Argentiniens rätselhafte Nisman-Affäre Im Netz der Spione

Der Tod des argentinischen Sonderstaatsanwalts Alberto Nisman ist auch nach fünf Jahren ungeklärt. Eine Dokumentation wirft nun neues Licht auf die Affäre.
Alberto Nisman 2004 auf dem Weg zum Prozess:

Alberto Nisman 2004 auf dem Weg zum Prozess:

Foto:

Fabian Marelli/ ZDF

Das Apartment ist eigentlich ein Schnäppchen. 850.000 Dollar möchte der Besitzer für die 136 Quadratmeter große Wohnung im 13. Stock der bewachten Wohnanlage "Torres Le Parc" im Herzen von Puerto Madero, dem teuersten Wohnviertel von Buenos Aires. Das ist weniger, als vergleichbare Immobilien in dieser Gegend kosten.

Dennoch haben sich bislang kaum Interessenten gemeldet. Und die wenigen, die es gab, schreckten zurück, als sie erfuhren, wer der Vorbewohner der Luxuswohnung war: Alberto Nisman, Sonderstaatsanwalt zur Aufklärung des Bombenattentats auf das jüdische Sozialwerk AMIA im Jahr 1994 in Buenos Aires, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen.

Die Geschichte um Nisman ist ein Krimi, der bisher ungelöst ist.

Vor fünf Jahren, am Abend des 18. Januar 2015, einem Sonntag, wurde Nisman in seiner Wohnung tot aufgefunden. Seine Mutter war zusammen mit seinen Leibwächtern in das Apartment eingedrungen, nachdem sie den ganzen Tag vergeblich versucht hatte, ihn zu erreichen. Sie fanden ihn auf dem Boden des Badezimmers, er lag in einer Blutlache, neben ihm eine Pistole und eine leere Patronenhülse. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.     

Ein Labyrinth aus Intrigen

War es Mord oder Selbstmord? Diese Frage bewegt Journalisten und Kriminalisten in der ganzen Welt. Der Fall Nisman ist Argentiniens Pendant zur Barschel-Affäre: eine offene Wunde, die nicht verheilen will.

Dutzende Bücher sind über Nismans Tod geschrieben worden. Jetzt kommt, rechtzeitig zum 5. Jahrestag, eine sechsteilige Serie ins deutsche Fernsehen, die gemeinsam von Netflix und dem ZDF produziert wurde. Die sechsstündige Mammutdokumentation ist mit Abstand das Beste, was bislang zu Nismans Tod veröffentlicht wurde. Sie löst das Rätsel zwar nicht. Aber sie liefert Spuren und Hinweise für eine plausible Erklärung für Nismans Tod.

Der britische Filmautor und Emmy-Preisträger Justin Webster hat Dutzende Zeugen und Experten in Argentinien und den USA befragt, nur zu den Hauptverdächtigen des AMIA-Attentats hatte er keinen Zugang. Die Aussagen seiner Interviewpartner hat er mit Archivaufnahmen zu einem faszinierenden Mosaik zusammengefügt. Es ist ein schwieriger, extrem komplexer Stoff; aber Webster hat ihn so spannend aufbereitet, dass die sechs Stunden wie im Flug vergehen.  

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ZDF-Dokureihe "Nisman - Tod eines Staatsanwalts"

Foto: Lucas Gath/ ZDF

Die Spuren, denen er folgt, führen in ein Labyrinth aus Intrigen, Beschuldigungen und Halbwahrheiten, aus dem kaum ein Betroffener unbeschadet entkommt, selbst wenn er unschuldig ist. Webster legt den Sumpf der Geheimdienste offen, auf dem diese Affäre gedeihen konnte; er zeigt eine hilflose und politisierte Justiz, und er entblößt die Medien, die unter dem Vorwand des Investigativjournalismus mit dem Thema Nisman politische Kampagnen führten.

