Attentat auf iranischen Atomwissenschaftler Der Professor und die Bombe

Mohsen Fakhrizadeh, iranischer Forscher und General, starb auf einer Fernstraße vor den Toren Teherans. Wer steckt hinter dem Anschlag – und welche Folgen hat seine Ermordung für den Nahen Osten?
Eine Analyse von Dominik Peters
Tatort Fernstraße: Hier soll Mohsen Fakhrizadeh überfallen worden sein

Tatort Fernstraße: Hier soll Mohsen Fakhrizadeh überfallen worden sein

Foto: AFP

Mohsen Fakhrizadeh ahnte vermutlich, dass er kein Rentner wird. Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad hatte den kräftigen Mann mit dem grauen Vollbart seit Jahren im Visier – und Benjamin Netanyahu bereits 2018 in einer weltweit beachteten Pressekonferenz gesagt: »Merken Sie sich diesen Namen.«

Die Welt hatte Mohsen Fakhrizadeh längst vergessen, den Professor von der Imam-Hossein-Universität in Teheran. Nun aber ist der Iraner, von dem nur wenige Fotos existieren, wieder in den Nachrichten. Der Grund: Mohsen Fakhrizadeh wurde am Freitag Opfer eines Anschlags.

Auf einer Landstraße vor den Toren Teherans wurde der 59-Jährige ermordet. Wie – und vor allem – von wem, das ist noch unklar. Iran macht Israel und die USA für seinen »Märtyrertod« verantwortlich.

»Erneut sorgten der Imperialismus und sein zionistischer Söldner für ein Blutvergießen und den Tod eines iranischen Wissenschaftlers«, sagte Präsident Hassan Rohani der Nachrichtenagentur dpa zufolge am Samstag im Staatsfernsehen.

Schattenkrieg mit Cyberwaffen und gezielten Tötungen

Die Armeen und Geheimdienste von Iran und Israel führen seit Langem einen Schattenkrieg. Iran setzt dabei unter anderem auf schiitische Guerillas, wie die libanesische Hisbollah-Miliz. Die heimliche Atommacht Israel will verhindern, dass auch das Regime in Teheran Nuklearwaffen besitzt. Das Schlachtfeld: der gesamte Nahe Osten – und seit dem Einsatz der Cyberwaffe »Stuxnet« vor einem Jahrzehnt auch das Internet.

In den vergangenen Jahren wurden zudem immer wieder iranische Atomwissenschaftler Opfer gezielter Tötungen:

  • 2010 wurde der Physiker Massud Ali-Mohammadi durch eine ferngezündete Bombe getötet.

  • Der Atomwissenschaftler Madschid Schahrijari starb im selben Jahr; er wurde Opfer einer Autobombe.

  • 2011 wurde dann Dariusch Resai in Teheran erschossen, auch er war Physiker.

  • Und 2012 starb schließlich Mostafa Ahmadi-Roschan. Dem damaligen stellvertretenden Leiter der Handelsabteilung der Urananreicherungsanlage in Natans wurde wohl eine Autobombe zum Verhängnis.

Niemand war aber so wichtig wie Mohsen Fakhrizadeh, den es nun erwischt hat. Der Kernphysiker war nicht einfach nur ein Professor. Wohl auch deshalb wurde er am Freitag von Bodyguards begleitet, die bei dem Anschlag ebenfalls getötet worden sein sollen.

Er war auch General der Revolutionswächter, der Prätorianergarde der herrschenden Ajatollahs in Teheran, und Leiter der Abteilung für Forschung und technologische Erneuerung im iranischen Verteidigungsministerium.

»Mohsen Fakhrizadeh war vor allem für das iranische Raketenprogramm verantwortlich, manche behaupten gar, er sei der Vater dieses Programms gewesen«, sagt Walter Posch, Iran-Experte am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie in Wien.

»Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Geheimdienste wichtiger westlicher Staaten den Iranern nicht vertrauen und jede Möglichkeit nutzen, einer nuklearen Bewaffnung des Landes vorbeugend entgegenzutreten«, so Posch weiter.

