Deutscher Völkermord in Namibia Ein Zaun, ein Toter, zwei Welten

Die Herero verloren durch den Völkermord zwei Drittel ihrer Leute. Noch heute bewirtschaften mehrheitlich weiße Farmer ihr Land. Das deutsche Entschädigungsangebot hat die Gemüter eher erhitzt, einige drohen mit Gewalt.
Vom Waterberg in Namibia berichtet Heiner Hoffmann
Die meisten Farmen rund um den Waterberg sind nach wie vor im Besitz deutschstämmiger Namibier

Die meisten Farmen rund um den Waterberg sind nach wie vor im Besitz deutschstämmiger Namibier

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Wilhelm Diekmann wühlt im gelben Gras, nach wenigen Sekunden wird er fündig. In seinen Händen hält er ein altes Metallteil, es ist die Hülse eines Geschosses, abgefeuert aus den Kanonen der deutschen Kolonialarmee. An der Spitze sieht man noch eine eingeritzte Skala, ein Mechanismus zur zeitversetzten Zündung. »Vor diesen Kanonen hatten die Herero höllische Angst«, sagt Diekmann. Dann hält er zwei rostige Gewehrläufe in die Höhe: »Das waren die Waffen der Herero. All das haben wir auf unserer Farm gefunden.«

Wilhelm Diekmann ist Besitzer der Jagd- und Gästefarm Hamakari am Waterberg in Zentralnamibia. Der Betrieb lebt von Rinderzucht und Touristen, am Abend gibt es selbst gejagtes Antilopenfleisch. In fünfter Generation führt die Familie Diekmann den Hof, sie gehören zu den ungefähr 20.000 verbliebenen Deutsch-Namibiern. Tradition ist ihnen wichtig: Überall hängen Fotos der Vorfahren, im Esszimmer ein Stammbaum der Familie. »Ich will diese Farm meinem Sohn vererben, so wie sie einst mir vererbt wurde«, sagt Diekmann.

Wilhelm Diekmann mit Gewehren, mutmaßlich benutzt von Herero-Kriegern in der Schlacht am Waterberg 1904

Wilhelm Diekmann mit Gewehren, mutmaßlich benutzt von Herero-Kriegern in der Schlacht am Waterberg 1904

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Und doch ist Hamakari nicht irgendeine Farm, nicht hier im historisch so aufgeladenen Namibia. Wilhelm Diekmann parkt seinen Safari-Jeep an einer großen Wasserstelle, in der Luft kreisen Ibisse. »Die bringen Glück«, sagt der Farmbesitzer und rückt seinen Hut zurecht. Dabei ist diese Wasserstelle ein Ort des Unglücks, zumindest für das Volk der Herero. Hier haben sich 1904 die verbliebenen Herero gesammelt, nachdem die deutschen Schutztruppen ihren Aufstand niedergeschlagen, sie zurückgedrängt und weitgehend eingekesselt hatten. Von hier aus brachen sie in die wasserarme Steppengegend der Omaheke auf.

Was folgte, wird vom deutschen Staat inzwischen als Völkermord anerkannt: Zehntausende Herero verdursteten, die Truppen der deutschen Kolonialherren verhinderten ihre Rückkehr, besetzten laut Genozidforschern auch Wasserstellen. Der Vernichtungsbefehl des Anführers der örtlichen Schutztruppen, Generalleutnant Lothar von Trotha, spielt in der historischen Forschung eine zentrale Rolle: »Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.«

Auf der Hamakari-Farm werden nach wie vor die Gräber der gefallenen deutschen Kolonialsoldaten gepflegt, Besitzer Wilhelm Diekmann sieht in der Diskussion um den Genozid einen »Schuldkult«

Auf der Hamakari-Farm werden nach wie vor die Gräber der gefallenen deutschen Kolonialsoldaten gepflegt, Besitzer Wilhelm Diekmann sieht in der Diskussion um den Genozid einen »Schuldkult«

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Das Hirtenvolk verlor nicht nur etwa zwei Drittel seiner Bevölkerung, sondern auch sämtlichen Viehbestand. Das Land wurde durch einen deutschen Verwaltungsakt enteignet. »Wenn ich die Herero darüber reden höre, bin ich bewegt, sie liegen mir nahe. Ich will begreifen, was sie fühlen«, sagt Wilhelm Diekmann. Fünf Generationen liegen zwischen den Geschehnissen von 1904 und der Gegenwart – und trotzdem ist der Konflikt allgegenwärtig.

