihn per Telefon einen Tag, bevor er wieder aufbrechen wird.

Hier erzählt er seine Geschichte:

»Wir hatten großes Glück. Dennoch muss ich sagen, dass der Weg durch den Darién Gap schrecklich war. Ich war mit meiner Frau, meinem Baby und einer Gruppe von Freunden unterwegs. Als wir am Rand des Dschungels ankamen, boten dort mehrere Schleuser ihre Dienste an. Ich verstand mich gut mit einem von ihnen und fragte ihn aus, denn ich wusste nichts über den Urwald. Es gibt zwei Wege, verriet er mir, einen kürzeren über Acandi, der etwa vier oder fünf Tage dauert. Die meisten nehmen diesen Weg. Doch der längere Weg sei weniger gefährlich, weil es dort keine so reißenden Flüsse und weniger Berge gibt. Man muss allerdings etwa sieben Tage laufen.

Der Dschungel von Darién gilt als der am dichtesten bewachsene Urwald der Welt. Wie viele Menschen auf dem Marsch nach Panama ihr Leben verlieren, ist unbekannt

Der Dschungel von Darién gilt als der am dichtesten bewachsene Urwald der Welt. Wie viele Menschen auf dem Marsch nach Panama ihr Leben verlieren, ist unbekannt

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Wir entschieden uns für den längeren Weg über Capurganá, was ich jedem empfehlen würde. 110 Dollar pro Person haben wir bezahlt. Wir schliefen eine Nacht in dem Dorf, der Schleuser kam am nächsten Morgen mit rund 50 weiteren Personen. Als wir sechs Tage durch den Dschungel gelaufen waren, passierte es: Meine Frau verletzte sich den Fuß und konnte nicht mehr laufen. Der Schleuser drängte darauf, mit der Gruppe weiterzugehen. Alle meine Freunde gingen weiter. Ich nehme es ihnen nicht übel. Im Darién Gap kann man nur sich selbst retten. Es ist sehr heiß, man ist völlig erschöpft. Jemanden zu tragen ist unmöglich. Vielleicht wäre man bereit, für seinen Vater oder seine Mutter, ein Kind oder die Ehefrau zu bleiben und zu sterben. Aber ein Freund wird nicht für dich sterben. Sie hatten alle Angst. Nachts hörte man die großen Tiere schreien. Alle wollten nur raus aus dem Wald.

Ich blieb bei meiner Frau. Wir blieben allein zurück, mit unserer Tochter. Wir weinten vor Angst und weil wir dachten, dass wir dort sterben würden. Es regnete. Meine Frau konnte sich irgendwann sehr langsam weiterbewegen, auf mich gestützt, aber wir kannten den Weg nicht. Wir verliefen uns.

Nach mehreren Stunden kam eine andere Gruppe mit einem anderen Schleuser vorbei. Wir hatten ihn nicht bezahlt, aber wir versuchten, ihnen hinterherzulaufen und schafften es so bis an die Grenze zu Panama und von dort aus dem Wald heraus. Alles dank Gott.«

Erschöpfte Haitianerinnen und Haitianer erreichen den Ort Bajo Chiquito auf der panamaischen Seite der Darién Gap

Erschöpfte Haitianerinnen und Haitianer erreichen den Ort Bajo Chiquito auf der panamaischen Seite der Darién Gap

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Auf der anderen Seite des Darién Gaps werden die Migrantinnen und Migranten von der panamaischen Grenzschutzpolizei Senafront registriert und in verschiedene Auffanglager gebracht. Von dort geht es per Bus weiter bis an die Grenze nach Costa Rica, etwa 40 Dollar kostet der Trip. Danach reisen die Menschen meist per Bus durch Nicaragua, Honduras und Guatemala und fahren mit einem Boot aus Lastwagenreifen, für das sie Schleuser bezahlen müssen, über den Grenzfluss nach Mexiko.

Mexikos südliche Grenzstadt Tapachula wurde zuletzt als eine Art »Gefängnisstadt« bezeichnet. Zehntausende Migrantinnen und Migranten sammeln sich dort; Familien leben auf der Straße, betteln. Von Tausenden eigens entsendeten Soldaten der mexikanischen Nationalgarde wurden sie an der Weiterreise gehindert. Um einen Asylantrag auch nur stellen zu können, mussten sie monatelang warten. Migranten, die dennoch versuchten, der Stadt beispielsweise in einer Karawane zu entkommen, wurden teilweise gewaltsam »eingefangen« und zurücktransportiert.

