Umverteilung in der Coronakrise Crowdfunding für Arbeitslose, Sondersteuer für Millionäre

Ein junger Indonesier betreibt eine Spendenplattform für Menschen in Not, Argentinien hat eine Reichensteuer eingeführt: Initiativen weltweit versuchen, die soziale Kluft zu verkleinern, indem sie Geld umverteilen.
Umverteilung von unten: Lody Andrian hat die Crowdfunding-Plattform »Bagirata« gegründet

Umverteilung von unten: Lody Andrian hat die Crowdfunding-Plattform »Bagirata« gegründet

Foto: privat
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Lody Andrian war kurz davor, mit seiner Heavy-Metal-Band das erste Album herauszubringen, auf Tour zu gehen – doch die Pandemie durchkreuzte den Plan. Anfang März 2020 wurden in Indonesien die ersten Corona-Infektionen bekannt, Bars, Klubs und Konzerthallen mussten schließen.

Der 29-Jährige, der in der Hauptstadt Jakarta lebt, konnte als Grafikdesigner zumindest einfach weiter von zu Hause aus arbeiten – doch viele seiner Freunde, die im Dienstleistungssektor beschäftigt waren, verloren ihre Jobs. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr in Indonesien rund 2,6 Millionen Menschen  arbeitslos.

Weltweit haben Millionen Menschen ihre Jobs in der Pandemie verloren

Weltweit haben Millionen Menschen ihre Jobs in der Pandemie verloren

Foto: Donal Husni / ZUMA Wire / imago images

»Ich habe überlegt, wie ich für meinen Freundeskreis ein Sicherheitsnetz schaffen kann, da es keine Hilfe von der Regierung gab«, sagt Lody Andrian im Interview. »Ich kam darauf, dass das Geld am leichtesten bei denen zu finden ist, die noch arbeiten können.« Viele Gutverdiener würden sogar noch mehr sparen als zuvor, glaubt er – weil sie kein Geld mehr für Konzerte, Klubbesuche oder Ähnliches ausgeben könnten.

So gründete der junge Indonesier eine Crowdfunding-Plattform: Über »Bagirata« kann jeder per QR-Code Spenden direkt an Bedürftige überweisen. Die Initiative hilft seitdem nicht nur Lody Andrians arbeitslosen Freunden, sondern auch mehr als tausend anderen Menschen, die nicht wissen, wie sie ohne Job überleben sollen.

Die Plattform »Bagirata« – zu Deutsch »gleich verteilen« – vernetzt Menschen in Not mit Unterstützern

Die Plattform »Bagirata« – zu Deutsch »gleich verteilen« – vernetzt Menschen in Not mit Unterstützern

Foto: Bagirata

Weltweit haben Millionen Menschen ihre Arbeit verloren, viele sind plötzlich in die Armut gestürzt oder mussten beträchtliche Einkommensverluste hinnehmen – vor allem jene, die vor der Krise in schlechteren, oft informellen Arbeitsverhältnissen beschäftigt waren.

Die Pandemie hat die soziale Ungleichheit weltweit verschärft: Während Wohlhabende sich besser vor dem Coronavirus schützen können und teils heute sogar reicher sind als vor der Krise, sind die Ärmeren gesundheitlichen, aber auch wirtschaftlichen Risiken stärker ausgesetzt.

Staaten weltweit versuchen, Bedürftige mit Corona-Sozialprogrammen zu unterstützen, die allerdings nicht ausreichen. Private Initiativen aber auch Regierungen experimentieren zudem mit neuen Ansätzen, die Einkommen umverteilen und so die soziale Kluft etwas eindämmen sollen – wie eben die dezentrale Crowdfunding-Plattform »Bagirata« in Indonesien oder Argentiniens neue Reichensteuer, deren Erlös in Sozialprogramme fließen soll.

Digitale Soforthilfe: Über mobile Zahlungssysteme überweisen Indonesier Geld an Bedürftige

Digitale Soforthilfe: Über mobile Zahlungssysteme überweisen Indonesier Geld an Bedürftige

Foto: Donal Husni / ZUMA Wire / imago images

»Die Solidarität hat in Indonesien während der Pandemie stark zugenommen«, beobachtet Lody Andrian. »Wer noch Arbeit hat, bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn er sieht, wie schlecht es seinen Bekannten geht.«

Der Bedarf an Unterstützung ist groß: Als »Bagirata« online ging, registrierten sich noch am Launch-Tag Hunderte, die Hilfe brauchten. Mund-zu-Mund-Propaganda machte das Projekt schnell bekannt.

