Migration durch den Darién Gap Voller Hoffnung ziehen sie in den Dschungel – gebrochen kommen sie heraus

Bereits 90.000 Menschen haben in diesem Jahr auf dem Weg in die USA den Darién Gap durchquert. Der Urwald zwischen Kolumbien und Panama ist eine der gefährlichsten Routen der Welt – längst nicht alle kommen durch.
Eine Reportage aus Kolumbien und Panama von Nicola Abé und Santiago Mesa (Fotos)
Eine haitianische Familie wartet im Lajas Blancas Camp auf Angehörige; sie haben den Darien Gap durchquert

Eine haitianische Familie wartet im Lajas Blancas Camp auf Angehörige; sie haben den Darien Gap durchquert

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Wickendy Romain hatte Glück an diesem Morgen. Der Haitianer steht im Hafen von Necoclí, einem Dorf im Norden Kolumbiens, graues Muskelshirt, strahlendes Lachen. Er hat es geschafft. Romain, 31, hat eines der wenigen Tickets ergattert für die Fahrt über den Golf von Uraba, einen Fetzen Papier, darauf steht sein Name und ein Datum: 15. Oktober 2021. Dies ist, so glaubt er, seine Eintrittskarte in ein neues Leben: Sein Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Hinter ihm drängen sich Tausende vor einer Absperrung, Familien mit kleinen Kindern, Schwangere. Sie schlafen dort, essen in der Schlange, Mütter stillen ihre Babys. Sicherheitskräfte schwingen Stöcke, brüllen »raus hier«, stoßen die Leute zurück. Wie Romain kommen fast alle diese Menschen aus Haiti. Auch er stand tagelang für sein Ticket an. Sie alle träumen den gleichen Traum.

Frauen stehen für Bootstickets an in Necocli, Kolumbien. Sie wollen den Urwald von Darien durchlaufen

Frauen stehen für Bootstickets an in Necocli, Kolumbien. Sie wollen den Urwald von Darien durchlaufen

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Ich will neu anfangen«, sagt Romain. Er sei Automechaniker. Seine Talente, sagt er, würden auch in den USA gebraucht. Er ist mit seiner Frau und seiner drei Monate alten Tochter Kasumi hierhergekommen.

Drei Tage zuvor hat die US-Regierung angekündigt, mit Abschiebeflügen nach Haiti zu beginnen. Davon hat Romain nichts gehört. Die wenigsten hier ahnen zu diesem Zeitpunkt, dass sie wohl nie in den USA ankommen werden.

Der Fußmarsch durch den Urwald von Darien dauert rund sechs Tage, er gilt als der am dichtesten bewachsene Dschungel der Welt

Der Fußmarsch durch den Urwald von Darien dauert rund sechs Tage, er gilt als der am dichtesten bewachsene Dschungel der Welt

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Das gefährlichste Stück Weg liegt direkt vor Romain und seiner kleinen Familie: Sobald er den Golf von Uraba überquert hat, wartet dort der Dschungel, der Kolumbien mit Panama verbindet, der Urwald von Darién. Ein etwa sechstägiger Fußmarsch durch eine feindliche Umgebung, in der sich die Wandernden verirren, erschöpft zusammenbrechen und liegen bleiben, in der es reißende Flüsse zu durchqueren gilt, giftige Schlangen und Pumas heimisch sind.

Als Ingenieure in den Dreißigerjahren die Panamericana, eine Straßenverbindung zwischen Argentinien und Alaska, bauten, sparten sie diesen Landstrich aus. Zu unzugänglich war der Urwald mit seinen Bergen und Sümpfen, der dichten Bewachsung. Nun klafft dort eine circa 100 Kilometer lange Lücke: der Darién Gap, ein gesetzloser Raum.

Seit jeher tötet die Natur hier Menschen wie lästige Fliegen, und doch ist auch in Darién der Mensch selbst die gefährlichste Bestie: Der Weg ist zugleich die Route der Drogentransporteure. Auf der kolumbianischen Seite wird der Dschungel durch den berüchtigten Clan del Golfo kontrolliert, der auch Menschen schmuggelt und Organhandel betreibt. Auf der panamaischen Seite überfallen bewaffnete Banden die Familien, rauben, vergewaltigen und morden.

