Alltag in Moldau Gefangen im Honig der Zeit

Moldau strebt nach Europa und klebt doch an Russland. Seit 30 Jahren sitzt das kleine Land zwischen allen Stühlen. Wer die Bilder der Fotografin Andrea Diefenbach sieht, ahnt: So schnell wird sich das nicht ändern.
Von Jan Petter und Andrea Diefenbach (Fotos)
Kurz vor dem letzten Schultag am 1. Juni schmücken Lehrerinnen den Raum für eine Abschiedszeremonie der neunten Klasse; die Luftballone tragen die Farben Moldaus, die in diesen Tagen auch an die benachbarte Ukraine erinnern

Kurz vor dem letzten Schultag am 1. Juni schmücken Lehrerinnen den Raum für eine Abschiedszeremonie der neunten Klasse; die Luftballone tragen die Farben Moldaus, die in diesen Tagen auch an die benachbarte Ukraine erinnern

Foto:

Andrea Diefenbach

Globale Gesellschaft

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Würde man in Ulm oder Passau mit dem Boot in die Donau steigen und einfach immer weiterfahren – möglich, dass man irgendwann in Giurgiulești vorbeikäme. Wer dann im südlichsten Ort der Republik Moldau, früher Moldawien, an Land gehen wollte, sollte sich jedoch beeilen: Nur weniger als 600 Meter fließt Europas zweitlängster Fluss an dem Land vorbei. Kurz danach verrinnt er im Donaudelta, verliert sich über das Schwarze Meer in die restliche Welt.

Wie an einem dünnen Faden hängt das kleine Land an diesem großen Strom, und ähnlich wie der Flusslauf verlieren sich auch die Menschen hier immer wieder neu. Mindestens eine Million Moldauerinnen und Moldauer sollen in den vergangenen Jahrzehnten ausgewandert sein, im Land selbst leben nur noch 2,5 Millionen Menschen. Dort kennt man den Staat als »ärmstes Land Europas« oder, gerade jetzt, als potenzielles Aufmarschgebiet der russischen Armee. Seit 30 Jahren ringt Moldau um die abtrünnige Provinz Transnistrien, in der bis heute russische Soldaten stationiert sind.

Trotz solcher Konflikte hoffen viele Menschen auf eine bessere Zukunft. In dieser Woche wurde Moldau im Eilverfahren zusammen mit der Ukraine zum EU-Beitrittskandidaten.

Krieg und Frieden, Vergangenheit und Zukunft, Hoffnung und Verzweiflung – alles scheint hier miteinander verklebt zu sein, fast so, als hielte die Geschichte das ganze Land in einem Glas Honig gefangen. Als die Fotografin Andrea Diefenbach vor 15 Jahren erstmals Moldau besuchte, ahnte sie selbst noch nicht, wie oft sie noch hierhin zurückkehren sollte.

Sie kam zunächst, um eine kurze Reportage über Frauenhandel zu fotografieren. Und kehrte schließlich mehrfach zurück, um das Land hinter solchen Klischees zu verstehen. Für ihr Buch über zurückgelassene Kinder erhielt Diefenbach seitdem zahlreiche Preise, längst gehört sie zu den bekanntesten Fotografinnen Deutschlands. Bis heute werden ihre Bilder aus Moldau in internationalen Ausstellungen gezeigt.

Nun zeigt ein neues Buch, was seitdem passiert ist. Acht Jahre lang hat die Fotografin dafür Moldau erneut bereist, jedes Jahr mindestens einmal. »In manchen Augenblicken erschien es mir, als zerbrösele das Land einfach«, sagt Andrea Diefenbach in einem langen Gespräch über ihre Eindrücke.

»An vielen Orten zeigt sich, dass die abgewanderten jungen Menschen von einst nie zurückgekehrt sind. Auf der anderen Seite entsteht heute viel Neues. Bis vor wenigen Monaten hatte ich das Gefühl, dass hier neue Hoffnung keimt. Ich war mir sicher, dass das Land seinen Weg gefunden hat«.

Viele Beobachtungen entstanden wie hier am Straßenrand, für ihr Projekt bereiste die Fotografin Andrea Diefenbach jahrelang das Land

Viele Beobachtungen entstanden wie hier am Straßenrand, für ihr Projekt bereiste die Fotografin Andrea Diefenbach jahrelang das Land

Foto: Andrea Diefenbach

Inzwischen ist Moldau erneut zu einem Spielball geworden. Direkt im Nachbarland Ukraine tobt ein blutiger Krieg, und der Angreifer Russland gibt sich erst gar keine Mühe, zu verschleiern, dass er die kleine Republik Moldau im Zweifel jederzeit absorbieren und einfach von der Karte verschwinden lassen könnte. In dieser Not sucht das Land unter der jungen Präsidentin Maia Sandu einen Weg nach Europa. Als erste Frau führt sie den Staat. Beobachter beschreiben die Harvard-Absolventin als souverän, angstfrei und auf der Höhe der Zeit. Auch deshalb setzte sie sich wohl gegen ihren Vorgänger durch und ist im Westen ein gern gesehener Gast. Auch ihretwegen wurde das Land jetzt über Nacht EU-Beitrittskandidat.

In den Dörfern des Landes ist von so viel Weltpolitik freilich bis heute wenig zu spüren. Manchmal sei der frische Asphalt das einzige Zeichen, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten hier überhaupt etwas geändert habe, sagt Andrea Diefenbach. Ganz bewusst hat sie für ihre Fotos nur die Provinz abseits der Hauptstadt besucht. »Realitatea«, die Realität, heißt das Buch mit den Beobachtungen, die sie dabei gemacht hat. Angelehnt an die aufklärerische Rubrik einer moldauischen Tageszeitung erinnert das Wort an die Vergeblichkeit vieler Zuschreibungen für dieses Land.

Auch in den neuen Bildern zeigen sich alte Sowjetsymbole, kaputte Autos und vergilbte Tapeten – aber auch Frauen, die vielerorts Verantwortung übernehmen oder gemeinsam arbeiten. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die damalige Teilrepublik bekannt für ihren Wein, fast nirgendwo wurden so viele junge Ärzte ausgebildet. Wer genau sucht, findet heute noch Spuren davon. Auf der Suche nach ihnen zeigt Andrea Diefenbach ein Land, das viel mehr ist als Kriegs- und Krisengebiet.

Sehen Sie hier, wie die Menschen in Moldau, dem jüngsten EU-Beitrittskandidaten, um ihre Geschichte und Zukunft ringen:

Fotostrecke

Rückkehr ins »Land ohne Eltern«

Foto:

Andrea Diefenbach

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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