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Desmond Tutu, 90

aus DER SPIEGEL 1/2022
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The NewYorkTimes/Redux/laif / CHESTER HIGGINS JR./The New Yorklaif

Apartheid sei Sünde, verkündigte Desmond Tutu von der Kanzel. Der streitbare Kirchenführer war neben Nelson Mandela der wirkmächtigste Ak­tivist im Kampf gegen die Rassentrennung in Südafrika. Er klagte die Verbrechen des weißen Unrechtsregimes an, rief zu Sanktionen auf, stand den Opfern staatlicher Gewaltexzesse bei.

Seine Anhänger verehrten ihn als »Gewissen der Nation«. Seine Widersacher nannten ihn abschätzig »heiliger Terror«. Aber die Regierung konnte ihn nicht zum Schweigen bringen wie so viele Freiheitskämpfer, denn spätestens nach der Verleihung des Friedensnobelpreises 1984 war Tutu weltberühmt und unantastbar geworden. Der Befreiungstheologe führte ein Leben im Widerstand, als einfacher Priester, als Generalsekretär des nationalen Kirchenrats, als anglikanischer Erzbischof von Kapstadt. Er war Seelsorger, Hirte, Mahner, ein radikaler Christ, der die Vision von der »Regenbogennation« entwarf, einer friedlichen, multiethnischen Gesellschaft.

Tutu wurde wie der Dalai Lama zu einer weltweiten Projektionsfigur humanistischer Werte. Auch nach dem Ende der Apartheid blieb er ein unbequemer Kleriker, der die Korruption und den moralischen Verfall der neuen schwarzen Machtelite anprangerte. Aber Tutu hatte bei allem alt­testamentarischen Zorn einen mitreißenden Humor. Er erzählte gern den Witz, wie er nach seinem Tod irrtümlicherweise in der Hölle landet und dort so viel Ärger macht, dass der Teufel entnervt an der Himmelspforte Asyl beantragt. Desmond Mpilo Tutu starb am 26. Dezember in Kapstadt.

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