Früher liefen ein paar Tausend Migranten im Jahr durch den Wald, meist Erwachsene. Bis Oktober 2021 waren es bereits mehr als 90.000 Menschen, oft Familien mit kleinen Kindern. Getroffen von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, angetrieben vielleicht von der Hoffnung auf eine mildere Migrationspolitik unter US-Präsident Joe Biden und von der großen Sehnsucht nach einer besseren Zukunft. Wie viele starben, ist unbekannt.

Wickendy Romain wartet mit seiner Frau und seiner Tochter Kasumi auf die Bootsfahrt über den Golf von Uraba

Wickendy Romain wartet mit seiner Frau und seiner Tochter Kasumi auf die Bootsfahrt über den Golf von Uraba

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Ich weiß, es ist gefährlich«, sagt Romain, der Haitianer in Necocli, »aber ich denke immer positiv.«

So komme er gut durchs Leben. Vor fünf Jahren wanderte er auf der Suche nach Arbeit nach Chile aus, fand einen Job in einer Autowerkstatt. Seine Frau faltete in einer Fabrik Papiertüten. Wenn es gut lief, schickten sie 200 Dollar im Monat nach Hause zu seiner Mutter in Haiti. Sie hatten Aufenthaltsgenehmigungen, eine Mietwohnung und ein Bankkonto. Seine Tochter, in Chile geboren, ist Staatsbürgerin des Landes. »Unser Leben war gut«, sagt Romain, während hinter ihm die Massen über den Zugang zum Ticketverkauf in einen Streit geraten.

Eine haitianische Mutter verbringt die Nacht mit ihrem Baby vor dem Verkaufsstand für Bootstickets in Necocli, Kolumbien

Eine haitianische Mutter verbringt die Nacht mit ihrem Baby vor dem Verkaufsstand für Bootstickets in Necocli, Kolumbien

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Lajas Blancas, Darién, Panama

Auf der anderen Seite des Dschungels, in Panama, dort, wo die grüne Hölle endet, sitzt eine Familie aus Venezuela in einem Zelt. Ein Platzregen hat den Boden in Matsch verwandelt. Das Lajas Blancas Camp ist eine Art erstes Auffanglager. Die Überlebenden erreichen es mit kleinen Holzbooten über einen Fluss, einen Tag nach ihrer Ankunft aus dem Urwald.

Das Camp von Lajas Blancas ist eine Art erstes Auffanglager für Migrantinnen und Migranten, die aus dem Urwald kommen

Das Camp von Lajas Blancas ist eine Art erstes Auffanglager für Migrantinnen und Migranten, die aus dem Urwald kommen

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Die Familie aus Venezuela ist schon seit Wochen hier. Zu siebzehnt gingen sie los. Als der Urwald sie wieder freigab, waren sie 14.

Auf ihrem Weg durch den Dschungel mussten sie einen Fluss mit starker Strömung durchqueren. »Wir hielten uns an den Händen, formten eine Kette«, erzählt Rosmary Gonzalez, 45. Ihr Ehemann trug den jüngsten Sohn, vier Jahre alt, auf seinen Schultern. Die Kette riss. Der Ehemann verlor das Gleichgewicht, die Fluten rissen ihn und den Jungen davon. Ebenso den sechsjährigen Cousin.

»Es passierte direkt neben mir«, sagt Gonzalez, »aber ich konnte nichts tun.« Ihr Gesicht schreit vor Schmerz. Den Körper ihres Sohnes fanden sie später in der Nähe des Ufers. Sie legten eine Decke über ihn, die sie mit Steinen beschwerten.