Der Tod Nismans hat die argentinische Gesellschaft in zwei verfeindete politische Lager gespalten. Denn der Staatsanwalt hatte es wenige Tage vor seinem Tod gewagt, die damalige Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner anzuklagen: Die Linkspopulistin, die in Argentinien alle nur "Cristina" nennen, habe die Aufklärung des AMIA-Attentats vereitelt, behauptete Nisman. Das Motiv, so Nisman: Cristina wollte die Beziehungen zu Iran verbessern, den Nisman für den AMIA-Anschlag verantwortlich machte.

Die Beweislage für diese Hypothese ist nach Ansicht unabhängiger Juristen äußerst dünn, doch Nisman ließ sich nicht davon abbringen. Websters Film enthält zahlreiche Hinweise, wie und warum sich der Staatsanwalt zu dieser These verstieg - und liefert damit eine plausible Erklärung für dessen möglichen Selbstmord.  

Nisman war im Jahr 2005 von Cristinas 2010 verstorbenem Mann und Amtsvorgänger Nestor Kirchner eingesetzt worden. Er sollte endlich Licht in das AMIA-Attentat bringen, nachdem der erste Prozess geplatzt war: Der ermittelnde Richter hatte den Hauptzeugen bestochen, damit er vier Polizisten beschuldigte.

Nisman, der während des Verfahrens zu dem Team der Staatsanwälte gehörte, kam als einziger unbescholten aus der Affäre heraus. Kirchner, der 2003 sein Amt angetreten hatte, betraute ihn mit den Ermittlungen. Nisman verfolgte eine neue Hypothese: Die Verantwortlichen für das Attentat seien in Iran zu suchen. Ein Selbstmordattentäter der mit Teheran verbündeten Hisbollah-Miliz, so Nisman, habe den weißen Renault-Lieferwagen mit der Bombe vor das AMIA-Gebäude gefahren.

Kirchner ließ sich von Nisman überzeugen. Die argentinische Regierung prangerte Teheran öffentlich an. Auch Cristina, die 2007 zur Präsidentin gewählt wurde, unterstützte Nisman. Doch sie ärgerte sich, dass es mit dem Prozess nicht voranging.

Die iranische Regierung bestritt ihre Beteiligung an dem Attentat und lieferte die beschuldigten Staatsbürger nicht aus. Deshalb verhandelte Außenminister Hector Timerman ohne Nismans Wissen mit seinem iranischen Amtskollegen ein Abkommen. Es sollte Nisman ermöglichen, die Beschuldigten im Iran zu befragen und sah die Einsetzung einer gemeinsamen "Wahrheitskommission" vor. So erläuterte es der schwerkranke Timerman kurz vor seinem Tod dem Filmautor Webster, so hatte er es vor vier Jahren auch dem SPIEGEL erzählt.

Als Nisman von den geheimen Gesprächen erfuhr, tobte er. Obwohl das Abkommen für verfassungswidrig erklärt wurde und nie in Kraft trat, diente es ihm als Grundlage für seine Anklage gegen Cristina.

Am Montag nach seinem Tod sollte Nisman eigentlich seine Anklage im argentinischen Kongress erläutern, auf Einladung zweier Abgeordneten der Opposition. Sie sind ebenso wie Teile der argentinischen Gesellschaft überzeugt, dass die Präsidentin und ihr inzwischen verstorbener Außenminister Nisman ermorden ließen.

Doch es gibt keine Beweise für die Mordtheorie. Das ist jedenfalls der Befund der Staatsanwältin Viviane Fein, die die Ermittlungen im Todesfall Nisman leitete. Fein hatte sich den Fall nicht ausgesucht; er landete bei ihr, weil sie zufällig Dienst hatte, als der prominente Tote gefunden wurde.

