Spionageprozess gegen US-Bürger Gefährlicher Besuch auf dem Hotelzimmer

Bei einer Reise nach Moskau bekam der US-Bürger Paul Whelan unerwarteten Besuch in seinem Hotel - kurz darauf nahm ihn der Inlandsgeheimdienst wegen angeblicher Spionage fest. Seine Aussichten vor Gericht sind finster.
Paul Whelan im Gerichtssaal in Moskau

Paul Whelan im Gerichtssaal in Moskau

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Kirill Kudryavtsev/ AFP

Rund 7500 Kilometer trennen die Whelan-Brüder. Der eine, David, wird am Montag am Computer im kanadischen Toronto die Nachrichten verfolgen, um zu erfahren, was mit dem anderen, Paul, in Moskau passiert. Dort, im Saal eines Stadtgerichts im Nordosten der russischen Hauptstadt, wird Paul Whelan erfahren, welche Strafe die russische Justiz für ihn vorsieht.

Er wird der Spionage beschuldigt. 18 Jahre Straflager hat die Staatsanwaltschaft für ihn gefordert - das Höchststrafmaß liegt bei 20 Jahren. Er sei unschuldig, beteuert Paul Whelan. Die Vorwürfe nennt der ehemalige US-Marine einen "Witz", weist sie kategorisch zurück, spricht von "der Situation einer Geiselnahme".

Paul Whelan mit seinem Verteidigerteam Olga Kralowa und Wladimir Scherebenkow im Gerichtssaal

Paul Whelan mit seinem Verteidigerteam Olga Kralowa und Wladimir Scherebenkow im Gerichtssaal

Foto: Shamil Zhumatov/ REUTERS

Sein Zwillingsbruder David geht von einem Schuldspruch aus. Als Leiter einer Rechtsbibliothek hat er viel Zeit verbracht, um sich mit der russischen Justiz zu beschäftigen, in der Richter meistens dem Plädoyer der Staatsanwälte folgen.

Als "Staatsgeheimnis" eingestuft

"100 Prozent der nach Artikel 276 angeklagten Ausländer werden für schuldig befunden", sagt David Whelan. Es ist der Spionageparagraf des russischen Strafgesetzbuches. David Whelan hofft für seinen Bruder auf einen möglichen späteren Gefangenenaustausch, wie es ihn schon öfter zwischen Russland und den USA gegeben hat.

Der Fall von Paul Whelan ist undurchsichtig, es gibt kaum Informationen, weil er wie alle Spionageverfahren in Russland als "Staatsgeheimnis" eingestuft wurde. Zuletzt lief der Prozess gänzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab, auch Diplomaten konnten nicht mehr in den Gerichtssaal. Whelan ist nicht nur US-Bürger, seit seiner Kindheit lebt er in dem Land. Der 50-Jährige besitzt drei weitere Pässe: den seines Geburtslandes Kanada, den britischen - seine Eltern stammen aus Großbritannien - und den irischen, seine Großeltern sind Iren.

In die Falle gelockt?

Seit Ende Dezember 2018 ist er eingesperrt. Damals nahmen ihn Beamte des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB im Zimmer eines Hotels in der Moskauer Innenstadt fest. Whelan bereitete sich gerade auf den Besuch einer Hochzeit vor. Bei ihm stellten die FSB-Leute einen USB-Stick sicher, darauf angeblich sensible, geheime Daten. Laut einem Medienbericht soll es sich dabei um Namenslisten von Kadetten einer Militärschule handeln. Der Datenträger sei ihm untergeschoben worden, sagt Whelan.

Kurz vor der Festnahme hatte er unangekündigt Besuch auf dem Zimmer bekommen: von einem Russen, von dem er dachte, er sei sein Freund. Auf Instagram postete Whelan gemeinsame Fotos, besuchte den Russen in einem Moskauer Vorort. Heute sagt Whelan, der Mann habe ihn in die Falle gelockt, so hat er es seiner Familie geschildert, bestätigt sein Bruder David.

Bei dem Besucher im Hotelzimmer handelt sich um einen FSB-Mitarbeiter, berichteten mehrere Medien - Whelans Bruder hat dies bestätigt. Laut der Zeitung "Kommersant" soll der Mann Paul Whelan rund 1300 Euro geschuldet haben, wollte zudem befördert werden. Überprüfen lässt sich das nicht, auch Whelans Anwalt Wladimir Scherebenkow musste eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben. Fragen zu dem Besucher im Hotelzimmer weicht er aus.

Der Anwalt sagt nur, Whelan sei davon ausgegangen, auf dem USB-Stick befänden sich harmlose, private Fotos. War der US-Amerikaner zu gutgläubig, zu naiv? Whelan habe sich gefreut, seinen Freund zu sehen, auf die Hochzeit zu gehen, sagt der Verteidiger. Sein Mandant sei ein begeisterter Russlandreisender gewesen. Über soziale Medien habe Whelan Kontakt zu russischen Bekannten gehalten.

Trump schweigt

Warum hätte gerade Paul Whelan spionieren sollen? In wessen Auftrag? Mit welchem Ziel? Das bleibt unklar. In den USA, wo die Familie um politische Unterstützung in Washington ersuchte, schien der Fall Whelan vielen zu diffus. Vielleicht mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, dass Whelan die US-Armee trotz zweier Auszeichnungen und Irak-Einsätzen verlassen musste. Er hatte über die Sozialversicherungsnummer eines Kameraden Scheckbetrug begangen. Zuletzt arbeitete er als Sicherheitschef bei einem Autozulieferer in Michigan.

Whelan hatte Präsident Donald Trump im Gericht aufgerufen, ihn per Twitter zu unterstützen. Doch der schweigt bis heute. Allerdings äußert sich US-Außenminister Mike Pompeo, er fordert Paul Whelans Freilassung.

Der musste zuletzt an der Leiste notoperiert werden, nachdem er monatelang nicht behandelt worden war. Wie es ihm in der Haft gehe? "Das ist die große Frage", sagt sein Bruder David. Er verweist darauf, dass Paul kaum Russisch spreche, ein Gefängnismitarbeiter habe ihn geschlagen.

Hunderte Briefe haben sich Paul und seine Eltern und Geschwister über die Monate der Untersuchungshaft geschickt. Doch längst nicht alle sind angekommen, sagt sein Bruder David. "Wir haben sie nummeriert, deshalb wissen wir, dass viele fehlen." Miteinander gesprochen haben die beiden Whelan-Brüder seit mehr als 17 Monaten nicht mehr. Die Eltern konnten Ende Mai das erste Mal mit ihrem Sohn telefonieren. 15 Minuten lang.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja
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