Mit 17 Menschen ging Familie Gonzalez los – nur 14 von ihnen kamen an

Mit 17 Menschen ging Familie Gonzalez los – nur 14 von ihnen kamen an

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Zweimal wurde die Familie im Wald von bewaffneten Männern überfallen und ausgeraubt. Der knapp Einjährigen hielten sie ein Gewehr an den Kopf, drohten, sie zu erschießen. Geld hatten sie keins, also nahmen die Männer Telefone, Essen, sogar die Windeln, und Rosmary Gonzalez' Anwaltsring, eine Auszeichnung ihrer Universität zu ihrem Juraabschluss.

Sie läuft gebückt, die Schultern nach vorn gezogen, als würde ihr dünner Körper von einer unsichtbaren Last zusammengedrückt. Seit jenem Tag isst sie kaum. Als jemand Schachteln mit Pommes Frites und paniertem Schweinefleisch im Camp verteilt, sieht sie gar nicht hin, macht nur eine abweisende Handbewegung.

Rosmary Gonzalez verlor ihren jüngsten Sohn und ihren Ehemann in einem Fluss

Rosmary Gonzalez verlor ihren jüngsten Sohn und ihren Ehemann in einem Fluss

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Die Familie flüchtete vor fünf Jahren aus Venezuela. Gonzalez' Mann stand der politischen Opposition nahe; bei einer Demonstration brach man ihm ein Bein. Sie fanden Arbeit als Touristenführer in Kolumbien, bis die Pandemie kam und die Jobs verloren gingen. Zwei Söhne, die noch in Bogotá leben und tageweise putzen, können kein Geld schicken. Deswegen sind sie noch hier im Camp. Für die Weiterreise müssten sie bezahlen. Und auch weil Gonzalez hofft, dass sie den toten Körper ihres Mannes noch finden. 20 Jahre lang waren sie verheiratet. Acht Leichen wurden in den letzten Tagen angespült.

»Durch diesen Wald zu laufen ist das Schlimmste, was man tun kann«, sagt sie, »ich wusste es nicht.« Sie starrt auf ein Foto ihres jüngsten Sohnes, ein lächelnder kleiner Junge, den sie »mein Baby« nennt.

Lajas Blancas ist das Camp der zerfetzten Familien, ein Ort, an dem Menschen mit leeren Augen ins Nichts starren. Ein paar Haitianer erzählen, dass sie noch auf Angehörige aus ihrer Gruppe warten, die offenbar vergewaltigt worden sind und nicht mehr so schnell laufen können. Doch es dauert schon zu lang. Im Wald spielt die Zeit gegen sie.

Familien warten im Lajas Blancas Camp auf ihre Angehörigen, die noch nicht aus dem Wald gekommen sind

Familien warten im Lajas Blancas Camp auf ihre Angehörigen, die noch nicht aus dem Wald gekommen sind

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Necoclí, Kolumbien

Ein Mann läuft hastig über den Strand. Um seinen Hals hängt eine Goldkette, daran ein rosafarbener Beißring in Erdbeerform, für seine elf Monate alte Tochter. Er will Daniel Peterson* genannt werden, ist 27 Jahre alt, und sein Geld reicht noch genau für eine Nacht. »Ich will nicht mit meiner Familie am Strand schlafen«, sagt er und sieht sich um. Die Bucht ist übersät von kleinen Zelten und Verschlägen aus Plastikplanen. Menschen waschen ihre Kinder im Salzwasser. Viele husten. Ein kleines Mädchen übergibt sich in den Sand.

So ziemlich jede Garage, jedes Wohnzimmer in Necoclí ist inzwischen vermietet. Der Ort hat in normalen Zeiten rund 35.000 Einwohner; nun kommen 20.000 Geflüchtete hinzu. Für viele im Dorf ist es das Geschäft ihres Lebens, für die Migrantinnen und Migranten ist es eine Falle. Wem das Geld ausgeht, der landet am Strand. Auf einem Abschnitt haben sich die Venezolaner zusammengetan, sie besitzen am wenigsten. Auf einer Feuerstelle steht ein Topf mit aufgequollenen, weißen Spaghetti. »Das ist alles«, sagt ein junger Mann. Keine NGO verteilt hier Lebensmittel oder Wasser. »Wo ist die Uno?«, fragt er. Sie gehen betteln. Manchmal geben die Haitianer ihnen etwas.

