Expertin Ndiaye »Migration ist ein universelles Recht«

Millionen hat Europa in Westafrika investiert, um Grenzen dichtzumachen und Fluchtursachen zu bekämpfen. Aber 2021 sind 4000 Migranten allein auf der Kanarenroute ums Leben gekommen. Ndioro Ndiaye hat Lösungsvorschläge.
Ein Interview von Heiner Hoffmann
Ndioro Ndiaye, ehemalige Vizepräsidentin der Uno-Migrationsorganisation IOM (Archivbild aus dem Jahr 2009)

Ndioro Ndiaye, ehemalige Vizepräsidentin der Uno-Migrationsorganisation IOM (Archivbild aus dem Jahr 2009)

Foto: BOBBY BANK / Getty Images / AFP
Globale Gesellschaft

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Laut der Organisation Caminando Fronteras war das vergangene Jahr das tödlichste auf der Atlantikroute, mehr als 4000 Migranten haben auf dem gefährlichen Weg aus Westafrika auf die Kanaren ihr Leben verloren. In Holzbooten legen sie aus dem Senegal, Mauretanien oder Marokko ab, um auf den Außenposten Europas zu gelangen. Die Fahrt dauert nicht selten mehr als eine Woche – und viele Boote verschwinden spurlos. Wie viele Menschen genau sich auf den Weg machen, ist völlig unklar.

2006 und 2007 gab es schon einmal Hunderte Boote auf dieser Route, danach hat Europa viel in Grenzschutz und Bekämpfung von Fluchtursachen investiert. Tatsächlich wurde es kurz darauf ruhiger auf dem Atlantik – Kritiker sagen, dass sich die Wege schlicht verlagert haben. Seit 2020 ist die Atlantikroute wieder stärker frequentiert, auch weil das Mittelmeer inzwischen abgeschottet ist. Zudem haben viele Menschen in den Ländern Westafrikas während der Coronapandemie ihren Job verloren, suchen deshalb in Europa ihr Glück. Die Konsequenz: Tausende Tote.

Ndioro Ndiaye, ehemalige Vizedirektorin der Uno-Migrationsorganisation IOM und selbst Senegalesin, spricht im Interview über die Rückkehr der Migration auf dem Atlantik.

Zur Person
Ndioro Ndiaye, Jahrgang 1946, war von 1999 bis 2009 stellvertretende Generaldirektorin der International Organization for Migration (IOM). Sie hatte zudem mehrere Ministerposten im Senegal inne, unter anderem als Ministerin für Soziale Entwicklung. Heute ist sie Präsidentin der Alliance for Migration, Leadership and Development und bemüht sich um eine nachhaltige Migrationspolitik in Westafrika.

Ndioro Ndiaye, Jahrgang 1946, war von 1999 bis 2009 stellvertretende Generaldirektorin der International Organization for Migration (IOM). Sie hatte zudem mehrere Ministerposten im Senegal inne, unter anderem als Ministerin für Soziale Entwicklung. Heute ist sie Präsidentin der Alliance for Migration, Leadership and Development und bemüht sich um eine nachhaltige Migrationspolitik in Westafrika.

Foto: privat

SPIEGEL: Warum wollen so viele weg aus Westafrika, versuchen es über den Atlantik?

Ndiaye: Weil es ihr gutes Recht ist. In ein anderes Land zu gehen, sich dort niederzulassen und bei Bedarf zurückzukehren, ist ein universelles Recht. Das muss von allen anerkannt werden. Aber womit ich nicht einverstanden bin, ist die Art und Weise, wie es geschieht. Sie machen es irregulär, das führt zu großen Problemen zwischen den Herkunfts- und Aufnahmeländern. Ich sage bewusst nicht illegal, sondern irregulär.

SPIEGEL: Aber es ist doch extrem schwierig, auf legalem Weg nach Europa zu kommen – mit einem Visum oder einer Arbeitserlaubnis.

Ndiaye: Ja, dabei braucht Europa Arbeitskräfte. Und Länder wie der Senegal verfügen über viele junge Arbeitskräfte. Wir sollten also mit Europa darüber verhandeln. Ich wähle meine Worte mit Bedacht, aber ich muss sagen: Der Globale Norden zieht offenkundig irreguläre Einwanderer vor. Die können sie leichter als Billiglöhner beschäftigen, ohne sich an Arbeitsgesetze zu halten – denn die Migranten sind ja illegal im Land. Als ehemalige IOM-Verantwortliche habe ich viel mit asiatischen Regierungen zusammengearbeitet, insbesondere mit den Philippinen. Wir haben dabei geholfen, über legale Migrationsmöglichkeiten und faire Gehälter der Arbeitsmigranten zu verhandeln. Warum bekommt Europa das nicht mit Afrika hin?