Fünf Jahre nach der Schlacht vom Waterberg und der Vertreibung der Herero hat Diekmanns Ururgroßvater Gustav das Land von der Kolonialverwaltung erworben und kurz darauf mit der Rinderzucht begonnen. Zu dieser Zeit zementierte sich die Ungleichheit in Namibia, die bis heute fortbesteht: 70 Prozent des privaten kommerziellen Landes ist nach wie vor Eigentum weißer Farmer. Die Herero hingegen besitzen bis heute so gut wie nichts. »Land ist der Hauptgrund aller Auseinandersetzungen, es hat für alle Beteiligten den größten Stellenwert«, sagt Wilhelm Diekmann.

Um die aktuelle Debatte über das Deutsch-Namibische Versöhnungsabkommen zu verstehen, muss man sich die schwelenden Landkonflikte anschauen. Überall in Namibia, vor allem aber unter den Herero und Nama, werden seit der Unabhängigkeit 1990 die Rufe nach einer gerechten Landverteilung lauter. Eine Anerkennung des Völkermords und eine offizielle Bitte um Vergebung sind für die meisten Nachkommen der Opfer ein wichtiger Schritt zur Versöhnung. Doch ohne eine Lösung der Landfrage wird es keinen Frieden geben. Und die Landfrage ist in Namibia immer auch eine Frage der Hautfarbe.

»Wir werden die deutschen Farmen einnehmen!«, »Wir wissen, wo ihr wohnt!«, »Wir werden in eure Häuser eindringen und alles Wertvolle mitnehmen.« Solche Nachrichten kursieren derzeit auf WhatsApp und Facebook. Die Wut kocht hoch, vor allem über die vereinbarten Zahlungen des deutschen Staates: 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre. Viel zu wenig, finden viele Betroffene. Sie wollen vor allem das Land ihrer Vorfahren zurück. Ein ehemaliger Minister warnt gar vor einem Bürgerkrieg.

»Ich werde meine Vorfahren nicht einbeziehen in diesen Schuldkomplex. Ich werde kein Opfer bringen, nur um dem namibischen Staat einen Gefallen zu tun«, sagt Wilhelm Diekmann. Prinzipiell sei er bereit, über seinen Besitz zu verhandeln – doch nur im Tausch gegen mindestens ebenbürtiges Land.

Schließlich hätten seine Vorfahren und er all dies mit eigenen Händen aufgebaut und damals rechtmäßig erworben. Wilhelm Diekmann erzählt, ihm sei selbst am meisten an einem friedlichen Zusammenleben mit seinen Nachbarn, den Herero, gelegen. Doch wie kann das gelingen, wenn der eine 12.000 Hektar Land besitzt und die anderen in einer Art Reservat leben?

Das Leben auf der anderen Seite des Zaunes: In Oukuas herrscht bittere Armut

Das Leben auf der anderen Seite des Zaunes: In Oukuas herrscht bittere Armut

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Auf der anderen Seite des Zaunes, direkt angrenzend an die Diekmann´sche Farm, liegt die Ortschaft Oukuas, bewohnt von Herero. Der Kontrast könnte kaum größer sein. In Oukuas stehen kleine, weiße Wellblechhütten. Ein älterer Mann mit Rechen in der Hand verbrennt Müll, daneben pflanzt eine Frau kniend Samen in die Erde. Kinder spielen Fangen. Oukuas liegt auf sogenanntem »Communal Land« – es gehört formal dem Staat, darf aber von den Bewohnern gemeinsam genutzt werden.

