Foto: Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Müllproblem im Senegal Sonne, Strand und Plastik

Tote Tiere, Müll, Kondome: An Senegals Stränden gibt es kaum mehr unberührte Natur. Vor allem Plastikabfall verseucht weite Landstriche. Doch viele Einheimische wollen nicht länger tatenlos zuschauen.
Aus dem Senegal berichten Heiner Hoffmann und Ricci Shryock
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

An Senegals Stränden findet man so ziemlich alles, außer unberührter Natur: tote Seekühe, verendete Katzenbabys, benutzte Kondome und vor allem jede Menge Plastik. Das Land ist in Afrika berühmt für sein Müllproblem. Mit gravierenden Folgen: Die Touristen bleiben aus, die Fischer verlieren ihre Lebensgrundlage.

Ende des Monats treffen sich die Umweltministerinnen und -minister der Welt im ostafrikanischen Nairobi, um die »wichtigste Entwicklung der globalen Umweltagenda seit dem Pariser Klimaabkommen« zu besprechen, wie es die Uno im Vorfeld verheißungsvoll ankündigt. Ein weltweites Abkommen soll auf den Weg gebracht werden, das Plastikmüll den Kampf ansagt.

Im Senegal zeigt sich, wie wichtig so ein Abkommen wäre – aber auch, wo die Grenzen liegen. Denn das Land versucht bereits seit einiger Zeit, der Plastikflut Herr zu werden, doch die Widerstände sind groß. Aus dem Inland und dem Ausland.

Eine Verkäuferin in Dakar verkauft Wasser in Plastiksäckchen

Eine Verkäuferin in Dakar verkauft Wasser in Plastiksäckchen

Foto: Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Vor allem ein Produkt wurde zum Symbol des Problems: die Wassersäckchen, Sachets genannt. Kleine durchsichtige Plastiktütchen, die mit 250 Millilitern gefiltertem Leitungswasser gefüllt sind. Für umgerechnet vier bis acht Eurocent gibt es sie an jeder Ecke zu kaufen, die meisten reißen mit den Zähnen eine kleine Ecke auf und leeren das Päckchen direkt an Ort und Stelle. Danach landet es in der Regel auf dem Boden – ganz Dakar ist voll von achtlos entsorgten Sachets.

Dabei sollte es diese Plastikprodukte eigentlich gar nicht mehr geben. Vor zwei Jahren schon hatte die senegalesische Regierung ein Gesetz beschlossen, das Sachets und Plastiktüten verbietet. Doch umgesetzt wurde das nie. Die Abfüller und Händler der Wasserpäckchen liefen Sturm dagegen, das Umweltministerium knickte ein, die Sachets blieben vorerst. Ebenso die Plastiktüten.

Jetzt will die Regierung wieder einmal Ernst machen. In einem Rundschreiben vom November 2021 informiert sie in offiziellem Tonfall darüber, dass das Verbot ab sofort durchgesetzt werden solle. Wieder trommelten die Lobbyisten zu massiven Protesten. In einem großen Wohnzimmer mit Aquarium empfängt Sheikh Mamadou Dieng zum Gespräch. Er ist selbst Abfüller von Sachets, hat es mit seiner Wasserfirma zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Er sagt, was Lobbyisten in solchen Situationen gern zu sagen pflegen: »Wir haben ja nichts gegen das Gesetz, aber...«

Und »Abers« gibt es aus seiner Sicht viele: Zehntausende Arbeitsplätze seien in Gefahr, vor allem die Straßenhändlerinnen in ihrer Existenz bedroht. Man solle lieber Recyclingmöglichkeiten schaffen, statt Plastik zu verbieten. Und vor allem: Es würden Millionensummen benötigt, um die Füllanlagen von Sachets auf Flaschen umzurüsten. Tatsächlich zeigt die Regierung bislang wenig Interesse daran, die Industrie bei diesem Prozess zu unterstützen. Da ist es am Ende der bequemere Weg, Gesetze einfach nicht umzusetzen.

Lobbyist und Hersteller Dieng verrät aber auch, woher das meiste Plastik für die Sachets stammt: aus Europa, vor allem aus Frankreich und Belgien. Die EU kämpft öffentlichkeitswirksam gegen Plastikabfall, exportiert aber gleichzeitig das umweltschädliche Produkt nach Afrika. Dabei sind diese Plastikimporte in den Senegal eigentlich verboten. Und manchmal agiert der Globale Norden noch dreister.

