Ausgebeutete Näherinnen »Fast Fashion ist nur möglich, wenn Frauen in Kambodscha weiter so arbeiten wie bisher«

In Kambodscha wird die Kleidung großer Modemarken produziert, zu oft katastrophalen Bedingungen. Britische Forscherinnen haben Näherinnen während der Pandemie begleitet und dokumentiert, wie sich deren Arbeit verändert hat.
Ein Interview von Maria Stöhr, Bangkok
Eine Gruppe Näherinnen wird in die Fabriken außerhalb Phnom Penhs gebracht, wo Kleidung internationaler Marken produziert wird

Eine Gruppe Näherinnen wird in die Fabriken außerhalb Phnom Penhs gebracht, wo Kleidung internationaler Marken produziert wird

Foto: Thomas Cristofoletti
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

SPIEGEL: Frau Lawreniuk, Sie haben von Beginn der Pandemie an Näherinnen in Kambodscha begleitet, die für große internationale Modemarken produzieren. Wie hat sich die Arbeit dieser Frauen verändert?

Sabina Lawreniuk: Die Lage in den Fabriken war vor der Pandemie bereits schwierig: die Gehälter unterhalb des Existenzminimums, viele Verträge befristet oder kurzfristig, die Produktionsziele pro Näherin zu hoch. Diese Probleme haben sich in den vergangenen zwei Jahren verstärkt: Es gibt nun noch mehr Ausbeutung, Hunger, Armut. (Lesen Sie hier den Bericht  in englischer Sprache.)

Zur Person
Foto: ReFashion

Sabina Lawreniuk forscht als Humangeografin an der University of Nottingham zu Gesundheit, Geschlecht und Arbeitsrecht in der Bekleidungsindustrie, unter anderem in Kambodscha. Die aktuelle Studie »ReFasion – Building forward worse« können Sie hier  auf Englisch lesen.

SPIEGEL: Sie beschreiben in Ihrem Report einen »Wettlauf nach unten«.

Lawreniuk: Als die Pandemie begann, haben große Händler und Marken ihre Bestellungen in den kambodschanischen Fabriken abgesagt. In Europa waren die Läden geschlossen, Produktionsketten kamen global zum Erliegen. Für die Näherinnen in Kambodscha bedeutete das: keine Arbeit mehr, kein Einkommen. Weil die Frauen bereits zuvor schon so wenig verdient hatten, konnten sie nicht auf Ersparnisse zurückgreifen. Sie nahmen Schulden auf, mussten im Schnitt je etwa 5000 US-Dollar zurückzahlen. Die Wirtschaft in Kambodscha brach ein, es gab auch nirgendwo anders Arbeit für die Frauen.

SPIEGEL: Wie ging es weiter?

Lawreniuk: Viele Näherinnen wurden in dieser Notlage unter Druck gesetzt, noch schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren; fanden sich in »Hidden Factories« wieder, die inoffiziell weiterproduziert haben und wo die Kosten noch mehr gedrückt werden. Das sind kleine Zulieferbetriebe, die im Gegenteil zu den großen Fabriken nicht mal ein Mindestmaß an arbeitsrechtlichen Standards einhalten. Dort gibt es keine schriftlichen Verträge, definitiv keinen Mindestlohn, keine Schutzmaßnahmen, keine Gewerkschaft. Es wurden mal hier, mal da zehn Dollar ausgezahlt. Manche Frauen haben uns erzählt, dass sie doppelt so viel nähen müssten wie zuvor. Die Betriebe nutzten die bedürftige Lage der Frauen aus.

Tests am Eingang der Fabriken: Fast Fashion ist nur möglich, wenn Frauen etwa in Kambodscha weiter so arbeiten wie bisher

Tests am Eingang der Fabriken: Fast Fashion ist nur möglich, wenn Frauen etwa in Kambodscha weiter so arbeiten wie bisher

Foto: Thomas Cristofoletti

SPIEGEL: Sie haben 200 Näherinnen vom ersten Coronajahr an begleitet, regelmäßig befragt. Wie sind Sie in Ihrer Arbeit vorgegangen?

Lawreniuk: Wir haben mit den Frauen Ende 2020 Kontakt aufgenommen. Viele zeigten sich während der ganzen Forschungszeit sehr motiviert, mit uns ihre Überlebensstrategien und ihren Schmerz zu teilen. Sie sagten: »Wir haben sonst keinen Ort, an dem wir unsere Sorgen äußern können.« Oder: »Wir behalten alle Sorgen in uns.« In der gesamten Krise waren die Frauen auf sich allein gestellt. Sie wurden von den Behörden nur schlecht informiert, etwa, was die Sicherheit von Impfungen angeht oder wie sie an staatliche Hilfen gelangen könnten. Wir haben viele mit psychischen Problemen, Ängsten, Depressionen und suizidalen Gedanken vorgefunden.

SPIEGEL: Was haben die Frauen erzählt?

