Gewalt gegen Minderheit der Dalits in Indien Wenn sie für ihre Rechte kämpfen, werden sie umso mehr misshandelt

Die Angehörigen der Dalits in Indien gelten immer noch als "unberührbar". Sie werden diskriminiert, belästigt und immer wieder sogar getötet. Ein Fotograf hat Überlebende und Angehörige getroffen und ihnen zugehört.
Von Tim van Olphen, Sudharak Olwe (Fotos)
Meghabais: Ihr Ehemann wurde mit Eisenrohren zu Tode geprügelt

Meghabais: Ihr Ehemann wurde mit Eisenrohren zu Tode geprügelt

Foto: Sudharak Olwe
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Ninjibhai und seine Frau Meghabais wurden von Mitgliedern ihrer Dorfgemeinschaft brutal angegriffen. Die Männer schleiften Meghabais aus ihrem Haus, bedrohten sie und belästigten sie sexuell. Ihr Mann wurde währenddessen mit Eisenrohren zu Tode geprügelt - weil er es gewagt hatte, als Vorsteher seiner Dorfgemeinschaft zu kandidieren. Der 17-jährige Nitin wurde zusammengeschlagen, gefoltert und an einem Baum erhängt. Sein Vater fand die verstümmelte Leiche. Nitin musste sterben, weil er mit einem Mädchen aus einer höheren Kaste gesprochen hatte.

Bant Singh wurde von einer Gruppe von Männern angegriffen, die mit Eisenstangen, Äxten und Stöcken auf ihn einschlugen. Drei seiner Gliedmaßen mussten amputiert werden. Singh wurde attackiert, weil er Gerechtigkeit für die Vergewaltigung seiner Tochter einforderte. Die Täter stammen aus demselben Dorf wie er.

So erzählen es die Überlebenden und Hinterbliebenen dem Fotografen Sudharak Olwe. Und die Liste mit den Geschichten und Namen der Opfer ist noch weitaus länger.

Die Gewalt nimmt zu - auch weil sich die Dalits mittlerweile wehren

Ninjibhai, Meghabais, Nitin und Bant Singh wurden angegriffen, weil sie Dalits sind - Menschen, die im hinduistischen Kastensystem Indiens am untersten gesellschaftlichen Ende stehen.

Seit jeher übten die Dalits Berufe aus, die niemand aus den oberen Kasten übernehmen will. Sie häuteten Tierkadaver, gerbten Leder und stellten Schuhe her. Sie reinigten die Kloaken und beseitigten menschliche Abfälle oder kümmerten sich um die Beisetzung der Verstorbenen. Viele Dalits wurden zudem als Bedienstete von Angehörigen der oberen Kasten angestellt. All diese Berufe und Arbeiten definieren auch heute noch ihren sozialen Status in der indischen Gesellschaft.

Bant Singh sitzt seit dem Angriff im Rollstuhl

Bant Singh sitzt seit dem Angriff im Rollstuhl

Foto: Sudharak Olwe

Mehr als 240 Millionen Menschen und damit rund ein Fünftel der 1,3 Milliarden Inder gehören der Kaste der Dalits an. Die Mehrheit von ihnen lebt in Armut, sozialer Diskriminierung und wirtschaftlicher Ausbeutung. Obwohl die Rechte der Dalits durch die Verfassung von 1950 enorm gestärkt wurden - Diskriminierung wurde verboten und das Kastensystem offiziell abgeschafft - gehören Diffamierungen, Gewalt und das Ausleben der Kastenzugehörigkeit immer noch zu ihrem Alltag.

Abwertend werden Dalits als die "Unberührbaren" bezeichnet, von denen sich die Angehörigen der oberen Kasten fernhalten, um nicht selbst unrein zu werden. In einer Studie  von 2014 gab mehr als ein Viertel der Inder an, dass sie die Diffamierung der "Unberührbarkeit" in irgendeiner Form praktizieren. Die Umfrage wurde landesweit in 42.000 Haushalten durchgeführt. In den vergangenen Jahren ist die Gewalt gegen die Dalits eskaliert. Zwischen 2011 und 2016 zählte das National Crime Records Bureau (NCRB) rund 193.000 Verbrechen  gegen sie. Ein sechs- bis achtfacher Anstieg im Vergleich zu den Jahren davor. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher.

Eine Erklärung für die vermehrte Gewalt: Viele Dalits stehen inzwischen für ihre Rechte ein, verlangen eine gleiche und gerechte Behandlung. Auch wurde eine Quote eingeführt, die den Dalits ungehinderten Zugang zu Bildung und Universitäten ermöglicht. Jedoch führte die Quote landesweit zunächst vermehrt zu Hass, Neid und weiterer Gewalt von anderen Indern, die sich nun wiederum benachteiligt fühlten.

Der Fotograf Sudharak Olwe würdigt mit den Bildern  die Opfer und Hinterbliebenen der Gewalt und Diffamierung. Die Dalits haben mit der Einführung der Quote oder der Wahl einer der ihren zum Staatspräsidenten Indiens einige Meilensteine erreicht. Doch gerade in ländlichen Gegenden werde die diskriminierende Form der "Unberührbarkeit" noch häufig praktiziert und münde oft in brutaler Gewalt, schreibt Olwe.

Zwar scheint es einige positive Wandlungen zu geben und dass sich die Dalits langsam ihrer Rechte bewusst würden. Doch sei der Hass struktureller Natur und tief in der Gesellschaft und den Menschen verwurzelt.

Laut Olwe komme nun durch die Corona-Pandemie eine weitere Herausforderung auf die Dalits zu: Die Krise könne die Menschen noch verwundbarer machen und ihren sozialen und ökonomischen Status in der indischen Gesellschaft weiter negativ beeinflussen.

Sehen Sie in der Fotostrecke die Geschichten von Angehörigen der Dalits:

Fotostrecke

Gräueltaten gegen Dalits: Opfer und Überlebende berichten, was ihnen widerfahren ist

Foto: Sudharak Olwe

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.