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Zweifel an IS-Bekennerschreiben Moskau nennt US-Reaktion auf Anschlag vorschnell

Mehr als 90 Menschen sind bei einem Anschlag nahe Moskau ums Leben gekommen. Der »Islamische Staat« hat sich zu der Tat bekannt. Aber die russische Regierung will die Ukraine weiter zum Kreis der Verdächtigen zählen.
Soldaten der russischen Nationalgarde in der Nähe der Crocus City Hall

Soldaten der russischen Nationalgarde in der Nähe der Crocus City Hall

Foto: Vitaly Smolnikov / dpa

Gegen 20.30 Uhr am Freitagabend bricht Panik aus im populären Veranstaltungszentrum Crocus City Hall nahe Moskau. Kurz vor dem Konzert der russischen Band Piknik sind plötzlich Schüsse zu hören, dann Explosionsgeräusche. Ein Feuer bricht aus.

Flammen schlagen aus dem Dach des Veranstaltungsgebäudes

Flammen schlagen aus dem Dach des Veranstaltungsgebäudes

Foto: Dmitry Golubovich / Russian Look / IMAGO

»Sie schießen. Sie schießen aus Maschinengewehren. Irgendwelche Leute schießen«, ist die aufgeregte Stimme eines Mannes in einem wackeligen Video zu hören, das in sozialen Netzwerken kursiert. Die Schüsse hören nicht auf, es hallt laut in dem großen Saal.

Standbild aus einem Video des russischen Ermittlungskomitees: Ein Kalaschnikow-Sturmgewehr liegt auf dem Boden

Standbild aus einem Video des russischen Ermittlungskomitees: Ein Kalaschnikow-Sturmgewehr liegt auf dem Boden

Foto: dpa

Wenige Stunden nach den ersten Schüssen verbreitete die Terrormiliz »Islamischer Staat« ein Bekennerschreiben. Vertreter Kiews wiesen den Verdacht einer ukrainischen Verwicklung zurück. Die USA hatten russische Behörden eigenen Angaben zufolge vor wenigen Wochen vor einem geplanten Terroranschlag auf »große Versammlungen, einschließlich Konzerte« in Moskau gewarnt und mahnten in einer ersten Reaktion, keinen Zusammenhang mit der Ukraine herzustellen.

Kein Recht »vorab eine Absolution zu erteilen«

Dies wurde nun vom russischen Außenministerium kritisiert. Dass die USA die Ukraine als möglichen Drahtzieher des Anschlags auf die Moskauer Konzerthalle entlaste, während die Tragödie noch im Gang sei, werfe Fragen auf, sagte eine Sprecherin des russischen Außenministeriums am Freitagabend im russischen Fernsehen.

»Wenn die USA oder ein anderes Land verlässliche Fakten haben, sollten sie diese der russischen Seite zukommen lassen«, so die Sprecherin. Wenn es solche Fakten nicht gebe, hätten weder das Weiße Haus noch sonst jemand das Recht, vorab eine Absolution zu erteilen.

Präsident Wladimir Putin ließ über die stellvertretende Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa Genesungswünsche an die Opfer ausrichten und dankte den Ärzten. Weiter äußerte er sich zu dem Angriff zunächst nicht. Unterdessen übermittelte Chinas Präsident Xi Jinping seinem russischen Kollegen sein Beileid. Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte auf X (vormals Twitter): »Wir verurteilen den schrecklichen Terrorangriff auf unschuldige Konzertbesucher in Moskau. Unsere Gedanken sind mit den Angehörigen der Opfer und allen Verletzten.«

Der Terrorexperte Peter Neumann vom King’s College in London hält das Bekennerschreiben des IS für echt. Schon vor der Mitteilung des russischen Außenministeriums hatte er vor Falschnachrichten gewarnt, die auf russischen Telegram-Kanälen kursieren. Dort heißt es, die IS-Mitteilung sei gefälscht. »Vermutlich, um das Narrativ zu spinnen, die Ukraine sei für den Anschlag verantwortlich«, so Neumann.