Der Strand von Necocli ist von Zelten übersät. Wer kein Geld mehr hat, der landet hier

Der Strand von Necocli ist von Zelten übersät. Wer kein Geld mehr hat, der landet hier

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Peterson, der ein Fußballshirt trägt zu seinen Rastalocken, hat sein Auto verkauft und bereits 5000 Dollar ausgegeben für die Reise von Chile bis hierher, davon 1100 allein in Necoclí. Nun wohnt der Haitianer mit seiner Familie in einer kleinen, fensterlosen Garage unter einem Wellblechdach, in der seine Frau mit dem Baby in der brütenden Hitze auf einer Matratze liegt und schwitzt. Sieben Dollar muss er dafür pro Nacht und Kopf hinblättern. Sein Problem: Es sind noch drei Wochen bis zum Abreisetag.

Um seine Familie zu versorgen hat er ein Geschäftsmodell entwickelt. Er stellt sich für Neuankömmlinge in der Schlange für die Bootstickets an und lässt sich dafür bezahlen. Schlimmstenfalls müsse sein Bruder, der im bayerischen Rosenheim in einem Krankenhaus arbeitet, Geld schicken, sagt er.

Necoclí hat rund 35.000 Einwohner, nun kommen 20.000 Migrantinnen und Migranten hinzu

Necoclí hat rund 35.000 Einwohner, nun kommen 20.000 Migrantinnen und Migranten hinzu

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»In den USA verdient man zwölf Dollar pro Stunde, nicht am Tag«, sagt Peterson. Präsident Biden sei ein freundlicher Mann. Sobald sie als Haitianer einmal ihren Fuß auf US-amerikanischen Boden gesetzt hätten, seien sie willkommen. Es ist eine Geschichte, wie sie vielfach in sozialen Medien und WhatsApp-Gruppen kursierte. Tatsächlich hatten Familien aus Haiti bis vor Kurzem bessere Chancen, im Land zu bleiben. Doch dann wurden sie zu viele.

Es ist der Tag, an dem im Internet Bilder auftauchen von texanischen Grenzbeamten, die auf Pferden und mit Peitschen Haitianer durch den Rio Grande treiben.

Petersons Mutter ruft aus Haiti an und fleht, er möge nach Chile umkehren, wo er sich vom Bäckergehilfen zum Kassierer hochgearbeitet hatte.

Ein Haitianer lebt mit seiner Frau unter einer Plastikplane am Strand. Die Familien kochen auf einer kleinen Feuerstelle und waschen sich im Salzwasser

Ein Haitianer lebt mit seiner Frau unter einer Plastikplane am Strand. Die Familien kochen auf einer kleinen Feuerstelle und waschen sich im Salzwasser

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Peterson kommen Zweifel an seinem Plan. »Eigentlich habe ich keine Lust weiterzugehen«, sagt er. Doch er sei der Anführer einer Gruppe von 28. Sie seien Freunde, gemeinsam aus Chile weggegangen. Die meisten wollten nicht zurück. Sie hätten viel investiert. Mit jedem Tag wird es mehr. »Ich will sie jetzt nicht im Stich lassen«, sagt Peterson.

Auch seine Frau will unbedingt weiter. Fast ihre ganze Verwandtschaft lebe in den Vereinigten Staaten, erklärt Islande Samuel*, 31, mit einem fröhlichen Lächeln. Sie vermisse Haiti. In den USA sei man einfach näher dran an der Heimat, vielleicht könnte man mal auf Besuch hinfahren. »Ich habe Gott befragt vor unserer Abreise. Und er hat mir gesagt, dass ich durch den Wald gehen kann«, sagt sie, »mir wird nichts passieren.« Ihr Mann starrt sie an und sagt nichts. Die beiden sind ein Paar, seit er 17 Jahre alt ist und als DJ jobbte. Er wollte in Port-au-Prince Jura studieren. Seine Mutter wollte, dass er auswandert, um Geld zu verdienen.