Weite Landstriche sind bereits vermüllt, trotzdem wollte im Mai 2021 ein Schiff aus Europa 25 Container Plastikabfall abladen

Weite Landstriche sind bereits vermüllt, trotzdem wollte im Mai 2021 ein Schiff aus Europa 25 Container Plastikabfall abladen

Foto: Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Am 17. Mai 2021 läuft das Frachtschiff Hansa Neuberg der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd in den Hafen von Dakar ein. 25 Tonnen Ladung sollen gelöscht werden, doch schnell merken die Zollbeamten: Die Fracht ist illegal. Es handelt sich um Plastikmüll, offenbar aus Spanien. Der sollte im Senegal entsorgt werden. Die Folgen für die Reederei sind drastisch: Umgerechnet mehr als drei Millionen Euro Strafe musste Hapag Lloyd für den illegalen Importversuch zahlen – und den Müll wieder zurück nach Europa bringen.

»Afrika ist nicht die Müllhalde der Industrieländer«, kritisiert Awa Traoré von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. »Das untergräbt die Bemühungen der Länder vor Ort, selbst gegen das Problem anzukämpfen.« Doch der Senegal ist kein Einzelfall: Immer wieder kommt es auf dem Kontinent zu illegalen Einfuhrversuchen, zuletzt in Tunesien. Auch wegen solcher Aktionen fürchten Expertinnen und Experten, dass ein globales Plastikabkommen am Ende nur ein Lippenbekenntnis bleiben könnte.

Im Senegal nehmen engagierte Bürgerinnen und Bürger das Plastikproblem inzwischen selbst in die Hand.

Auf einer kleinen Insel, nur fünf Minuten Bootsfahrt von der Hauptstadt Dakar entfernt, zeigt sich, wie eine Zukunft ohne Plastikmüll auf den Straßen aussehen könnte. Die Ile de Ngor ist eine Oase der Ruhe: keine Autos, kleine verwinkelte Gassen, Künstlerateliers, die saubersten Strände der Gegend. Und: Mülleimer an jeder Ecke.

Das ist auch Arielle Augry zu verdanken. Die Künstlerin lebt seit vielen Jahren auf der Insel, mit Panoramablick auf die Brandung und selbst erstellten Mosaiks von Frida Kahlo an den Wänden. Irgendwann hatten sie und einige weitere Inselbewohnerinnen eine Idee. Sie begannen, selbst Geld zusammenzulegen für etwas, was im Senegal keine Selbstverständlichkeit ist: eine regelmäßige Müllabfuhr. 146 Mülleimer hängen seither auf der kleinen Insel – und werden täglich geleert, der Inhalt auf Müllhalden auf dem Festland gebracht.

Auf der Ile de Ngor hängen jetzt 146 Mülleimer

Auf der Ile de Ngor hängen jetzt 146 Mülleimer

Foto: Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Vor knapp einem Jahr wurde auch die Regierung auf das Projekt aufmerksam, stieg ein und beteiligt sich seither finanziell. »Es ist ein Laborversuch für den Rest der Stadt«, sagt Augry. Tatsächlich hat die Insel eine Vorbildwirkung: An Wochenenden kommen Hunderte Besucher aus Dakar hierher, um einen entspannten Tag zu verbringen. »Wenn sie sehen, wie sauber es hier ist, dann tragen sie die Idee auch aufs Festland«, hofft Künstlerin Augry.

Im senegalesischen Umweltministerium ist man sich des Müllproblems jedenfalls bewusst: »Es gibt einen Mangel an Infrastruktur, um den Abfall richtig entsorgen zu können«, sagt Boniface Cacheu, technischer Berater im Ministerium und für die Beseitigung des Müllbergs zuständig. Er kündigt Großes an: 150 Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren investiert werden, jedes einzelne Haus eine Mülltonne bekommen, neue Recyclinghöfe die Verwertung der Kunststoffe übernehmen.

Im Ort Gandiol, ganz im Norden des Senegals, will man auf die großen Versprechungen nicht warten.

Doch in der Regel können nur hochwertigere Plastikabfälle problemlos recycelt werden. Das Gros des Mülls rottet auf Jahrzehnte vor sich hin – und landet als Mikroplastik im Meer. Wenn sich Ende Februar die Umweltministerinnen und -minister in Nairobi zusammensetzen, geht es also vor allem um ein Ziel: den Müll gar nicht erst entstehen zu lassen. An Senegals Stränden könnte man dann vielleicht sogar wieder baden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.