Fall Paul Whelan Angeblicher US-Spion zu 16 Jahren russische Strafkolonie verurteilt

Ein Moskauer Gericht hat den US-Bürger Paul Whelan zu 16 Jahren Haft verurteilt. Ihm wird Spionage vorgeworfen. Die Entscheidung dürfte die Beziehungen zwischen den USA und Russland neu belasten.
US-Bürger Paul Whelan vor Gericht in Moskau: "Dies ist ein politisches Gericht, ein Scheingericht"

US-Bürger Paul Whelan vor Gericht in Moskau: "Dies ist ein politisches Gericht, ein Scheingericht"

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Maxim Shemetov/ REUTERS

Der US-Amerikaner Paul Whelan ist von einem Moskauer Gericht zu 16 Jahren Strafkolonie verurteilt worden. Das Gericht in Moskau sah am Montag die Agententätigkeit des 50-Jährigen als erwiesen an. Der ehemalige US-Marine sitzt seit eineinhalb Jahren in Russland in Haft, er selbst hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Das Strafmaß blieb hinter dem Antrag der Staatsanwaltschaft zurück, die 18 Jahre Straflager gefordert hatte. Whelans Anwalt Wladimir Scherebenkow hatte immer wieder kritisiert, dass es in dem Verfahren keine Beweise gegeben habe. Er will das Urteil anfechten, wie er am Montag sagte.

Wie SPIEGEL-Mitarbeiterin Tatiana Chukhlomina aus dem Gerichtssaal berichtete, nutzte Whelan vor der Urteilsverkündung die Möglichkeit, kurz zu sprechen. In den vergangenen Wochen hatte der Prozess hinter verschlossenen Türen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. 

"Dies ist ein politisches Gericht, ein Scheingericht"

"Dies ist ein politisches Gericht, ein Scheingericht", sagte Whelan hinter den Scheiben des Käfigs, in dem die Angeklagten Platz nehmen müssen. Erneut beteuerte Whelan seine Unschuld: "Es gibt keine Spionage, es gibt keine Beweise." Er rief US-Präsident Donald Trump und die Premierminister von Kanada, Großbritannien und Irland dazu auf, ihm zu helfen. Er hat neben der US-Bürgerschaft drei weitere Pässe. Diplomaten waren anwesend.

Whelan, der kaum Russisch spricht, bat mehrmals, man möge ihm das Urteil während der Verkündung übersetzen: "Auf Englisch bitte", rief er erst auf Englisch, dann auf Russisch.

Das Verfahren nannte er "absolut lächerlich", ebenso den Umgang mit ihm. Nach monatelangen Schmerzen war er schließlich aus der Untersuchungshaft in ein Krankenhaus gebracht worden und an der Leiste operiert worden. Er sei in das Krankenhaus "unter falschem Namen" gebracht worden, wie er sagte, da die russischen Sicherheitsbehörden Angst gehabt hätten, er könnte von US-Spezialkräfte gerettet werden. "Das ist Paranoia."

Der 50-Jährige war im Dezember 2018 festgenommen worden und sitzt seither in Haft. Der US-Botschafter in Russland, John Sullivan, sagte nach dem Urteil, er sei "enttäuscht und wütend". Seiner Meinung nach "wurden vor Gericht keine Beweise vorgelegt, die Whelans Schuld beweisen". Er wolle sich weiterhin um Whelans Freilassung bemühen, Gerechtigkeit für ihn einfordern, keinen Gefangenenaustausch. Laut Sullivan wird das Urteil die Beziehungen zwischen Russland und den USA verschlechtern.

Urteil dürfte Beziehungen zwischen USA und Russland weiter belasten

Bereits im März hatte Sullivan, nach einem Besuch bei Whelan die Haftbedingungen massiv kritisiert. Whelan werde ohne Beweise festgehalten und erhalte wegen einer potenziell lebensbedrohlichen Krankheit keine richtige Behandlung. Im Beisein seiner Botschafterkollegen aus Großbritannien und Irland forderte Sullivan ein faires und transparentes Verfahren.

Whelans Bruder, Dabid Whelan, reagierte bereits bei Twitter, er appellierte an US-Präsident Trump.

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Der russische Inlandsgeheimdienst FSB stellt den Fall so dar, er habe Whelan als Spion auf frischer Tat ertappt. Er soll geheime Daten auf einem USB-Stick erhalten haben. Nach Darstellung der Verteidigung ging Whelan aber bei einem seiner vielen Besuche in Moskau vielmehr davon aus, dass es sich lediglich um private Inhalte gehandelt habe.

Immer wieder gibt es zwischen den USA und Russland viel beachtete Spionagefälle. Ob es dabei stets um echte oder vielleicht nur vermeintliche Agenten geht, ist kaum überprüfbar. In der Vergangenheit einigten sich Russland und die USA aber auch auf einen Austausch von Gefangenen.

Russlands Präsident Wladimir Putin, selbst ein ehemaliger Geheimdienstchef, hatte im vergangenen Jahr bei einer FSB-Versammlung vor ausländischen Spionageangriffen auf sein Land gewarnt. Demnach wurden allein 2018 mehr als 460 Spione enttarnt.

mst/dpa
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