Zum Tod von Ruth Bader Ginsburg RIP, Notorious RBG

Ikone, Pionierin, Frauenrechtlerin: Ruth Bader Ginsburg war der Star des Supreme Courts - und Hoffungsträgerin von Millionen Amerikanern. Ihr Leben brach Schranken, ihr Tod ist mehr als ein Politikum.
Ein Nachruf von Marc Pitzke, New York
Amerikanisches Nationalheiligtum: Ruth Bader Ginsburg

Amerikanisches Nationalheiligtum: Ruth Bader Ginsburg

Foto: Jim Young / REUTERS

Noch in der Nacht strömten die Menschenmengen zum angestrahlten Justizpalast des Supreme Courts in Washington. Hunderte scharten sich auf der Freitreppe und dem Platz davor, im Schatten des US-Kapitols. Sie knieten nieder, weinten, zündeten Kerzen an, sangen "Amazing Grace". Ringsum stapelten sich Blumensträuße, Fotos und Kondolenzkarten.

"Danke, RBG", stand auf einem Schild mit ihren Initialen.

Solch eine spontane öffentliche Traueraufwallung gebührt sonst meist nur Staatslenkern oder Stars. Ruth Bader Ginsburg war viel mehr als das.

Symbol der Hoffnung: Trauernde am Supreme Court in Washington

Symbol der Hoffnung: Trauernde am Supreme Court in Washington

Foto: ALEXANDER DRAGO / REUTERS

Der Tod der dienstältesten Richterin am Obersten US-Gerichtshof ist nicht nur ein Politikum, so kurz vor den Präsidentschaftswahlen, die nun erst recht zur Entscheidung über die Zukunft der amerikanischen Demokratie werden. Ginsburg, die am Freitag mit 87 Jahren starb, war eine nationale Ikone, eine der wichtigsten US-Frauenrechtlerinnen und "die wahrscheinlich bekannteste Richterin in der Geschichte" des Supreme Courts, wie es der Juraprofessor Michael Yelnosky schon 2018 sagte.

In ihren 27 Jahren am US-Verfassungsgericht war Ginsburg vor allem aber die Personifizierung - die letzte, so scheint es einem fast - von Idealismus, Optimismus und Hoffnung in Zeiten zynischer Hoffnungslosigkeit.

Ihre historische - und lange einsame - Rolle als Vorreiterin für Frauen, Minderheiten und alle anderen, die keine Stimme haben, begann nicht erst, als Bill Clinton sie an den Supreme Court berief. Sie begann in Brooklyn, wo Ginsburg als Tochter einer jüdischen Einwandererfamilie aufwuchs.

Lebenslanger Kampf: Ginsburg bei ihrer Nominierung durch Bill Clinton (1993)

Lebenslanger Kampf: Ginsburg bei ihrer Nominierung durch Bill Clinton (1993)

Foto: Doug Mills / AP

Schon als Ginsburg noch ein Teenager war, ermutigte ihre Mutter Celia sie zu einer Ausbildung über die damals noch beschränkten Möglichkeiten für Frauen hinaus. "Was ist der Unterschied zwischen einer Buchhalterin und einer Bundesrichterin?", sagte Ginsburg später. "Eine Generation."

Ginsburg peilte eine Jurakarriere an, fast undenkbar in jenen Jahren. Als 17-jährige Studentin lernte sie den ein Jahr älteren Marty Ginsburg kennen, die Liebe ihres Lebens - und ihren größten Cheerleader: "Er war der einzige Junge, dem wichtig war, dass ich was im Kopf hatte." Sie heirateten 1954.

In Harvard war Ginsburg eine von nur neun Frauen in einem Jahrgang mit 552 Studenten. Doch alle Kanzleien, bei denen sie sich als Rechtsanwältin bewarb, weigerten sich, sie einzustellen. Auch der namhafte Supreme-Court-Richter Felix Frankfurter lehnte sie als Referendarin ab. Schließlich ergatterte sie eine Lehrstelle an der Rutgers Law School in New York und wechselte später an die Columbia University, ihre Alma Mater.

Stimme des linken Flügels: Ginsburg mit ihren Supreme-Court-Kollegen (2017)

Stimme des linken Flügels: Ginsburg mit ihren Supreme-Court-Kollegen (2017)

Foto: Jonathan Ernst / REUTERS

In den Siebzigerjahren begann Ginsburg, im Auftrag der Bürgerrechtsbewegung ACLU vor Gericht für diskriminierte Minderheiten zu kämpfen. Sie empfinde es als ihr großes "Glück", damals "als Anwältin am Leben" gewesen zu sein, schrieb sie 2016: "Zum ersten Mal in der US-Geschichte wurde es möglich, sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern als Verfassungsprinzip einzusetzen."