Peterson streichelt seiner Tochter, die auf seinem Unterarm liegt, den Bauch. Für den Abend habe er ein Treffen einberufen, um die Lage mit allen zu besprechen.

Menschen aus Haiti warten auf ihre Bootsfahrt über den Golf von Uraba. Ihre Habseligkeiten verstauen sie in Plastiktüten, die sie beschriften

Menschen aus Haiti warten auf ihre Bootsfahrt über den Golf von Uraba. Ihre Habseligkeiten verstauen sie in Plastiktüten, die sie beschriften

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Bajo Chiquito, Darién, Panama

Eine Frau liegt rücklings im Wasser, der Oberkörper nackt, sie kann ihren Kopf nicht mehr heben. Immer wieder fällt er zur Seite, die Augen schließen sich. Eine Ältere hält sie über Wasser. Sie kommen aus dem Dschungel, Menschen mit zerschundenen Füßen und zerfetzten Seelen. Ein junger Mann erscheint in Flipflops. Eine andere Frau schleppt sich über die Böschung ins Dorf Bajo Chiquito, in dem ein paar Hundert Indigene leben und das nun täglich von der doppelten Anzahl an Migrantinnen und Migranten überlaufen wird. Überall liegt Müll, der Boden gleicht einer klebrigen Masse, durch die ein paar Hühner stapfen, es riecht nach Urin.

Eine Frau aus Haiti setzt sich auf diesen Boden und beginnt zu weinen, erzählt von den vielen Leichen, die sie im Wald gesehen hat, vielleicht 20, im Wasser, aber auch am Wegrand, in Zelten, halb verweste Mütter mit Kindern. Auch eine Frau aus ihrer Gruppe und deren Kind seien zurückgeblieben. »Wieso habe ich es geschafft und die anderen nicht«, fragt sie, »ich bin doch nicht besser!« Ihre Beine und Füße sind von blutigen Kratzern übersät, an mehreren Stellen fehlt Haut. Eine andere Haitianerin sitzt in der Ecke eines Vorgartens und kann nicht aufstehen. Sie habe seit drei Tagen nichts gegessen. Zum Glück sei ihrer Tochter nichts passiert.

Migrantinnen und Migranten aus Haiti kommen in dem Dorf Bajo Chiquito an, nachdem sie den Urwald von Darién durchlaufen haben

Migrantinnen und Migranten aus Haiti kommen in dem Dorf Bajo Chiquito an, nachdem sie den Urwald von Darién durchlaufen haben

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Wir nehmen kein Geld dafür, dass sie hier schlafen«, sagt ein älterer indigener Mann, in dessen Vorgarten sich die Haitianerin befindet. Andere hier verlangen fünf Dollar für einen Platz unter einem Dach. Das Dorf hat neben zahlreichen Kiosken für Artikel des täglichen Gebrauchs eigens ein Verkaufsfenster mit einem Schalter für Western Union Money Transfer eingerichtet.

Die Migrantinnen und Migranten sollen den Ort zwar möglichst schnell wieder verlassen, allerdings sollen sie dafür bezahlen. Die Bootsfahrt nach Lajas Blancas, in das erste Auffanglager, kostet etwa zehn Dollar pro Person.

Von dort aus geht es in großen, bunten Reisebussen weiter in Richtung Costa Rica. Auch für diese Fahrt müssen die Geflüchteten je 40 Dollar bezahlen. Am Abfahrtsplatz wartet eine aufgebrachte Menge. Eine Gruppe von Haitianern. Einige von ihnen durchwanderten den Dschungel gemeinsam. Sie wurden überfallen. Sie berichten von sechs maskierten Männern, fünf mit Gewehren, einer mit einer Machete. »Wer kein Geld hatte, den haben sie getötet«, erzählt Dieubeni Joli, 39, der mit seiner Schwester und seinem kleinen Neffen reist. Er wirkt fiebrig, seine Augen sind rot. Er macht eine Handbewegung, als durchtrenne er seinen Hals. »Eine Familie konnte nichts geben, also haben sie die zwölfjährige Tochter vor den Augen ihrer Eltern mit der Machete getötet.« Er habe außerdem gesehen, wie sie ihre Finger in die Vaginas sechs-, siebenjähriger Mädchen eingeführt hätten, um dort nach Geld zu suchen. Mehrere Frauen sowie zwölf- und vierzehnjährige Mädchen seien vergewaltigt worden.