Mehr als 3000 Nutzer haben sich bisher auf der Plattform registriert. Das Team hat davon rund 1600 Profile verifiziert und freigeschaltet – darunter viele von Menschen, die in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie tätig waren.

Wer Unterstützung braucht, muss seine Situation beschreiben, Daten wie Handynummer, Social-Media-Konten und E-Mail-Adresse übermitteln – und seine digitale Geldbörse, auf die Spender direkt überweisen können.

Überzeugt die Spender eine Geschichte, können sie selbst entscheiden, wie viel Geld sie digital transferieren wollen. Meist seien es Lody Andrian zufolge Kleinstbeträge von drei oder vier Euro, die sich aber am Ende des Monats für manche zu einem kleinen, alternativen Gehaltsscheck summieren könnten – oder zumindest den nächsten Lebensmitteleinkauf finanzieren. Umgerechnet mehr als 32.000 Euro Spendengelder sind bereits an Hilfsbedürftige geflossen.

Allerdings reicht das Crowdfunding nicht aus, um die immense Nachfrage zu decken. Lody Andrian versucht deshalb, Unternehmen als Partner zu gewinnen, die einen Teil ihrer Erlöse an die Plattform spenden.

Reichensteuer in Argentinien

Während die Umverteilung bei »Bagirata« auf Freiwilligkeit basiert, verpflichtet die argentinische Regierung die Reichsten im Land derzeit mit einer Sonderabgabe, Corona-Hilfe zu leisten.

Wohlhabende, die umgerechnet mehr als 1,9 Millionen Euro besitzen, müssen einmalig eine Steuer von bis zu 3,5 Prozent auf ihr Vermögen im Inland und bis zu gut fünf Prozent auf ihr Vermögen im Ausland zahlen – die Einnahmen sollen unter anderem kleinere Unternehmen sowie sozial Schwache unterstützen.

Die Regierung hofft, die Sonderabgabe von rund 12.000 Millionären zu kassieren – und auf diesem Weg dieses Jahr etwa drei Milliarden Euro zusätzlich einzunehmen.

Etwa 44 Prozent der Argentinier sind arm, rund 20 Millionen Menschen

Etwa 44 Prozent der Argentinier sind arm, rund 20 Millionen Menschen

Foto: Roberto Almeida / ZUMA Wire / imago images

In Argentinien wird die Abgabe kontrovers diskutiert, viele Wirtschaftsexperten halten sie aber für sinnvoll: »Es sind die Armen, die in der Pandemie insgesamt die höchsten Kosten tragen«, sagt der Ökonom Christian Ambrosius, Gastdozent an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM). »In der Krise eine Solidarität der besser Verdienenden einzufordern, scheint mir deshalb nachvollziehbar.«

Zudem habe Argentinien kaum Alternativen dazu, als Corona-Ausgaben über Steuereinnahmen zu schultern: Das verschuldete Land habe nur einen sehr begrenzten Zugang zum internationalen Kapitalmarkt und könne nicht ohne Weiteres neue Kredite aufnehmen.

Der Korruptions- und Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia von der New Yorker Columbia University ist jedoch skeptisch, ob die Umverteilung wie geplant funktionieren wird: »Damit sie erfolgreich ist, müssten die Mittel tatsächlich die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen erreichen – und in Argentinien ist die Korruption im öffentlichen Sektor zügellos«, sagt er. Buscaglia geht zudem davon aus, dass die meisten Topvermögenden sich weigern werden zu zahlen – oder zumindest weniger zahlen, als die Regierung sich erhofft.

»Argentiniens reichste Familien haben die Mehrheit ihres Geldes längst im Ausland versteckt.«

Edgardo Buscaglia, Korruptions- und Kriminalitätsexperte

Die Opposition und einige Experten halten die Steuerlast  für wohlhabende Bürger bereits zu hoch und beschweren sich, dass der Staat das Vermögen der Reichen »konfisziere«. Ambrosius findet die Kritik überzogen – »weil die Staaten in Lateinamerika insgesamt kaum umverteilen und die Steuerlast im Vergleich zum Durchschnitt der OECD-Länder niedrig ist«.

Der Ökonom glaubt dennoch, dass Debatten über Sondersteuern dieses Jahr auch in anderen Ländern weltweit aufgenommen werden könnten – wenn die öffentlichen und auch die sozialen Kosten und Konsequenzen noch sichtbarer werden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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