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Nachruf Sergej Kowaljow, 91

aus DER SPIEGEL 33/2021
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Marco Urban

Er war auf seine Weise unerbittlich, ein sanft wirkender Mann mit stählernem Willen. Gehärtet hatte ihn das Leben als Dissident. Von Beruf Biologe, wurde Sergej Adamowitsch Kowaljow in den Siebzigerjahren Mitherausgeber der Untergrundzeitung »Chronik der laufenden Ereignisse«. Dafür erhielt er 1975 wegen »antisowjetischer Propaganda« die Höchststrafe: sieben Jahre Straflager, drei Jahre Verbannung. All das bestätigte ihn nur darin, sich nicht zu verstellen, keine Kompromisse einzugehen. Noch aus dem Lager Perm-36 (heute ein Gulag-Museum) schmuggelte er einen Appell, in dem er zur Wahrung der Menschenrechte aufrief. Die Perestroika erlaubte es Kowaljow, 1987 nach Moskau zurückzukehren, und eine erstaunliche politische Karriere begann. Der Parlamentsabgeordnete leitete Russlands größte Menschenrechtsorganisation Memorial, fixierte in Kapitel zwei der russischen Verfassung den Katalog der Menschen- und Bürgerrechte, war Russlands erster Ombudsmann für Menschenrechte. Außerdem war er der wohl unerschrockenste und unversöhnlichste Gegner des Ersten Tschetschenienkriegs 1994 bis 96. »Tschetschenien ist das Wichtigste in meinem Schicksal«, sagte er später. Der Umgang mit der abtrünnigen Region und ihrer Bevölkerung entfremdete ihn von Präsident Boris Jelzin, dessen Nachfolger Wladimir Putin, der Armeeführung und der Mehrheit der Russinnen und Russen. Hoch geachtet blieb er dennoch. Sergej Adamowitsch Kowaljow starb am 9. August in Moskau.

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