Dieubeni Joli wurde im Dschungel Zeuge extremer Gewalttaten

Dieubeni Joli wurde im Dschungel Zeuge extremer Gewalttaten

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Die Geschichten gleichen sich«, sagt Owen Breuil, Koordinator von Ärzte ohne Grenzen, »die Gewalt wird geradezu in systematischer Weise durchgeführt.« Die Taten würden vor der ganzen Gruppe stattfinden. »So sind alle traumatisiert, auch die Beobachter und Angehörigen, die machtlos sind und Schuldgefühle haben.« Die Organisation vergibt Notfall-Kits an Überlebende, darin eine Hepatitis-Impfung und antiretrovirale Medikamente, um eine HIV-Infektion zu verhindern. Mehr als 240 Vergewaltigungen haben Ärzte ohne Grenzen dokumentiert, seit sie im April eine Krisenstation in Bajo Chiquito aufbauten. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte weitaus höher liegen.

Für die Weiterfahrt mit einem Reisebus in Richtung Costa Rica müssen die Haitianerinnen und Haitianer 40 Dollar bezahlen

Für die Weiterfahrt mit einem Reisebus in Richtung Costa Rica müssen die Haitianerinnen und Haitianer 40 Dollar bezahlen

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Kein Mensch müsste den Darién Gap durchlaufen. Es gäbe alternative Routen. Migrantinnen und Migranten könnten mit Booten an der Küste entlang nach Panama gebracht und von dort – wie auch jetzt schon – mit Bussen weitertransportiert werden. »Wir verhandeln darüber mit Kolumbien, aber wir haben noch keine Einigung erreicht«, sagt Dayra Carrizo, die Vizeaußenministerin Panamas. Von einer »humanitären Brücke« sprach kürzlich der kolumbianische Politiker Carlos Camargo bei einem Besuch in der Region. Doch bisher gibt es diese Brücke nicht. Es gibt lediglich eine Übereinkunft, wonach Kolumbien täglich nur 500 Menschen nach Darién durchlassen soll. Tatsächlich, beklagt Carrizo, kämen deutlich mehr an. »Wir wollen eine geordnete, kontrollierte, sichere Migration«, sagt sie. In Panama würden die Menschen erstmals registriert und versorgt.

Eine Haitianerin, die den Dschungel durchquert hat, zeigt ihre verbliebenen Habseligkeiten

Eine Haitianerin, die den Dschungel durchquert hat, zeigt ihre verbliebenen Habseligkeiten

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Sie schicken die Leute zum Schlachter«, sagt Breuil von Ärzte ohne Grenzen. Zwar hat die panamaische Seite inzwischen mehr Sicherheitskräfte in den Urwald entsandt; es finden Rettungsmissionen statt. Die Fälle sexueller Gewalt nahmen zuletzt deutlich ab. Doch von einer sicheren Route kann keine Rede sein. Das Gelände sei militärisch nicht kontrollierbar, lautet die offizielle Erklärung.

Migrantinnen und Migranten in einem Holzboot auf der Fahrt zum ersten Auffanglager nach dem Dschungel

Migrantinnen und Migranten in einem Holzboot auf der Fahrt zum ersten Auffanglager nach dem Dschungel

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Necoclí, Kolumbien

Marie Bernadine Syon, 35, wiegt ihren Säugling in den Armen. Ihr Mann, der Automechaniker Romain, nimmt einen Schluck Limonade. »Wir machen diese Reise, weil wir eine Tochter haben. Wir wollen, dass es ihr besser geht, sie mehr Chancen hat.« Seine Frau knetet eine dünne Goldkette zwischen ihren Fingern.