Mossad-Raubzug in Teheran und »Operation House of Cards«

Deshalb hatte der Mossad wohl auch Mohsen Fakhrizadeh im Visier – und jagte nach Beweisen für sein Treiben. Am Abend des 31. Januar 2018 wurden die israelischen Agenten offenbar fündig, in der Hauptstadt ihres Erzfeindes, in Teheran.

Sie drangen in eine unscheinbare Lagerhalle in einem Gewerbegebiet ein. Mit Brennschneidegeräten öffnen sie etliche Tresore, erbeuten eigenen Angaben zufolge Geheimdokumente über das iranische Atomprogramm, Zehntausende Aktenseiten und weit mehr als hundert CD-Datenträger.

Benjamin Netanyahu selbst war es, der die Mossad-Aktion im Mai 2018 in einer live im Fernsehen übertragenen Präsentation enthüllte. Der israelische Premierminister warnt seit Jahren vor der Gefahr eines nuklear bewaffneten Irans. Er gab dem Raubgut einen Namen: »Atom-Archiv«. Und präsentierte der Welt Mohsen Fakhrizadeh als den Mann, dessen Namen man sich merken solle.

Benjamin Netanyahu bei der Präsentation des »Atom-Archivs«

Benjamin Netanyahu bei der Präsentation des »Atom-Archivs«

Foto: AMIR COHEN / REUTERS

US-Präsident Donald Trump kündigte nur sechs Tage nach Netanyahus Präsentation trotz zahlreicher Warnungen aus Europa und Russland das international mühsam ausgehandelte Atomabkommen mit Iran auf und verhängte harte Sanktionen gegen das Regime.

  • Einen Tag nachdem Trump den Atomdeal mit Iran aufkündigt hatte, schossen mutmaßlich iranische Revolutionswächter 20 Raketen von Syrien aus nach Israel.

  • Die Antwort kaum 24 Stunden später: Operation »House of Cards«. Israelische Kampfjets attackierten Dutzende Stellungen der Iraner in Syrien. Es war offiziell Israels größter Kampfeinsatz in der Luft seit 1973, seit dem Jom-Kippur-Krieg.

»Seine gezielte Tötung hat vor allem einen symbolischen, psychologischen und politischen Effekt«

Adnan Tabatabai, Iran-Experte

Der Schattenkrieg ist seither unerbittlich von beiden Konfliktparteien weitergeführt worden. Eskaliert haben ihn die USA Anfang 2020 mit der gezielten Tötung des iranischen Topgenerals Qasem Soleimani in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Nun, gegen Ende des Jahres, wurde mit Mohsen Fakhrizadeh ein weiterer hochrangiger Vertreter des Regimes liquidiert.

Ali Alfoneh, Senior Fellow am Arab Gulf States Institute in Washington, warnt aber davor, die militärischen Folgen der gezielten Tötungen überzubewerten. »Beide Herren, Soleimani und Fakhrizadeh, haben große und komplexe bürokratische Organisationen geleitet, die auch nach dem Verlust ihrer Chefs weiter funktionieren«, sagt Alfoneh.

»Die gezielte Tötung von Fakhrizadeh hat vor allem einen symbolischen, psychologischen und politischen Effekt«, sagt auch Adnan Tabatabai, Geschäftsführer des Mittelost-Thinktanks CARPO. »Der Militärapparat weiß, dass solche Operationen Iran dazu drängen sollen, mit einer Vergeltung eine größere Eskalation herbeizuführen«, so der Iran-Experte weiter.

Deshalb sei es wahrscheinlich, dass die Revolutionswächter den Mord an einem ihrer Mitglieder nicht ad hoc rächen werden, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. »Das Ziel solcher Aktionen können dann US-Truppen in der Region sein, saudi-arabische Infrastruktur oder aber israelisches Territorium«, sagt Tabatabai. »Iran wird aber stets darauf achten, sich nicht in eine Kampfhandlung ziehen zu lassen, die man nicht gewinnen kann.«

Wohl auch deshalb, weil die Entscheider in Teheran wissen, dass bereits in wenigen Wochen die Karten neu gemischt werden im internationalen Poker um das iranische Atomprogramm.

Im Januar 2021 wird Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Geschichte sein. Sein demokratischer Nachfolger Joe Biden will zurück an den Verhandlungstisch.

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