1980 beförderte Jimmy Carter sie an den Court of Appeals in Washington, eine zentrale Berufungsinstanz in den USA, wo die Gerichte Politik und Gesellschaft viel stärker prägen als anderswo. Sie begann eine lebenslange Freundschaft mit Antonin Scalia, einem erzkonservativen Juristen, der 1986 an den Supreme Court ging. Ginsburg folgte ihm 1993, als erst zweite Richterin in der Geschichte des Gerichts. Der Senat bestätigte sie mit 93 zu 3 Stimmen - eine überparteiliche Mehrheit, die heute unvorstellbar ist. Ihre Nominierungsanhörung wurde vom damaligen Senator Joe Biden geleitet.

Am Obersten Gerichtshof setzte Ginsburg ihre Pionierrolle zugunsten von Frauen, Homosexuellen und Einwanderern fort, Schritt für Schritt, Verhandlung für Verhandlung, Urteil für Urteil. Und wenn sie der konservativen Mehrheit mal unterlag, machte sie ihre Empörung mit flammenden Widersprüchen gültig, die zur Pflichtlektüre wurden, nicht nur für Jurastudenten.

Einer ihrer letzten Auftritte: Ginsburg bekommt den Ehrendoktor der University of Buffalo (2019)

Einer ihrer letzten Auftritte: Ginsburg bekommt den Ehrendoktor der University of Buffalo (2019)

Foto: Lindsay DeDario / REUTERS

Von 2006 bis 2009 war Ginsburg die einzige Frau am neunköpfigen Supreme Court. Ihre "schlimmste Zeit", wie sie später zugab - zumal sie mit gerade mal 1,55 Metern den männlichen Kollegen zumindest optisch unterlegen war. Es war in jenen Jahren, dass ihr Dissens immer lauter wurde.

So konnte sie es kaum fassen, dass das Gericht 2007 die Klage einer Frau wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz aus Formgründen abschmetterte. Aufgrund ihres Widerspruchs verankerte der Kongress die Gleichbezahlung von Frauen und Männern schließlich gesetzlich. Eine gerahmte Kopie des Lilly Ledbetter Fair Pay Acts , benannt nach der Klägerin, hing bis zuletzt in Ginsburgs Büro.

Mit der Pensionierung ihres Kollegen John Paul Stevens wurde sie 2010 zur Wortführerin des linksliberalen Flügels am Supreme Court. Mit Donald Trumps Wahlsieg wurde sie 2016 zur Hoffnungsträgerin des halben Landes.

Popikone: Ginsburg auf einem T-Shirt mit der Krone des Rappers Notorious BIG

Popikone: Ginsburg auf einem T-Shirt mit der Krone des Rappers Notorious BIG

Foto: Lucy Nicholson / REUTERS

Und zur Pop-Meme. Eine Studentin verpasste ihr den Spitznamen "Notorious RBG", in Anspielung auf den legendären Rapper Notorious BIG. Ginsburg liebte den Vergleich: "Wir sind ja beide in Brooklyn aufgewachsen."

Ihr Konterfei zierte Tassen, Taschen, T-Shirts. Sie war Star einer Oper, eines Kinderbuchs und einer Fitnessbibel und eine Legofigur im "The Lego Movie 2". Fans ließen sich "RBG" in die Haut tätowieren und brachen bei ihrem Anblick in Tränen aus. Die TV-Show "Saturday Night Live" verewigte sie als Rapperin in Richterrobe, Ginsburg fand die Parodie der Komödiantin Kate McKinnon "fabelhaft". Die Doku "RBG" stellte Ginsburg 2018 dann einer ganz neuen Generation vor - und offenbarte ihre private Seite.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Je älter sie wurde, geschwächt von Krebs und anderen Krankheiten, desto größer war die Angst - auch um den Bestand der liberalen Fraktion am Supreme Court. Ihre Entscheidung, nicht in den Ruhestand zu gehen, während Barack Obama noch einen Nachfolger nominieren konnte, war ein später Fehler. "Es wird einen Präsidenten nach diesem geben, und ich bin hoffnungsvoll, dass es ein feiner Präsident sein wird", sagte sie  drei Jahre vor Trumps Wahl.

Ginsburg starb zu Beginn von Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, an dem man Bilanz zieht und zugleich nach vorne schaut. Ihre letzte Botschaft, ihrer Enkelin Clara Spera diktiert, war so politisch wie ihr Leben: "Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass ich nicht ersetzt werde, bevor ein neuer Präsident im Amt ist." Der Wunsch könnte unerfüllt bleiben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.