Lawreniuk: Die Krise erwischte sie in Wellen. Am Anfang war es vor allem eine finanzielle Not, Ende 2020 waren die Infektionszahlen in Kambodscha – im Gegensatz zu Europa – noch niedrig. Erst im Frühjahr 2021, als wir wieder mit den Näherinnen gesprochen haben, gab es dann auch in Kambodscha erste große Infektionswellen. Und die Arbeiterinnen waren erneut besonders verwundbar: Denn sie leben mit ihren Familien in sehr kleinen Kompartiments unweit der Fabriken. Sie arbeiten auf engstem Raum in den Produktionsstätten. Ende April 2021 gab es Coronaausbrüche in 200 von 600 Fabriken.

Dann wurden in Phnom Penh Ausgangssperren verhängt, die Wohnungen der Näherinnen lagen oft in der sogenannten Roten Zone, was bedeutete: Sie durften ihre Häuser nicht verlassen – nicht zum Einkaufen, nicht zum Geldverdienen. Ziemlich schnell aber zeigte sich, dass die Regierung in Kambodscha erpicht darauf war, dass die Kleiderproduktion möglichst schnell wieder anläuft; denn ein Großteil der Wirtschaft des Landes hängt davon ab. Also wurden Näherinnen, ohne großen Schutz, zurück in die Fabriken gekarrt. Die Infektionszahlen waren zu dem Zeitpunkt weiter hoch.

»Die Näherinnen steckten in einem Dilemma: Gehe ich in die Fabrik zum Geldverdienen und setze mich dem Risiko einer Infektion aus? Oder bleibe ich zu Hause und hungere?«

Sabina Lawreniuk über Ihre Forschung in Kambodscha

SPIEGEL: Wie gingen die Frauen damit um?

Lawreniuk: Die Näherinnen steckten in einem Dilemma: Gehe ich in die Fabrik zum Geldverdienen und setze mich dem Risiko einer Infektion aus? Oder bleibe ich zu Hause und hungere? Es gab außerdem eine Art Test-Regime vor Eintritt in die Fabriken. Wer positiv war, wurde in eine staatliche Quarantäne gebracht und dort zwei Wochen festgehalten, was wiederum den finanziellen Druck auf die Familien erhöhte. Weil dann kein Geld verdient wurde. Es musste an Essen gespart werden, an Bildung für die Kinder und so weiter.

SPIEGEL: Sie sagen, die Krisen der Näherinnen wirkten sich aufs ganze Land aus. Was meinen Sie damit?

Lawreniuk: Die Näherinnen sind so etwas wie der Motor der kambodschanischen Nation. So viele Menschen hängen von ihrem Einkommen ab: die Kleinfamilie, die weitere Verwandtschaft. In Kambodscha gibt es kaum soziale Absicherungen. Die Frauen sind mit ihrer Arbeit eine lebende Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung für Verwandte. Die meisten Näherinnen schicken regelmäßig Geld nach Hause, zu ihren Eltern, Tanten, Onkeln. Diese Überweisungen gingen in der Pandemie um 30 Prozent zurück, stürzten weitere Menschen in Armut.

SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Report, die Not der Näherinnen wurde zu Beginn der Pandemie als »Weckruf« gesehen, es gab Versprechen der großen Bekleidungskonzerne, künftig für bessere Bedingungen zu sorgen. Was wurde daraus?

Lawreniuk: Blablabla und heiße Luft. Wir sehen einen großen Rückschlag. Zwar wird viel von Recovery gesprochen, aber es geht da um das Aufholen von Profit und nicht um das Aufholen überfälliger Arbeitnehmerrechte. Die Jobs sind noch schlechter bezahlt, weniger sicher, mehr unter Druck. In Kambodscha, mit 16 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, beschäftigt der Bekleidungssektor fast eine Million Menschen, 80 Prozent davon sind Frauen. Die Regierung fürchtet, dass, wenn sie existenzsichernde Gehälter durchsetzt, die Fabriken abwandern in ein Land, in dem die Arbeitskraft noch billiger ist. Sie ist in der Pandemie gegen Arbeiterproteste harsch vorgegangen, Demonstrierende wurden weggekarrt oder eingesperrt und unter Druck gesetzt, nicht in eine Gewerkschaft einzutreten.

Eine der vielen Fabrikhallen in Kambodscha: Mehr als eine Million Menschen arbeiten dort, vor allem Frauen

Eine der vielen Fabrikhallen in Kambodscha: Mehr als eine Million Menschen arbeiten dort, vor allem Frauen

Foto: Thomas Cristofoletti

SPIEGEL: Was muss sich ändern?

Lawreniuk: Wir brauchen ein System, das Unternehmen verantwortlich macht dafür, unter welchen Bedingungen für sie gearbeitet und hergestellt wird. Das heißt erstens: Lieferkettengesetze – die Firmen dazu verpflichten, nachhaltiger zu produzieren. Seit Jahrzehnten versprechen Unternehmen, mehr soziale Verantwortung in den Produktionsländern übernehmen zu wollen. Die Marken müssen dem endlich nachhaltig gerecht werden. Auch der kambodschanische Staat muss kooperieren, damit faire Standards eingehalten werden.

Aber am Ende müssen wir Kundinnen und Kunden auch erkennen, dass diese Art der Fast-Fashion-Industrie mit fairen Standards niemals zusammengehen kann. Wie Mode heute oft produziert und konsumiert wird, kann nicht nachhaltig und gerecht sein. Fast Fashion ist nur möglich, wenn Frauen etwa in Kambodscha weiter so arbeiten wie bisher.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.