Moria nach der Brandkatastrophe Obdachlos in Europa

Am Donnerstag sind viele Flüchtlinge aus Moria auf der Straße aufgewacht. Ihre Zukunft? Ungewiss. Die Anwohner auf Lesbos sind wütend. Der Druck auf die Regierung wächst.
Von Lesbos berichtet Giorgos Christides
Schlafen unter freiem Himmel: Flüchtlinge nach dem Brand im Lager Moria

Schlafen unter freiem Himmel: Flüchtlinge nach dem Brand im Lager Moria

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Socrates Baltagiannis / dpa

Immer überfüllt, dreckig und durch die Corona-Pandemie unter einem Lockdown: Moria wurde oft als "Schande Europas" bezeichnet. Nun, nach der Brandkatastrophe in dem griechischen Flüchtlingslager, sind viele Menschen ganz ohne Obdach.

Karawanen ziehen umher, kranke, ältere Menschen, auch schwangere Frauen sind unter ihnen zu finden. Sie tragen nur wenige Sachen mit sich, versuchen, in Sicherheit zu gelangen, den Hafen von Lesbos zu erreichen - und werden dort von der Bereitschaftspolizei mit Tränengas zurückgedrängt. Kinder weinen.

Für die Tageszeitung "Efsyn" ist die Lage in und rund um Moria ein "Verbrechen". Die griechischen Behörden beschuldigen die Flüchtlinge, absichtlich Feuer gelegt zu haben - aus Protest gegen die Covid-19-Isolationsmaßnahmen, die einen Ausbruch mit 35 bestätigten Fällen eindämmen sollten.

Schlechte Krisenkommunikation, Misstrauen gegenüber erkrankten Flüchtlingen, von denen einige wohl asymptomatische Krankheitsverläufe haben, und die Angst vieler Männer, Frauen und Kinder, sich anzustecken, hatten bereits in den Tagen vor dem verheerenden Brand zu Unruhen in Moria geführt.

DER SPIEGEL

Auch an diesem Donnerstagmorgen irren noch Hunderte Menschen auf den Feldern rund um Moria umher. Sicher fühlt sich von den Flüchtlingen keiner mehr. Auch die Einheimischen sind verängstigt. Sie fordern die Evakuierung aller Flüchtlinge, wollen am Donnerstagabend protestieren. Es haben sich bereits Bürgerwehren gebildet. Rechte nutzen die Lage aus.

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Eine Evakuierung ist in den Augen der Regierung in Athen unmöglich. Auf dem Festland, sagt sie, gebe es keine Plätze für die Flüchtlinge. Zudem findet die Rückführung von Flüchtlingen in die Türkei praktisch nicht mehr statt. Die Europäische Union hilft zwar immer wieder mit Geld, mit Ad-hoc-Lösungen, eine gemeinsame Politik fehlt indes.

Um die größte Not zu lindern, will die griechische Regierung einige Flüchtlinge nun auf Marineschiffen unterbringen, andere in neuen Zeltstädten. Doch alle werden mit diesen Maßnahmen nicht versorgt werden können.

Die mittellosen Bewohner von Moria, die nun sogar ihre Baracken, die ihr Zuhause waren, und die wenigen Habseligkeiten, die sie noch besessen hatten, verloren haben, sind obdachlos. Sie leben auf der Straße, essen Brotfladen, von Fliegen umgeben.

In Griechenland ist die Empörung über solche Szenen groß, in den Medien ist von einem "Drittweltland" die Rede – und von der Schande für ein europäisches Land, das Menschen, die bereits gelitten haben, ein weiteres Mal leiden lässt.

Neben internationalen Hilfsorganisationen ist auch die Opposition empört. Alexis Tsipras hat Premierminister Kyriakos Mitsotakis aufgefordert, "persönlich für die Katastrophe in Moria Verantwortung zu übernehmen." Die Sozialdemokraten werfen der Regierung vor, die Kontrolle über Moria verloren und die schrecklichen Lebensbedingungen toleriert zu haben.

Wie es weitergeht für die Flüchtlinge aus Moria, wie sie dauerhaft leben werden, das weiß bislang wohl noch niemand. In der Nacht zu Donnerstag haben viele von ihnen auf der Straße geschlafen – und werden dort wohl auch am Freitagmorgen aufwachen.

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