Saudi-Arabiens Stadt der Zukunft Vertreibung für die Mega-City

Die Stadt Neom ist ein Lieblingsprojekt des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Sie kostet 500 Milliarden und wird 30 Mal so groß wie New York. Zehntausende müssen dafür ihre Dörfer verlassen.
Hier soll die Zukunft entstehen: Neom, eine künstliche Megacity in Saudi-Arabien

Hier soll die Zukunft entstehen: Neom, eine künstliche Megacity in Saudi-Arabien

Foto: Glen Carey/ Bloomberg/ Getty Images

Zehn Minuten bevor der Bauer Abdul Rahman Alhwaiti im Dorf Al-Khuraybah vom Dach seines Hauses steigt, das an diesem Morgen umringt ist von bewaffneten Spezialkräften, schickt er noch ein Video: "Jetzt holen sie mich", sagt er. "Sie werden mich töten, sie werden Waffen neben mich legen und sagen, ich sei ein Terrorist gewesen."

Es sind Alhwaitis letzte Worte. Kurz darauf ist das Rattern von Maschinengewehren zu hören. Dann ist das Leben des 47-jährigen Bauern ausgelöscht.

Alhwaiti hatte offen Widerstand geleistet gegen die Regierung in Riad, gegen die Vertreibung von seinem Land. Wie etwa noch 20.000 weitere Angehörige vom Stamm der Hwaitis sollte auch er einem der ehrgeizigen Prestigeprojekte des Kronprinzen Mohammed bin Salman im Nordwesten des Landes weichen: der Zukunftsstadt Neom.

"Neom wird auf unserem Blut und unseren Knochen gebaut", sagt die saudi-arabische Aktivistin Alya Alhwaiti dem SPIEGEL. Auch sie gehört zum Stamm der Hwaiti, der seit Hunderten von Jahren in der Gegend, in der Neom entstehen soll, lebt. Alya Alhwaiti ist außerdem die Person, der Abdul Rahman Alhwaiti immer wieder Botschaften über Bedrohungen durch den Staat sandte, die sie dann in die Welt schickte.

Mohammed bin Salman will Saudi-Arabien radikal transformieren

Mit dem Hashtag #JusticeforNeomVictims startete Alhwaiti nun vergangene Woche eine internationale Kampagne zum Schutz der Hwaitis. Sie erzählt die Geschichte vom Tod ihres Stammesangehörigen, wie sie die Betroffenen erzählen. Wie Regierungsvertreter den Hwaitis 2017 versprochen hatten, sie alle würden teilhaben an der Entwicklung von Neom und vom Fortschritt profitieren. Nun aber wolle man sie nur noch loswerden.

Hat sich einmal selbst als "Bulldozer" bezeichnet: Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Hat sich einmal selbst als "Bulldozer" bezeichnet: Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Foto: Bandar Algaloud/ Courtesy of Saudi Royal Court/ REUTERS

An jenem 13. April, als Abdul Rahman Alhwaiti starb, hieß es später in den Nachrichten, der Bauer selbst habe die Sicherheitskräfte angegriffen. Daraufhin sei der Mann wegen einer Schießerei und des Werfens von Molotowcocktails "neutralisiert" worden. Inzwischen wird Abdul Rahman Alhwaiti von vielen Arabern als "Märtyrer" verehrt. Denn sein von ihm selbst dokumentierter Leidensweg und Tod enthüllt, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Regierung in Riad die Verwirklichung von Neom vorantreibt, gegen die eigenen Bürger.

Kronprinz Mohammed bin Salman, der das Land de facto regiert, ist dabei, das Königreich radikal umzubauen. Das immer weniger sichere Ölgeschäft soll durch neue Industrien ersetzt werden wie Tourismus, Unterhaltung und erneuerbare Energien. Neom ist dabei einer der zentralen Bausteine dieser sogenannten Vision 2030:

  • Auf einer Fläche 30 Mal so groß wie New York City soll eine Art Miniaturstaat entstehen, mit eigenen Gesetzen, jenseits der strikten Scharia-Auslegung der saudi-arabischen Wahhabiten.

  • In der Megacity soll es mehr Roboter als Menschen geben. Anstatt Ausweisen und Schlüssel würden die Bewohner die Technologie der Gesichtserkennung nutzen. Die Kriminalität werde so minimiert.

  • Lufttaxis ersetzten die Straßen, die Gesundheitsvorsorge sei optimiert, ein Luxus-Seebad ist geplant und jede denkbare Art der Unterhaltung. Sogar Alkohol solle erlaubt sein, heißt es.

Dennoch ist unklar, ob die 500 Milliarden Dollar teure Traumstadt Neom überhaupt jemals realisiert wird. Die Corona-Pandemie hat das Land erfasst. Viele Großprojekte stehen still.

Drohnen-Taxi auf einer Neom-Ausstellung

Drohnen-Taxi auf einer Neom-Ausstellung

Foto: HAMAD I MOHAMMED/ REUTERS

Offenbar Drohungen aus Riad

Die Pandemie hat den zuletzt aufwendig beworbenen Tourismus im Keim erstickt. Nun dürfte die Geschichte vom gewaltvollen Tod des Bauern Abdul Rahman Alhwaiti die Bereitschaft internationaler Investoren, sich in Neom einzukaufen, kaum erhöhen.

Seit Alya Alhwaiti die Welt über Neom informiert, wird sie aus ihrer Heimat mit dem Tode bedroht, berichtet die Aktivistin. Ein Mann, den sie dem Umfeld des Kronprinzen zuordnet, habe sie gewarnt, sie solle sich in London nicht zu sicher fühlen. Ihr könne dort das gleiche Schicksal drohen wie dem Kritiker Jamal Khashoggi. Dies nähmen die britischen Sicherheitsbehörden "ernst", sagt sie.

Der Journalist Khashoggi war als Kritiker des Kronprinzen ins Exil gegangen, in die USA. Ein saudi-arabisches Hit-Team ermordete ihn schließlich im Oktober 2018 bei einem Besuch im königlichen Konsulat in Istanbul. Alhwaiti wird deshalb in London inzwischen von Scotland Yard geschützt.

Die Hwaitis jedenfalls glauben, dass die Erschießung des Bauern Abdul Rahman eine Warnung an sie alle gewesen sei. Von ihnen wagt deshalb keiner mehr, offen gegen die geplante Zwangsräumung der Dörfer aufzubegehren.

Alya Alhwaiti dagegen sagt, sie werde weiter ihre Stimme erheben. Hat sie keine Furcht? "Nein, mein Vater lehrte mich schon als kleines Kind das Reiten und Jagen", sagt sie. Dass sie es eines Tages mit den Mächtigsten ihres Landes würde aufnehmen müssen, hatte er dabei wohl nicht im Sinn.

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