Myanmar Das Ende der Menschlichkeit

Ausgerechnet am »Tag der Streitkräfte« entfesseln die Putschisten die bisher schlimmste Gewaltorgie, der Uno-Sondergesandte spricht von »Massenmord«. Der Konflikt in Myanmar könnte in eine neue Phase eingetreten sein.
Von Georg Fahrion, Peking
Protestierende in Yangon: Womöglich tritt der Konflikt in Myanmar gerade in eine neue Phase

Protestierende in Yangon: Womöglich tritt der Konflikt in Myanmar gerade in eine neue Phase

Foto: STR / AP

Der vergangene Samstag ist ein festlicher Tag für Myanmars Putschistenführer Min Aung Hlaing. Am »Tag der Streitkräfte« feiert sich das Militär jedes Jahr selbst, auf einer Parade in der Hauptstadt Naypyidaw präsentiert es seine Panzer und Raketen, Soldaten marschieren in Formation. Vertreter aus Russland, China, Indien, Pakistan, Bangladesch, Thailand, Vietnam und Laos sind zugegen und verleihen dem Putschregime damit Legitimität.

Bevor er abends in weißer Galauniform zum Bankett geht, hält Min Aung Hlaing eine Rede – und bringt dabei ausreichend Chuzpe für folgenden Satz auf: »Das Militär reicht der ganzen Nation die Hand, um die Demokratie zu schützen.«

Tags darauf werden in den sozialen Medien Fotos verbreitet, die einen schwelenden Haufen verbrannter Autoreifen zeigen. Darin ist etwas zu erkennen, das nach einem Oberarmknochen und einem menschlichen Schädel aussieht. Angeblich die Überreste eines vierfachen Familienvaters aus Mandalay, der so unvorsichtig war, vor die Tür zu treten, als in der Nacht Soldaten in seinen Stadtteil Min Tal Ei Kin einrückten. Sie sollen dem Mann in die Hüfte geschossen und ihn anschließend lebendig verbrannt haben.

Der SPIEGEL konnte den Fall nicht unabhängig verifizieren, doch im Hintergrund sind Männer im traditionellen Wickelrock Longyi zu sehen, was nahelegt, dass die Fotos tatsächlich aus Myanmar stammen.

Mindestens 114 Tote im ganzen Land – an einem Tag

Während die Generäle in der abgeschirmten Hauptstadt ein Bekenntnis zur Demokratie heuchelten, entfesselten ihre Männer im ganzen Land eine Gewaltorgie gegen jene, welche tatsächlich die Souveränität des Volkes zu verteidigen versuchen.

27 Menschen erschossen sie allein in der größten Stadt Yangon. Sie töteten ihre Mitbürger in Kawthaung an der südlichen Grenze zu Thailand, in Pathein im Irrawaddy-Delta, im Bergbauort Hpakant im hohen Norden. Tödliche Kugeln trafen eine 13-Jährige im Haus ihrer Familie in Meiktila und einen Fünfjährigen in Mandalay. Schüsse fielen auch auf das von der US-Botschaft betriebene Kulturinstitut American Center in Yangon. Ein Kampfjet bombardierte einen Rebellenstützpunkt im Grenzgebiet Karen State.

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In einer Auflistung kam das recherchestarke Medium »Myanmar Now« für Samstag auf 114 Todesopfer in insgesamt 44 Ortschaften im ganzen Land. Rund ein Viertel aller Myanmarinnen und Myanmaren, die seit dem Putsch am 1. Februar von Militär und Polizei umgebracht wurden, starb demnach an diesen einzigen Tag. Das Militär hat seine am Vorabend im Staatsfernsehen verbreitete Drohung wahr gemacht, Teilnehmern von Demonstrationen liefen Gefahr, in Kopf oder Rücken geschossen zu werden.

Womöglich tritt der Konflikt in Myanmar gerade in eine neue Phase. In den ersten vier Wochen nach dem Staatsstreich ließen die Sicherheitskräfte – für ihre Verhältnisse – noch vergleichsweise viel Protest zu. Ab dem 28. Tag richteten Schützen praktisch täglich einzelne Protestierende hin, oft mit gezielten Kopfschüssen. Vier weitere Wochen später haben sich die letzten Spurenelemente von Skrupel und Menschlichkeit vollends verflüchtigt.

Die Militärs wollen Friedhofsruhe herbeizwingen

Nimmt man die Geschehnisse des Samstags zum Indikator, haben die militärischen Befehlshaber sich offenbar von der Idee verabschiedet, eine halbwegs funktionsfähige Regierung zu etablieren. Anscheinend geht es ihnen nur noch darum, Friedhofsruhe im Land herbeizuzwingen, indem sie jede Bürgerin und jeden Bürger in Todesangst versetzen. In diesem Licht betrachtet, haben all die Protestierenden recht, welche die Putschisten als »Terroristen« bezeichnen.

Der ehemalige US-Botschafter in Myanmar, Scot Marciel, hat nach dem Blutsamstag getwittert, das myanmarische Militär sei »jenseits aller Vernunft«; er sehe keinen Wert in einer Fortsetzung eines Dialogs, »bis sie signalisieren, dass sie nach einem Ausweg suchen«.

Die US-Außen- und Verteidigungsminister Antony Blinken und Lloyd Austin haben ihr Entsetzen geäußert, die Generalstäbe zahlreicher westlicher Länder, darunter Deutschland, das Vorgehen der myanmarischen Militärs verurteilt und es zur Zurückhaltung aufgerufen. Der Uno-Sonderberichterstatter für Myanmar, Tom Andrews, bezeichnete das Vorgehen der Junta als »Massenmord«.

Der Westen hat Myanmar wenig Hilfe anzubieten

Das sind zwar die richtigen Worte, doch aller Voraussicht nach wird es bei Worten bleiben. Schon durch ihre Teilnahme an der Parade haben Russland und China den Generälen soeben bedeutet, dass sie nicht mit ihnen zu brechen gedenken; als ständige Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats dürften sie entschiedene Taten gegen die Putschregierung verhindern. Außer moralischer Entrüstung und unilateralen Wirtschaftssanktionen, die sich in der Vergangenheit als wenig wirkungsvoll erwiesen haben, hat der Westen den Menschen Myanmars wenig anzubieten.

Nach Informationen des SPIEGEL sind einige demokratische Politiker und Aktivisten bereits in myanmarische Grenzregionen geflüchtet, die von ethnischen Rebellengruppen kontrolliert werden. Dort sind sie sicherer als im Kernland, aber weit entfernt von den Bevölkerungszentren; die geografische und machtpolitische Peripherie sind deckungsgleich. Schon nach dem Aufstand von 1988 haben sich Studentenführer in die Berge und Dschungel gerettet, für die Geschicke Myanmars spielten sie fortan praktisch keine Rolle mehr.

Der »Tag der Streitkräfte« hieß ursprünglich anders, nämlich »Tag des Widerstands«. Er erinnert daran, wie sich myanmarische Verbände am Ende des Zweiten Weltkriegs gegen die Japaner erhoben – brutale Besatzer, die das Land ohne Rücksicht auf die menschlichen Kosten unterjocht hatten. Angesichts dessen, wie die Machtmittel verteilt sind, erscheint vergleichbarer Widerstand heute wie eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

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