»Wir sind von zwei Seiten eingezäunt, wie in einem Lager. Früher war das dort alles unser Ahnenland, dann wurde es uns weggenommen und gehört jetzt den Weißen. Uns bleibt nicht einmal genug, um in schlechteren Zeiten unsere Rinder satt zu bekommen. Wenn das bisschen Gras alle ist, verhungern sie«, erzählt Esau Mbakera, einer der Dorfältesten.

Ende vergangenen Jahres eskalierte der Konflikt mit den weißen Nachbarn. Was genau passierte, muss nun ein Gericht klären. Fest steht: Der Enkel von Esau Mbakera wurde erschossen – von einem Sicherheitsmann der Diekmann-Farm. Gemeinsam mit anderen jungen Männern aus dem Ort war er auf das Land der Diekmanns eingedrungen. »Er wollte nur die Ziegen zurückholen, die durch den Zaun geschlüpft sind«, behauptet der Großvater. Er habe auf Hamakari Wild oder Vieh stehlen wollen, sagt die Gegenseite; auch die Polizei vermutet dies. Ein Gericht muss nun klären, ob es Mord oder Notwehr war.

Die Dorfältesten von Oukuas: Esau Mbakera (l.) ist der Großvater des Verstorbenen

Die Dorfältesten von Oukuas: Esau Mbakera (l.) ist der Großvater des Verstorbenen

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Was auch immer genau geschehen ist – die ohnehin angespannte Stimmung hat es zusätzlich angeheizt. »Wir sind zu Kriminellen auf unserem eigenen Land geworden«, schimpft Esau Mbakera. »Wir Dorfältesten können die Jugend nur noch mit Mühe zurückhalten, den Frieden zu wahren. Die sind sehr aufgebracht.« Es kam zu Protestaktionen vor der Einfahrt zur Hamakari-Farm.

»Wenn die Grenzen respektiert werden, passieren solche Dinge nicht«, entgegnet Wilhelm Diekmann. Aus seiner Sicht sei das Verhältnis zu den Nachbarn aber nach wie vor gut. Wenn es jedoch Konfrontationen geben sollte, werde er nicht weichen.

Dabei sollte das deutsch-namibische Abkommen die Gemüter beruhigen, Frieden schaffen. Auch die Landfrage wird darin angesprochen. Laut namibischer Regierung sollen knapp 500 Millionen Euro aus Deutschland für den Ankauf und die Umverteilung von Farmland genutzt werden. Viel zu wenig, kritisieren inzwischen zahlreiche Betroffene und Chiefs der Herero. Die lauteste Stimme des Protestes ist wohl Vekuii Rukoro, der Paramount Chief, also die oberste traditionelle Autorität der Volksgruppe. Wie viele Herero er tatsächlich vertritt, ist jedoch umstritten.

Vekuii Rukoro, Paramount Chief der Herero: »Verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge«

Vekuii Rukoro, Paramount Chief der Herero: »Verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge«

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Fest steht aber: Mit seiner Kritik am Abkommen steht er nicht allein da: »Wir sehen eine rassistische und manipulative deutsche Führung. Sie wollen mit Namibia wie mit ihrem Vasallenstaat umgehen«, schimpft Rukoro. Gefragt nach den Drohungen, sich das Land mit Gewalt zurückzuholen, sagt er diesen vieldeutigen Satz: »Wir versuchen es auf diplomatischer, politischer und rechtlicher Ebene. Aber wenn all das nicht zu einer gerechten Lösung führt: Verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge. Tragen wir dann die Schuld?«

Erika von Wietersheim, selbst eine Deutsch-Namibierin, hat sich lange mit dem Landkonflikt beschäftigt, ein Buch dazu verfasst. »This Land is my land« heißt es – »Dieses Land gehört mir«. Die Enttäuschung der Betroffenen kann sie nachvollziehen: »Es ist, als würden die meisten Herero und Nama mit dem Rücken voran in die Zukunft laufen. Sie blicken auf die Vergangenheit, weil sie keine Zukunftsperspektive haben. Doch derzeit beharren alle Seiten auf ihrem Recht, kaum einer will eine Lösung finden.« Das deutsch-namibische Abkommen hält sie für einen ersten Schritt, aber unzureichend: »Ich habe mich gewundert, dass die namibische Regierung dem so zugestimmt hat«, sagt von Wietersheim.

