Coronakrise und Mikrokredite in Indien Pinky Devi im Teufelskreis der Schulden

Viele Frauen in Indien nutzen Mikrokredite, um damit ihre Familie zu finanzieren – und nicht als Anschub für ein Unternehmen. Wie funktioniert das in der Pandemie?
Teepflückerinnen in Assam, Indien

Teepflückerinnen in Assam, Indien

Foto: David Talukdar / NurPhoto / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Anfang März 2020 nahm die Schneiderin Pinky Devi, 30, aus dem nordindischen Bundesstaat Bihar einen Mikrokredit über umgerechnet 1100 Euro auf. In den vergangenen zwölf Jahren hatte die Ehefrau und Mutter von zwei Teenagern immer wieder kleinere Kredite aufgenommen. Allerdings nicht für ihre eigene Schneiderei.

Sie nutzte das Geld, um ihr Familienhaus auszubauen, für Arztrechnungen, für die Bildung ihrer Söhne – oder, wie dieses Mal im März, um die Zimmerei ihres Mannes zu unterstützen.

Ihr Ehemann, Sunil Kumar Sharma, 32 Jahre alt, benötigte ein Motorrad, um zu seinen Kunden zu fahren. Wie immer ließ Sharma seine Ehefrau den Kredit aufnehmen. Denn viele Mikrokredit-Institutionen vergeben diese nur an Frauen. Kurz danach verkündete der indische Premierminister Narendra Modi einen harten Lockdown.

Frauen holen Wasser in Maharashtra, Indien (Archivbild)

Frauen holen Wasser in Maharashtra, Indien (Archivbild)

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Mikrokredite gelten seit den Achtzigern als Instrument der Emanzipation: Sie sollen vor allem ärmere Frauen unterstützen, die keinen Zugang zu Banken haben, die noch nie ein Konto besaßen. In Indien gibt es die meisten Mikrokreditnehmerinnen der Welt, 85 Prozent davon sind Frauen, so eine Studie von PricewaterhouseCoopers.

Doch während der Corona-Pandemie zeigt sich, dass die Mikrokreditvergabe Frauen nicht stärkt. Im Gegenteil. Viele Frauen verschulden sich, müssen ihre Darlehensrückzahlungen aufschieben und sind mit immer höher werdenden Zinsraten konfrontiert.

Supriya Garikipati, Entwicklungsökonomin an der Universität Liverpool, hat in ihrer Arbeit herausgefunden, dass Frauen nur äußert selten das geliehene Geld nutzen, um ihr eigenes Unternehmen aufzubauen. Sie unterstützen damit eher ihre Familie und ihren Ehemann, kaufen damit etwa Lebensmittel. »Mehr als 80 Prozent aller Kreditnehmerinnen funktionieren als eine Art Schlüssel, mit der männliche Familienmitglieder an Geld kommen«, so Garikipati.

Auch Pinky Devi hat eher indirekt von ihren Krediten profitiert. Sie präsentiert im Videogespräch stolz ihre Nähmaschine. Im Hintergrund ihres rosafarben gestrichenen Hauses sieht man ein unfertiges Treppengeländer. In der Ecke liegen sorgfältig gestapelt Holzstämme. »Immer, wenn wir Geld übrig hatten, haben wir einen weiteren Teil fertig renoviert«, sagt sie. Sie freut sich, in einem schöneren Haus zu leben als noch vor zehn Jahren.

Aber sie hat kaum eigenes Vermögen in ihrem Namen. Dafür jetzt Schulden. Theoretisch hätte Pinky Devi das Geld dafür nutzen können, ihr eigenes Unternehmen auszubauen. Doch weder die Banken noch die Verleiher scheinen sich dafür zu interessieren, für was sie das Geld nutzt. Solange sie pünktlich zurückzahlt, kann sie weiterhin Mikrokredite beantragen.

Indien wurde hart von der Corona-Pandemie getroffen. Während des strikten Lockdowns verloren viele Menschen ihre Jobs, vor allem im informellen Sektor.

Indien wurde hart von der Corona-Pandemie getroffen. Während des strikten Lockdowns verloren viele Menschen ihre Jobs, vor allem im informellen Sektor.

Foto: Sudipta Das / Pacific Press Agency / imago images

Dazu kommt, so Experten, dass die Rückzahlungsregelungen in Indien unklar seien. Zwar hatte Indien vier Tage nach der Lockdown-Verkündung im März ein Moratorium  angekündigt, wonach die Rückzahlungen von Mikrokrediten ausgesetzt werden würden. Devi war erleichtert. Doch Ende August lief das Moratorium ab.

Und kurz darauf forderte Devis Sachbearbeiter, dass sie ihren Kredit und die angefallenen Zinsen sofort zurückzahlen müsse. Das Ehepaar war verdutzt.

Während der Pandemie waren Devis Nähaufträge weggebrochen. Ihr Ehemann durfte wegen des strikten Lockdowns nicht einmal mehr in seine Werkstatt fahren. Ihr eigentlicher Plan, jede Woche Raten von umgerechnet 33 Euro zurückzuzahlen, funktionierte nicht. Sie hatten schlicht kein Einkommen. »Wir waren eher besorgt, ob wir überhaupt unsere täglichen Ausgaben zahlen können«, erzählt Devi. Im Video sieht man, wie ihr Nasenstecker und ihre kleinen Goldohrringe in der Nachmittagssonne glitzern.