Nach zwei Monaten in Mexiko wollen DJ Peterson und seine Frau versuchen, die US-Grenze zu überqueren

Nach zwei Monaten in Mexiko wollen DJ Peterson und seine Frau versuchen, die US-Grenze zu überqueren

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Was in Tapachula passierte, war unfassbar. Wir kamen im November an, unser Termin bei der Migrationsbehörde war im Januar. Ich wusste nicht, wie ich eine Unterkunft oder Essen bezahlen sollte. Jegliche Ersparnisse hatte ich schon ausgegeben. Es war eine sehr schwierige Situation. Es kamen immer mehr Leute an und die Lage wurde immer schlimmer; es gab Demonstrationen und Medienberichte. Schließlich wurde das Ganze auch ein Problem für die mexikanische Regierung. Und wir hatten wieder Glück: Nachdem wir etwa einen Monat lang festhingen, wurde schließlich ein Programm aufgelegt, um die Leute auf mehrere Städte in Mexiko zu verteilen.

Migrantinnen und Migranten stehen vor der Niederlassung der Migrationsbehörde in Tapachula an

Migrantinnen und Migranten stehen vor der Niederlassung der Migrationsbehörde in Tapachula an

Foto: QUETZALLI BLANCO/ AFP

Wir wurden mit einem Bus in die Stadt Palacio gebracht. Dort erhielten wir ein einjähriges humanitäres Visum, das es uns ermöglicht, uns frei im Land zu bewegen. Wir entschieden uns für Monterrey, weil es dort mehr Jobs gibt und ich einen Freund in der Stadt hatte. Seit etwa einem Monat sind wir dort. Ich arbeite, räume Waren in einem Supermarkt ein. Aber meine Frau kann nicht arbeiten, denn sie muss auf unsere Tochter aufpassen. Ich verdiene 10.000 Pesos (rund 430 Euro), 4000 kostet allein unsere Unterkunft. Es ist schwierig, zu dritt von so wenig Geld zu leben.

Wir haben uns entschieden, uns auf den Weg in die USA zu machen. Wir wollen nach Tijuana und von dort nach Mexicali, um die Grenze nach Arizona zu überqueren und dort bei den Grenzschützern um Asyl zu bitten. Das ist zwar weit weg von hier, aber die Grenze hier in der Nähe soll besonders streng sein. Man kommt nach Texas. Sehr viele Freunde von mir wurden von dort abgeschoben – in die Heimat, nach Haiti.

Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder sie lassen uns rein. Oder sie schicken uns nach Mexiko zurück. Oder drittens, sie stecken uns in ein Flugzeug und bringen uns nach Haiti, wo wir seit vielen Jahren nicht mehr waren, ein Land, das meine Tochter nie gesehen hat. Ich weiß, dass es dieses Risiko gibt. Aber ich komme mit einer Familie; ich habe Verwandte in den USA und kann arbeiten. Ich habe alles, was es braucht. Aber ich habe nicht die Macht, zu entscheiden, was passiert. Es ist eine Frage von Glück. Wir müssen es versuchen, unser Ziel sind die USA.«

Ein Haitianer trägt sein Kind durch den Rio Grande zwischen Mexiko und den USA

Ein Haitianer trägt sein Kind durch den Rio Grande zwischen Mexiko und den USA

Foto: John Moore / Getty Images

Seit September vergangenen Jahres wurden rund mindestens 9000 Haitianerinnen und Haitianer per Flugzeug aus den USA in ihre Heimat Haiti abgeschoben, in ein Land, das von Gangs geprägt ist und wo ständig Gewalt droht. Die Trump-Administration war es, die unter der Prämisse des Seuchenschutzes eine Verordnung erließ, die es den USA ermöglicht, Menschen innerhalb von Stunden aus dem Land zu werfen, ohne dass diese einen Asylantrag stellen können. Präsident Biden entschied sich, die Politik weiterzuführen und verstärkt auf Menschen aus Haiti anzuwenden.

Die Zahl der Haitianerinnen und Haitianer, die den Darién-Urwald durchqueren, ging daraufhin auf nur rund 3100 Menschen im November und 750 Menschen im Dezember zurück. Experten gehen davon aus, dass sich noch Zehntausende Menschen aus Haiti in Mexiko befinden. Aus Protest gegen die »inhumane« Politik von US-Präsident Biden, traten sowohl der US-Sondergesandte für Haiti als auch ein hochrangiger Berater des Außenministeriums zurück.

*Wir haben den Namen auf Wunsch des Protagonisten geändert; sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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