Wie viel Geld ist angemessen als Wiedergutmachung für einen Völkermord? Wann ist zumindest ein Großteil der Betroffenen zufrieden? Die namibische Regierung versucht sich jedenfalls in Schadensbegrenzung: Das Abkommen sei nur ein Anfang, der Betrag könne später aufgestockt werden, hoffen einige Beteiligte. Doch der deutsche Außenminister Heiko Maas hat vergangene Woche im Bundestag klargemacht: Die Verhandlungen sind beendet, das war's. Die Situation bleibt verfahren.

100 Kilometer südlich von der Hamakari-Farm der Diekmanns schläft Festus Tjikuua in einem Zelt. Ein eigenes Haus hat er hier noch nicht, aber immerhin sein eigenes Land. Für die kommenden 99 Jahre wurde es an seine Familie verpachtet. Er gehört zu den wenigen Herero, die vom sogenannten Resettlement-Programm profitiert und eine Farm zugewiesen bekommen haben, immerhin 2000 Hektar.

Festus Tjikuua auf seiner Resettlement-Farm: Er war im so genannten Technical Committee an den Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia beteiligt

Festus Tjikuua auf seiner Resettlement-Farm: Er war im so genannten Technical Committee an den Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia beteiligt

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Im Rahmen dieses Programms kauft die namibische Regierung Land auf und verteilt es an »ehemals benachteiligte Bevölkerungsgruppen«, also die schwarze Bevölkerung. Auf seiner Farm hält Tjikuua nun Rinder, baut etwas Mais an. »Als ich hier angekommen bin, sah ich den Hügel, auf dem meine Großmutter begraben liegt. Das gibt mir meine Kraft zurück. Ich fühle mich meinen Vorfahren wieder näher«, sagt Tjikuua.

Der Farmer gehört zu den gemäßigteren Stimmen der Herero in Namibia. Er war selbst beratend an den Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung beteiligt, doch glücklich ist auch er nicht: »Das Geld ist nicht genug, das ist uns klar. Der Kauf von Land und die Erschließung von Wasser, um es zu bewirtschaften, ist teuer.« Dann zitiert Tjikuua ein afrikanisches Sprichwort: »Wenn man es schafft, die erste Zitze einer wilden Kuh zu melken, dann gelingt es irgendwann auch, alle vier zu erwischen.« Die wilde Kuh, das ist die Bundesrepublik Deutschland. Noch zeigt sie sich ziemlich stur.

Die Herero sehen das Gebiet um den Waterberg als ihr Ahnenland an, doch heute ist es weitgehend in privater Hand. Viele Farmer halten Rinder und Wildtiere wie diese Springböcke.

Die Herero sehen das Gebiet um den Waterberg als ihr Ahnenland an, doch heute ist es weitgehend in privater Hand. Viele Farmer halten Rinder und Wildtiere wie diese Springböcke.

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Als Festus Tjikuua vor drei Jahren die Farm zugewiesen bekam, gab es dort nicht viel. Die Vorbesitzer hatten das Land verlassen, das Bohrloch für Wasser war versiegt. »Die Regierung hat mir gesagt: Hier ist dein Land. Dann sind sie gegangen.« Viele Resettlement-Farmen sind in den vergangenen Jahren zugrunde gegangen, denn ohne nötige Unterstützung und Know-how sind die meisten Neu-Farmer überfordert.

