Alexandra Rojkov

Social Media im Nahostkonflikt Was hier passiert, ist zu komplex für einen Tweet

Alexandra Rojkov
Ein Zwischenruf von Alexandra Rojkov, Tel Aviv
Bei Instagram und Twitter kommentieren viele den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, als würden sie ihre Fußballmannschaft anfeuern. Was helfen würde: mehr zuhören, weniger behaupten.
Eine israelische Panzerhaubitze wird an die Grenze zum Gazastreifen transportiert.

Eine israelische Panzerhaubitze wird an die Grenze zum Gazastreifen transportiert.

Foto:

EMMANUEL DUNAND / AFP

Die Eskalation in Gaza war keine zwölf Stunden alt, als ein Bekannter mich fragte, auf welcher Seite ich stehe. Auf der Israels? Oder der Palästinenser? Am Vorabend hatten Hamas-Kämpfer eine Rakete auf Jerusalem gefeuert, Israel flog Angriffe auf den Gazastreifen. In meinem Jerusalemer Zimmer ließ mich die Sorge vor einer Eskalation kaum schlafen. Als mich mein Bekannter am Morgen danach anrief und nach meiner Position fragte, hatte ich Angst und Hunger. Was ich nicht hatte, war eine glasklare Meinung zu dem Konflikt. Dafür hatte gefühlt das halbe Internet schon eine.

Einer der kompliziertesten Konflikte der Welt auf 280 Zeichen

Seit in Ostjerusalem Palästinenser ihre Häuser für Siedler räumen sollen,  seit auf Israel Raketen und auf Gaza Bomben fliegen, äußert sich in sozialen Medien die halbe Welt zu dem Thema. Und wer es nicht tut, wird teilweise dazu aufgefordert. Sobald ich Instagram oder Twitter öffne, sehe ich Menschen, die mir auf 280 Zeichen oder in kurzen Texttafeln einen der kompliziertesten Konflikte der Welt erklären. Sie scheinen ganz genau zu wissen, was Tausende Kilometer entfernt passiert und wer schuld daran ist. Manche nennen Israel einen »Terrorstaat« und werfen ihm »Völkermord« vor. Andere behaupten, Israel treffe keinerlei Schuld an der Eskalation und bezeichnen die Armee des jüdischen Staates als »die moralischste der Welt«. Dazwischen scheint es wenig zu geben.

Bei einigen Absendern habe ich Zweifel, ob sie sich vor vergangener Woche je mit dem Nahen Osten beschäftigt haben. Natürlich muss niemand in Israel oder Palästina gelebt oder einen Master in Nahoststudien haben, um sich zu äußern. Und vermutlich teilen viele Menschen die Inhalte mit besten Absichten: Sie wollen ihre Follower informieren und auf die Opfer des Konfliktes aufmerksam machen. Doch dieser Social-Media-Aktivismus hilft nicht, sondern macht die Lage nur schwieriger.

Manches in den Posts und Tweets ist falsch oder grob verkürzt. Vieles lässt den Nahostkonflikt wirken wie einen Kampf zwischen Gut und Böse. Viele Twitter- und Instagram-Nutzer führen sich auf wie Fußballfans, sie unterstützen vorbehaltlos ein Team. Aber Kriege und Konflikte sind selten schwarz-weiß, so wie fast alles im Leben. Diese Komplexität auszuhalten und zu erklären, ist mein Job als Journalistin. Doch meine Antworten sind sperriger und länger als die einfachen und prägnanten Meinungen in sozialen Medien.

Das israelische Raketenabwehrsystem stoppt einen Angriff auf die Stadt Aschkelon

Das israelische Raketenabwehrsystem stoppt einen Angriff auf die Stadt Aschkelon

Foto: AMIR COHEN / REUTERS

Journalismus braucht Zeit, weil ich erst recherchieren muss und jedes Wort abwäge. Bis mein Text erscheint, haben sich schon Tausende Menschen im Netz geäußert. Dabei ist dieser verdammte Konflikt komplizierter als ein viraler Social-Media-Post.

Der Konflikt ist so verworren, dass es mich manchmal zerreißt

Ich habe mehrere Jahre in Tel Aviv und Jerusalem gelebt und bin oft in den Gazastreifen und ins Westjordanland gereist. Im März flog ich nach Israel, um über die Wahl zu berichten – und über ein Land, in dem die meisten Menschen wieder normal leben, weil die Pandemie fast besiegt ist. Jetzt habe ich seit Tagen kaum geschlafen, weil mich der Raketenalarm in Tel Aviv nachts wachhält. Wenn ich in den Bunker renne, denke ich auch an die Menschen in Gaza, die keine sicheren Keller unter ihren Häusern haben. Tagsüber treffe ich Juden und Palästinenser. Sie erzählen mir ihre Geschichten, und ich fühle oft mit beiden. Dieser Konflikt ist so alt und so verworren, so schmerzhaft und erscheint so unlösbar, dass es mich manchmal innerlich zerreißt.

Das war nicht immer so. Als ich vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal nach Israel kam, mit Anfang 20, wusste ich nur, dass es hier »irgendwie schwierig« ist. Ich dachte, wenn ich ein paar Wochen durchs Land reise, wird alles klarer.

Kinder spielen auf einem von Israels Armee zerstörten Gebäude in Gaza-Stadt

Kinder spielen auf einem von Israels Armee zerstörten Gebäude in Gaza-Stadt

Foto: Fatima Shbair / Getty Images

Das Gegenteil geschah: Je mehr ich erfuhr, desto komplexer wurde es. Seit ich als Journalistin arbeite, weiß ich: Das gilt für fast alle Themen, über die ich berichte. Aus der Ferne wirken viele Dinge simpel. Aber je länger man sich mit etwas beschäftigt und je interessierter man ist, etwas wirklich zu verstehen, desto schwieriger wird es, eindeutige Urteile zu fällen.

Dieser Konflikt eignet sich nicht für hohle Parolen. Je mehr man sich mit den Menschen unterhält, die ihm ausgesetzt sind, je tiefer man seine Geschichte studiert, desto komplexer wird er. Jede Seite hat Argumente, die berechtigt sind. Wer echtes Interesse daran hat, irgendwann eine Lösung zu finden, sollte mehr zuhören und weniger behaupten.

Inzwischen ist der neue Gaza-Krieg fast eine Woche alt. Ich poste immer noch keine Parteinahme, und das wird sich nicht ändern. Nur eines kann ich mit Gewissheit sagen: Die Komplexität der Welt passt selten in einen Tweet.

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