Der Fall George Floyd Ein Land in Aufruhr

Rund eine Woche ist es her, dass der Afroamerikaner George Floyd in Minnesota bei einem brutalen Polizeieinsatz ums Leben kam. Das Land kommt seither nicht mehr zur Ruhe - der Fall zeigt tiefe Risse in der Gesellschaft.
Gedenken an George Floyd: Ein etwa zehnminütiges Handyvideo hat den brutalen Polizeieinsatz festgehalten

Gedenken an George Floyd: Ein etwa zehnminütiges Handyvideo hat den brutalen Polizeieinsatz festgehalten

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Am 25. Mai um 21.25 Uhr wird der Afroamerikaner George Floyd in einem Krankenhaus in der US-Stadt Minneapolis für tot erklärt. Zu diesem Zeitpunkt verbreiten sich Aufnahmen, die die letzten wachen Momente seines Lebens zeigen, bereits wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien. Etwa zehn Minuten dauert das Handyvideo - der Inhalt ist kaum zu ertragen und wird in den USA eine Welle von Entsetzen und Zorn auslösen.

In dem Video ist der 46 Jahre alte Floyd zu sehen, er liegt wehrlos neben einem Streifenwagen auf den Pflastersteinen. Ein Polizist drückt ihm das Knie auf den Hals. "Bitte, ich kann nicht atmen", sagt Floyd und fleht um sein Leben. Etwa acht Minuten lang bleibt der Polizist in seiner Position, Floyd verliert in dieser Zeit das Bewusstsein und wenig später auf dem Weg ins Krankenhaus sein Leben.

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Zorn auf den Straßen

Foto: Jake May/ AP

Auslöser für den brutalen Einsatz war dem Polizeibericht zufolge der Verdacht, dass Floyd mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein habe bezahlen wollen. Anschließend habe er sich den Beamten zufolge seiner Festnahme widersetzt. Die unverhältnismäßige Härte, mit der der Beamte vorgegangen ist und die schließlich zum Tod des Verdächtigen führte, hat die Debatte über Rassismus und Polizeigewalt in den USA neu entfacht.

Eine Anklage wegen "Mord dritten Grades" und landesweite Proteste

Schon wenige Stunden nach dem Tod Floyds kam es zu ersten Protesten in Minneapolis. Am Dienstag gab Bürgermeister Jacob Frey bekannt, dass die vier in den Fall involvierten Polizisten vom Dienst suspendiert würden. Die Demonstranten gaben sich damit nicht zufrieden, sie fordern harte Strafen. Mittlerweile ist ein Polizist wegen "Mord dritten Grades" angeklagt - was nicht mit dem deutschen Mordtatbestand gleichzusetzen ist, sondern einen schwächeren Vorwurf darstellt. Die Proteste haben indes das gesamte Land erfasst. Dabei kommt es zunehmend zu Gewaltausbrüchen.

Bereits in der Nacht zum Samstag hatten Demonstranten am Weißen Haus protestiert. In anderen Städten kam es zu Plünderungen, Polizeiautos wurden in Brand gesteckt. Die Polizei ging mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Demonstranten vor. Immer wieder berichten zudem Journalisten, dass sie Opfer von Angriffen geworden seien. Sie geraten zunehmend zwischen die Fronten zwischen Polizei und Demonstranten. In der Nacht zum Sonntag verhängten zahlreiche Städte dann Ausgangssperren. In Los Angeles, Washington und Minneapolis wurde die Nationalgarde aktiviert.

Am Sonntag ist es Berichten zufolge am Rande einer Demonstration in Indianapolis zu Schüssen gekommen. Ein Mensch sei dabei ums Leben gekommen. Näheres zu den Hintergründen ist bisher nicht bekannt. Die Polizei teilte mit, dass sie nichts mit den Schüssen zu tun gehabt hätte.

US-Präsident Donald Trump fordert von den Städten derweil, "tougher" gegen die Protestierenden vorzugehen. Einer seiner Posts zu den Ausschreitungen wurde in dieser Woche von Twitter zudem als "gewaltverherrlichend" markiert. Trump indes hat seinerseits einen Schuldigen für die eskalierenden Proteste ausgemacht.

Tief sitzender Rassismus

"Die Gewalt und der Vandalismus werden von der Antifa und anderen gewaltsamen Gruppen des linken Flügels angeführt", sagte Trump am Samstagabend. Dabei sät Trump selbst immer wieder Hass, hetzt gegen Minderheiten im Land und sorgt damit dafür, dass ein tiefer Riss durch die Nation geht.

Diese Kluft macht der Fall Floyd nun noch deutlicher. Er offenbart erneut den tief sitzenden Rassismus im Land. Jacob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis, sagte dazu bereits am Dienstag: "Schwarz zu sein, darf in Amerika keine Todesstrafe sein."

Genau dafür gehen Zehntausende überwiegend friedliche Demonstranten seit Tagen auf die Straße. Unterstützt werden sie dabei von Prominenten, Künstlern und auch große Firmen. So haben sich beispielsweise die großen Streamingdienste Netflix, Amazon und Hulu geschlossen hinter die Proteste gestellt.

Gefährdet wird das Anliegen der Protestbewegung von jenen, die sich zunehmend der Gewalt hingeben. Viele Bürger, die die Forderungen der Protestierenden teilen, lehnen diese Gewalt ab. Weitere Ausschreitungen könnten die Stimmung kippen und das Rassismusproblem wieder einmal in den Hintergrund rücken lassen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Texts stand, der Polizist sei des Mordes angeklagt worden. Tatsächlich handelt es sich bei dem Straftatbestand "Third Degree Murder" in Minnesota um einen schwächeren Vorwurf, der keinen Tötungsvorsatz oder niedere Beweggründe voraussetzt. Wir haben die Passage geändert.

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