Tjikuua hatte Glück: Er bekam Hilfe von seinem Nachbarn, einem Deutsch-Namibier. »Wir sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Wir sollten zeigen, dass wir uns versöhnen und friedlich zusammenleben können«, sagt Tjikuua. Doch beim Thema Genozid sei Schluss mit Verständigung – da kommen der Herero und sein deutschstämmiger Nachbar weiterhin auf keinen gemeinsamen Nenner.

Wilhelm Diekmann blickt von seinem Geländewagen aus auf die andere Seite des Zaunes

Wilhelm Diekmann blickt von seinem Geländewagen aus auf die andere Seite des Zaunes

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Selbst er will einen Ausbruch von Gewalt nicht ausschließen. Auf gewisse Weise könnte das Versöhnungsabkommen sogar zu einer Konfrontation beitragen. Derzeit wollen einige weiße Farmer ihr Land verkaufen – doch der Regierung fehlt das Geld, es zu erwerben und umzuverteilen. Dank des deutschen Fonds könnte sich das nun ändern. Die Regierung hätte dann sogar möglicherweise mehr finanzielle Mittel, als Land zum Verkauf steht – müsste also weitere Flächen auftreiben.

Doch dafür blieben nur zwei Optionen: Enteignung der weißen Farmer oder der Versuch einer gütlichen Einigung. »Das Land wurde uns mit unserem Blut entrissen«, sagt Festus Tjikuua, »warum können die weißen Farmer also nicht freiwillig etwas abgeben? Das wäre der Geist der Versöhnung.« Wenn das nicht gelinge, brauche es Enteignungen – mit Entschädigung. Es wäre eine politisch äußerst heikle, aber durchaus mögliche Konstellation: Deutschstämmige Farmer würden in Namibia enteignet – finanziert aus bundesdeutschen Mitteln des Versöhnungsabkommens.

Erfrischung für Touristen: Die Jagd- und Gästefarm Hamakari der Diekmanns zieht Besucher vor allem aus Deutschland an

Erfrischung für Touristen: Die Jagd- und Gästefarm Hamakari der Diekmanns zieht Besucher vor allem aus Deutschland an

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Wilhelm Diekmann hofft, dass es nicht so weit kommt. »Man kann über alles verhandeln, muss immer kompromissbereit sein, bevor es zu Gewalt kommt«, sagt er. Doch freiwillig einen Teil der Farm abtreten, das will er nicht. Höchstens einen gleichwertigen Tausch. »Die Debatte um den Völkermord treibt einen Keil in unser friedliches Zusammenleben«, meint der Farmbesitzer.

Auf der anderen Seite des Zaunes fragt man sich, welches friedliche Zusammenleben wohl gemeint sei: »Es gibt keinen Frieden zwischen uns. Sie werden uns nie erlauben, friedlich zu koexistieren«, sagt ein Dorfältester.

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Die Spuren des Genozids in Namibia

Foto: Willem Vrey / GGImages / DER SPIEGEL

Wenn es nach den beiden Regierungen geht, soll das deutsch-namibische Abkommen schnellstmöglich von den Parlamenten der beiden Staaten abgesegnet werden. Danach soll wohl Bundespräsident Steinmeier nach Namibia reisen, um eine offizielle Entschuldigung für den Völkermord auszusprechen. Dass dadurch Ruhe in den aufgeheizten Landkonflikt kommt, glaubt in Namibia kaum jemand.

Der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer forscht seit Jahrzehnten zum Völkermord in Namibia und dessen Folgen. Er ist sich sicher: Der Landkonflikt lässt sich ohnehin kaum bewältigen, es brauche ein Umdenken. »Wir müssen auch nach anderen Lösungen suchen, um den Menschen Wohlstand zu schaffen. Namibia müsste zu einer Art Singapur werden, einem Hightech-Standort in Afrika.« Doch mit dem deutsch-namibischen Abkommen sei das nicht zu leisten.

Mitarbeit: Tileni Mongudhi

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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