Zuletzt sei das Leben in Chile schwieriger geworden, erzählt Romain, die Stimmung im Land feindseliger. »Geh nach Hause, du nimmst uns die Arbeit weg«, habe man ihm zugerufen. Ihn im Bus einen »Terroristen« genannt. Unter der neuen, konservativen Regierung sei es immer komplizierter geworden, eine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Und in der Pandemie verlor Romain seine feste Anstellung, jobbte nur noch.

Immer wieder tupft die Mutter dem schlafenden Baby Schweißperlen von der Stirn. Seine Frau leide unter der Hitze, erzählt Romain, sie habe kaum mehr Muttermilch. Die beiden sind seit mehr als sechs Jahren zusammen. Sie kennen sich bereits seit ihrer Kindheit, zogen gemeinsam nach Port-au-Prince, dann ins Ausland. Romains WhatsApp-Profilbild zeugt von glücklichen Tagen: ein lachendes Paar, Wange an Wange. Jetzt weicht seine Frau seinem Blick aus. Sie hat Tränen in den Augen. »Sie ist etwas deprimiert«, sagt Romain, »und sauer auf mich.« Sie mache ihm Vorwürfe. Er war es, der entschied, die Reise in die USA anzutreten.

Marie Bernadine Syon und ihr Mann Wickendy Romain machen sich Sorgen um ihre drei Monate alte Tochter

Marie Bernadine Syon und ihr Mann Wickendy Romain machen sich Sorgen um ihre drei Monate alte Tochter

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

»Ich habe Angst vor dem Wald«, sagt sie und drückt ihr Baby an die Brust.

Ist das euer erstes Kind?

»Unser Erstes ist gestorben«, sagen beide gleichzeitig. Sie haben schon ein Kind verloren. Das Baby wurde nur acht Monate alt, zu Beginn ihrer Beziehung, in Haiti, dem Land »in dem von Tag zu Tag alles schlimmer wird«, wie Romain sagt.

In den vergangenen Wochen wurden mit 68 Abschiebeflügen mehr als 7000 Haitianerinnen und Haitianer im Rahmen der Verordnung 42 von der US-amerikanischen Grenze in den Krisenstaat Haiti abgeschoben. In ein Land, in dem sie seit Jahren nicht mehr gelebt und das ihre Kinder nie gesehen haben.

Die Trump-Administration war es, die unter der Prämisse des Seuchenschutzes eine Verordnung erließ, die es den USA ermöglicht, Menschen innerhalb von Stunden aus dem Land zu werfen, ohne dass diese einen Asylantrag stellen können. Präsident Biden entschied sich, die Politik weiterzuführen und verstärkt auf Menschen aus Haiti anzuwenden.

»Wir denken ans Ziel«, sagt Romain.

Er hat schon Tütensuppen gekauft für die Wanderung. Außerdem wolle er noch ein Zelt anschaffen, feste Schuhe, Taschenlampen, ausreichend Milchpulver und Windeln. Er plant, 300 Dollar in bar mitzunehmen. Die Preise für die Schlepper kennt er nicht. Die günstigsten Schlepper kosten derzeit rund 80 Dollar pro Person, zusätzliche Gebühren für Schlafplätze und das Überqueren von Flüssen können anfallen, für rund 10 Dollar tragen sie einen Rucksack, für 30 ein Kind. Viele verschwinden schon nach dem ersten Tag.

Zwei haitianische Mädchen baden im ruhigen Meer am Strand von Necocli

Zwei haitianische Mädchen baden im ruhigen Meer am Strand von Necocli

Foto: Santiago Mesa / DER SPIEGEL

Das Meer in Necoclí ist ruhig an diesem Tag. Ein paar Kinder baden im seichten Wasser. Romains Frau ist gerade ein paar Minuten weg. Plötzlich lehnt Romain sich gegen einen weißen Pick-up-Truck, vergräbt sein Gesicht in den Armen und beginnt zu weinen. Dann läuft er davon.

Einige Tage später meldet er sich über WhatsApp, alles sei in Ordnung. Die Reisevorbereitungen liefen. Auch Peterson hat sich entscheiden, den Dschungel mit seiner Familie zu durchqueren.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.