Das Bekennerschreiben allein sei noch kein hundertprozentig zuverlässiger Beweis für den IS als Drahtzieher, aber in Verbindung mit den anderen Indizien halte er es »für ziemlich sicher, dass es was mit dem IS zu tun hat«, so Neumann. Dass der IS den Anschlag für sich reklamiere, ohne tatsächlich dahinterzustecken, halte er für sehr unwahrscheinlich.

Neumann verweist insbesondere auf den IS-Ableger in Afghanistan, der sich »Islamischer Staat-Khorasan« (IS-K) nennt. Viele ihrer Kämpfer waren einmal Taliban und bekämpfen diese nun seit Jahren.

Der IS-K wurde im Januar 2015 als regionaler Ableger der Terrormiliz »Islamischer Staat« gegründet und gilt als brutalste Miliz in Afghanistan . Sie verübte zahlreiche Terroranschläge auf Zivilisten und wird auch mit Anschlagsplänen an Weihnachten in Köln, Wien und Madrid in Verbindung gebracht. Der IS-K rekrutiere sehr aktiv in ex-sowjetischen Staaten in Zentralasien und im Kaukasus, so Neumann.

Ermittler sammeln tütenweise Patronen ein

Am frühen Samstagmorgen veröffentlichte das Staatliche Ermittlungskomitee Russlands ein kurzes Video der Ermittlungsarbeiten: Zu sehen waren eine Kalaschnikow und Gurte voller Magazine. Tütenweise sammelten die Ermittler die Hülsen verschossener Patronen ein.

Die Opfer des Anschlags seien bis zum Samstagmorgen alle aus dem Gebäude gebracht worden, meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass. Rund 100 Menschen sollen sich vor den Terroristen im Keller des Konzertsaals in Sicherheit gebracht haben.

Nachdem es zunächst geheißen hatte, das Feuer in dem Veranstaltungsgebäude sei unter Kontrolle, schlugen morgens erneut offene Flammen aus dem Dach. Die Feuerwehr war im Einsatz.

Verzweifelte Angehörige

Viele Angehörige von Konzertbesuchern warteten in der Nacht noch immer verzweifelt auf ein Lebenszeichen ihrer Liebsten. »Ich bin völlig in Panik, mein ganzer Körper tut weh«, zitierte die Nachrichtenagentur AFP einen Mann, dessen Frau bei dem Konzert war und der vor der brennenden Halle ausharrte. Seine Frau habe ihn während des Angriffs angerufen, er habe sie akustisch aber nicht verstehen können, so Semjon Chrapzow: »Sobald ich wusste, was los ist, bin ich hierhergekommen. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

Auch Igor Bogodajew, 30, wartete vor der Halle auf ein Lebenszeichen seiner Frau. Ihr Telefon war ausgeschaltet. »Ich habe Angst«, sagte er. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Seine Freunde hätten versucht, von Krankenhäusern Informationen einzuholen, um herauszufinden, ob seine Frau dort eingeliefert wurde – jedoch ohne Erfolg.

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

Als Konsequenz des Anschlags bleiben am Wochenende alle Theater und Museen in Moskau geschlossen. Die russische Nachrichtenagentur Tass meldete, der Rote Platz in Moskau sei von Sicherheitskräften abgeriegelt worden.

Zwischenzeitlich standen 13.000 Quadratmeter in Flammen

Zwischenzeitlich standen 13.000 Quadratmeter in Flammen

Foto: Maksim Blinov / SNA / IMAGO

Zuvor hatte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin alle Großveranstaltungen der Stadt für das Wochenende abgesagt. Auch im Moskauer Umland wurden Veranstaltungen gecancelt. Dem russischen Fernsehen zufolge gelten in vielen russischen Großstädten und an den Moskauer Flughäfen nun erhöhte Sicherheitsvorkehrungen.

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vet/dpa/AFP

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