Mord an Menschenrechtlerin Die "Mutter" Libyens ist tot

Die Anwältin Hanan al-Barassi kämpfte für Demokratie und Menschenrechte in Libyen. Der Mord an ihr gefährdet die Friedensverhandlungen in dem Bürgerkriegsland.
Von Mirco Keilberth und Maximilian Popp
Pro-Haftar-Demonstration in Tripolis: ein zweigeteiltes Land

Pro-Haftar-Demonstration in Tripolis: ein zweigeteiltes Land

Foto: ISMAIL ZITOUNY/ REUTERS

Sie nannte sich "Mutter Libyens". Und viele ihrer Anhänger sahen genau das in ihr. Hanan al-Barassi, 46 Jahre alt, Rechtsanwältin aus Bengasi, im Osten Libyens, setzte sich wie kaum eine andere Aktivistin für Menschenrechte in ihrer Heimat ein. Sie schreckte auch nicht davor zurück, sich mit den Mächtigen im Staat anzulegen, mit den Offizieren der Libyschen Nationalen Armee, mit dem Herrscher über Bengasi und den Osten des Landes, Warlord Khalifa Haftar, und dessen Gefolgsleuten. Für ihre Furchtlosigkeit bezahlte al-Barassi am Ende wohl mit ihrem Leben.

Hanan al-Barrasi war am vergangenen Dienstag in Bengasi einkaufen mit ihrer Tochter. Sie parkte gerade ihren Wagen vor einem Supermarkt, als drei Geländewagen mit teilweise verdunkelten Scheiben vor ihr hielten. Vermummte Männer schritten an die Fahrertür und eröffneten wortlos das Feuer. So schildern es Augenzeugen gegenüber dem SPIEGEL. Al-Barrasi war sofort tot. Die Männer hätten den Tatort seelenruhig verlassen, sagt ein Ladenbesitzer, der das Verbrechen beobachtete, am Telefon. Passanten seien in Schockstarre verharrt, niemand habe ein Wort gesagt.

"Nur durch den Tod bin ich zum Schweigen zu bringen" 

Der Mord an der Anwältin hat in Libyen Bestürzung und Wut ausgelöst. "Al-Barassi hat nichts anders getan, als ihre Meinung frei zu äußern", sagt Wael Alushaibi, der als Berater für das libysche Parlament arbeitet. "Ich bin schockiert." Al-Barassis Tod illustriere die Gefahren, denen Frauen in Libyen ausgesetzt sind, wenn sie es wagen, frei zu sprechen, erklärt die Uno-Mission in Libyen (UNSMIL). 

Beobachter gehen von einem politischen Mord aus und fordern die libyschen Behörden auf, den Fall zu untersuchen. "Dieses dreiste Töten zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, eine Regierung zu etablieren, die sich den Menschen in Libyen gegenüber verantwortlich fühlt, anstatt Korruption und brutale Gewalt zu dulden", heißt es in einem Statement der US-Botschaft in Libyen.

General Haftar: Terror und Gewalt dominieren

General Haftar: Terror und Gewalt dominieren

Foto: Philippe Wojazer / Reuters

Al-Barassi hatte in einem Facebook-Video nur einen Tag vor ihrem Tod ihre Kritik an Haftars LNA erneuert. Gleichzeitig betonte sie, sich unter keinen Umständen einschüchtern zu lassen. "Ich werde mich nicht beugen", sagte sie. "Wenn ich sterbe, dann ist das so. Nur durch den Tod bin ich zum Schweigen zu bringen." 

Libyen befand sich seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 beinahe durchgehend im Bürgerkrieg. Das Land ist faktisch zweigeteilt. Im Westen, in der Hauptstadt Tripolis, regiert Premier Fayez Sarraj, der auch von der Uno anerkannt wird. Den Osten um Bengasi kontrolliert General Haftar. Er wird unter anderem von Russland und Frankreich unterstützt. 

Haftar inszeniert sich als starker Mann, der das Land gegen Dschihadisten verteidigt. Der Mord an al-Barassi demonstriert jedoch, wie sehr in seinem Herrschaftsbereich Terror und Gewalt dominieren. Bereits vor eineinhalb Jahren wurde die Parlamentsabgeordnete Siham Sergiwa verschleppt, nachdem sie Haftars Offensive auf Tripolis kritisiert hatte. "Die Armee ist die rote Linie" hatten Unbekannte auf eine Wand ihres Hauses geschrieben. Von Sergiwa fehlt bis heute jede Spur.

Im Oktober einigten sich das Sarraj- und das Haftar-Lager auf einen Waffenstillstand. Gegenwärtig verhandeln Vertreter der libyschen Politik, des Militärs und der Zivilgesellschaft unter Leitung der UNSMIL in Tunis über die Zukunft des Landes. Es geht um Themen, die bereits auf der Berlin-Konferenz im Januar diskutiert wurden, damals auf Initiative Deutschlands: Neuwahlen, eine Verfassungsreform, eine gemeinsame Regierung.

"Europa muss gegen die Täter mit Sanktionen oder Strafverfolgung vorgehen, wenn sie jemals wieder ein stabiles Libyen sehen wollen"

Wael Alushaibi, Politikberater

Beobachter fürchten, dass der Mord an al-Barassi die Friedensgespräche in Tunis torpedieren könnte. "Ohne die Sicherheit für Menschen wie Hanan al-Barassi werden Neuwahlen und alle anderen Beschlüsse der Konferenz in Tunis keine Bedeutung haben", sagt Politikberater Alushaibi. "Gerade Europa muss gegen die Täter mit Sanktionen oder Strafverfolgung vorgehen, wenn sie jemals wieder ein stabiles Libyen sehen wollen."

Bislang haben die Schergen in Bengasi offenbar das Gefühl, straffrei agieren zu können. Am Donnerstag wurde das frisch ausgehobene Grab al-Barassis verwüstet.   

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