»Auch nach dem Lockdown ist die Verwirrung groß«, sagt Sanjay Sinha, Geschäftsführer der Beratungs- und Analysefirma M-Cril. Er kritisiert, dass die Regierung und die Indische Zentralbank die Bedingungen des Moratoriums unklar kommuniziert hätten. Die Zentralbank hat sich trotz mehrmaliger Anfragen nicht dazu geäußert.

Alok Misra, der Geschäftsführer des Microfinance Institutions Network, schreibt hingegen auf Anfrage: »In den meisten Fällen ist alles wieder zurück zur Normalität gekehrt; die Menschen können wieder ihren Lebensunterhalt verdienen«. 

Andere Länder haben die Tilgungen für Kredite anders geregelt: Pakistan gewährte Kreditnehmern einen Zahlungsaufschub von einem Jahr. Auch in Kenia ist dies möglich; zusätzlich wurden Gebühren für digitalen Zahlungsverkehr gestrichen.

Erfinder der Mikrokredite und Nobelpreisträger Muhammad Yunus

Erfinder der Mikrokredite und Nobelpreisträger Muhammad Yunus

Foto: Denis Meyer / Hans Lucas / imago images

Es ist nicht das erste Mal, dass die Branche der Mikrokredite in der Kritik steht. Vor zehn Jahren etwa nahmen sich 57 verschuldete Bauern im Bundesstaat Andhra Pradesh das Leben . Ihr Suizid soll mit Kreditvergaben  zusammenhängen.

Danach führte der Sektor selbst mehrere Reformen ein. Sie sollten regulieren, wie Mikrokredite vergeben werden sollen, wie viel geliehen werden und wie hoch die Summe maximal sein darf. Aber nicht alle Reformen sollen umgesetzt worden sein.

Zu den Schulden kommt noch der gesellschaftliche Druck. Mikrokredite werden oft an sogenannte Solidaritätszirkel vergeben. Die Idee dahinter: Zwar erhalten Individuen die Kredite, aber die jeweils etwa ein Dutzend Frauen in den Gruppen sollen sich gegenseitig kontrollieren, das Geld pünktlich zurückzuzahlen.

Indische Landwirtinnen (Archivbild)

Indische Landwirtinnen (Archivbild)

Foto: SANJAY BAID/EPA-EFE/Shutterstock

Jeder Teilnehmerin stehen jeweils drei Kredite in Höhe von umgerechnet etwa 1600 Euro zu. Es ist im Interesse der Gruppe, dass alle Mitglieder ihre Raten zahlen. Sonst könnten der gesamten Gruppe künftige Kredite verwehrt werden. Auch deswegen befürchtete Pinky Devi, dass die Frauen sie tadeln würden. Sie hatte nicht genügend Geld, um ihre Schulden zu tilgen.

Doch im September, als sich die Gruppe nach dem Lockdown das erste Mal wieder persönlich traf, merkte Devi: Keine hatte es geschafft, ihre Darlehen zurückzuzahlen. So geht es derzeit vielen Gruppen.

Vor der Pandemie lag die Rückzahlungsrate im Mikrokreditsektor bei mehr als 90 Prozent. Im August dieses Jahres lag sie bei 70 Prozent, im September stieg sie wieder auf gut 80 Prozent, so der Lobbyverband Sa-Dhan. Mit Blick auf vorherige Krisen zeigt sich, dass viele der Mikrokreditverleiher innerhalb eines Jahres insolvent gehen würden , wenn die Rückzahlungen bei 85 Prozent bleiben, schreibt Greta Bull, Geschäftsführerin der Consultative Group to Assist the Poor (CGAP), einem globalen Thinktank, der sich mit finanzieller Inklusion befasst.

In Devis Gruppen waren es jedoch nicht die anderen Frauen, die Druck machten, sondern der Sachbearbeiter. Immer wieder sei er bei den wöchentlichen Treffen aufgetaucht, erzählt Devi. Er habe von den Frauen verlangt, ihre Schulden sofort zu begleichen.

Andere Gläubiger, so berichten verschiedene Sozialarbeiter, seien aggressiv geworden, ohne Ankündigung zu Hause bei den Frauen aufgetaucht. Sogar Schlägereien seien zwischen Kreditgebern und Familien ausgebrochen. Viele Frauen sahen sich demnach gezwungen, ihren Schmuck zu verkaufen oder sich informell Geld zu leihen, um ihre Schulden zu tilgen.

Auch für Pinky Devi ist es ein Teufelskreis geworden: »Woher sollen wir das ganze Geld nehmen?«, fragt sie. Ihr Ehemann hat gerade erst wieder begonnen zu arbeiten. Wenn sie ihren Mikrokredit nicht zurückzahlen kann, kann sie auch in Zukunft nichts mehr leihen – und wäre dann auf informelle Kredithaie angewiesen, die oft Wucherzinsen verlangen. Sie war immer stolz darauf, diese zu umgehen.

Der Text wurde zuerst veröffentlicht von »The Fuller Project« . Die gemeinnützige Nachrichtenredaktion berichtet weltweit über Themen, die Frauen betreffen.

Anmerkung der Redaktion: DER SPIEGEL hat den Originaltext  nach Absprache mit »The Fuller Project« redaktionell leicht gekürzt und teilweise umgestellt; die Inhalte wurden dabei nicht verändert.

Übersetzung und Redaktion: Fiona Weber-Steinhaus

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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