Viele Jugendliche sehen im Senegal keine Zukunft – doch legal nach Europa zu kommen, ist extrem schwierig

Viele Jugendliche sehen im Senegal keine Zukunft – doch legal nach Europa zu kommen, ist extrem schwierig

Foto: Ricci Shryock / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Würde das denn dem Globalen Süden helfen – viele fürchten einen Braindrain?

Ndiaye: Die Länder des Südens könnten von einer fairen Kooperation profitieren, weil die Jugend dann nach den Standards der Industrieländer ausgebildet wird – und dieses Wissen fließt anschließend zurück in die Herkunftsländer. Außerdem überweisen die Migranten in der Regel Geld an ihre Familien, wenn sie im Norden Arbeit gefunden haben. Und es gibt noch einen interessanten Punkt: Migration erweitert die Sichtweise. Viele denken dadurch unternehmerischer, und das ist ein echter Mehrwert für die Länder, aus denen sie kommen.

SPIEGEL: Derzeit dreht sich die europäische Politik stark um Grenzschutz. Wie sinnvoll ist das?

Ndiaye: Das sind nur kurzfristige Strategien. Sie sind kostspielig und können keine nachhaltigen Lösungen sein. Das sehen wir doch auch bei Frontex, dieses Konzept ist veraltet. Früher galt die EU-Grenzschutzagentur als Allheilmittel. Es war Europas Lösung, um die Boote aus dem Süden aufzuhalten. Die EU will jetzt offenkundig die Menschen so weit wie möglich im Süden von der Migration abhalten: Europas Außengrenzen beginnen praktisch südlich der Maghreb-Staaten. Die Leute sollen erst gar nicht das Mittelmeer erreichen, geschweige denn überqueren. Aber dass diese Strategie so nicht aufgeht, ist offensichtlich.

SPIEGEL: Die EU und die einzelnen Mitgliedstaaten haben auch Millionen Euro in Programme zur Bekämpfung der Fluchtursachen investiert, gerade im Senegal. Hat das etwas gebracht?

Ndiaye: Sie haben das angestrebte Ziel nicht erreicht, die Migration gibt es ja trotzdem noch. Ja, die EU macht viel vor Ort, und das ist lobenswert. Sie finanzieren etwa Programme, die Rückkehrern aus Europa dabei helfen, im Senegal wieder Fuß zu fassen. Aber hinsichtlich des angestrebten Ziels – nämlich die Einstellung der Bevölkerung zu irregulärer Migration zu ändern – bleiben die Maßnahmen wirkungslos. Denn die Investitionen sind zu bruchstückhaft. Es kommt zu wenig an der Basis an, diese internationalen Projekte haben hohe Verwaltungskosten. Ich bin überhaupt nicht überrascht, dass die Mittel nicht die erwartete Wirkung zeigen, trotz der Riesensummen, die fließen. Die Europäische Union und die Herkunftsländer sollten sich zusammensetzen und besprechen, wie man das Geld effektiver einsetzen kann, um Migration zu steuern.

»Bisher wird alles im Globalen Norden entschieden.«

SPIEGEL: Was wären denn Lösungen?

Ndiaye: Es muss zunächst einen Dialog auf Augenhöhe geben. Bisher wird alles im Globalen Norden entschieden. Die Länder dort verfügen über Ressourcen und schicken ihr eigenes Personal hierher, dafür geht viel Geld drauf. Die europäischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschlingen einen Großteil des Budgets.

SPIEGEL: Europa will mit den Projekten die Fluchtursachen bekämpfen – aber trägt die EU nicht auch selbst zu den Fluchtursachen bei?

Ndiaye: Das hören wir oft, die senegalesischen Fischer sind wütend auf Europa und sagen, dass sie im Senegal keine Zukunft haben, weil ein Großteil des Fischbestandes von den großen Trawlern aus Europa und anderen Industrieländern weggefangen wird. Diese Realität kennen wir schon lange. Aber ich denke, das ist nur einer von vielen Faktoren. Die Regierungen der Herkunftsländer sollten das deutlich ansprechen. Es muss eine gleichberechtigte Partnerschaft geben, und wir müssen unsere Bedingungen klar auf den Tisch legen – damit Migration zum Nutzen des Nordens und des Südens stattfinden kann.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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