Fein ist eine bedächtige, erfahrene Juristin. Ihre Aussagen ziehen sich wie ein roter Faden durch die sechs Fernsehstunden der Dokumentation. Fein ließ jedes Detail filmen und fotografieren, bevor sie den Tatort betrat. Es gebe keine Hinweise, dass sich eine weitere Person während des vermutlichen Todeszeitpunkts in dem Badezimmer aufgehalten habe, versicherte sie bereits vor vier Jahren gegenüber dem SPIEGEL. Fein: "Alles weist auf einen Tod ohne Fremdverschulden hin".

Doch das focht ihre Gegner nicht an. Nismans Ex-Frau, eine Bundesrichterin, bestellte eigene Gutachter. Ohne die Leiche oder den Tatort jemals gesehen zu haben, befanden sie: Es war Mord. In dem politisch vergifteten Ambiente, das damals in Argentinien herrschte, fanden ihre Aussagen ein breites Echo. Zehntausende strömten zu Massendemonstrationen.

Den Verschwörungstheoretikern kam entgegen, dass die Selbstmordhypothese eine Schwachstelle aufwies: Es fehlte ein Motiv. "Nisman war selbstverliebt, ein Narziss", sagte seine Ex-Frau im Fernsehen. "Ein Selbstmordtyp war er nicht".

Nisman war ein lebenslustiger Junggeselle, er war Stammgast in einem der teuersten Nachtclubs von Buenos Aires und Teil des Jetsets der argentinischen Hauptstadt. Erst nach seinem Tod wurde die dunkle Seite des Starjuristen bekannt. Webster legt offen, was die argentinische Presse nur am Rande erwähnte: Nisman lebte über seine Verhältnisse; sein opulenter Lebensstil war mit seinem Einkommen nicht vereinbar. Er hatte ein Bankkonto in den USA mit über 600.000 Dollar, deren Herkunft ungeklärt waren.

Hinzu kommt: Nismans Beweisführung in Sachen AMIA und der Anklage gegen Cristina beruhte allein auf Informationen, die ihm von einer der schillerndsten und obskursten Figuren der jüngeren argentinischen Vergangenheit zugespielt wurden: Antonio Horacio alias "Jaime" Stiuso, dem Chef der "operativen Abteilung" des argentinischen Geheimdiensts Side.

Stiuso ist eine Schlüsselfigur in der Nisman-Affäre. Er war bereits zu Zeiten der Militärdiktatur im Geheimdienst aktiv und hatte kompromittierende Dossiers über zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens angelegt.

Stiuso munitionierte Nisman mit angeblichen "Belegen" gegen die Präsidentin. Nisman berauschte sich offenbar an den vermeintlichen Beweisen, die Stiuso ihm zusteckte. Dabei hielten viele der Informationen einer näheren Prüfung nicht stand.

Am Tag vor seinem Tod versuchte Nisman mehrmals, Stiuso anzurufen. Wenn die Informationen des Geheimdiensts sich als falsch erwiesen hätten, wäre Nismans Anklage in sich zusammengebrochen. Der Staatsanwalt hätte sich vor dem Kongress und der Weltöffentlichkeit blamiert, seinen Job wäre er wohl losgeworden. Hat er sich deshalb das Leben genommen?

Das erscheint nach der sechsstündigen Dokumentation Websters als plausibelste Erklärung für einen möglichen Selbstmord - und es deckt sich mit den Recherchen des SPIEGEL und anderer internationaler Medien. Webster entzaubert Nisman, der Film lässt ihn als Marionette im Intrigenspiel der Geheimdienste erscheinen.

Webster geht noch weiter: Auch die Beweislage im Fall AMIA ist offenbar nicht so eindeutig. Demnach gibt es keine Beweise, dass Iran für das Attentat verantwortlich ist. Nisman habe nicht ergebnisoffen ermittelt, sondern sei von vornherein auf die Täterschaft Irans fixiert gewesen, kritisiert ein FBI-Agent im Film.

Die meisten Angehörigen der 85 Opfer des Bombenanschlags haben längst die Hoffnung aufgegeben, dass jemals die Wahrheit herauskommt. Sie hatten schon vor Nismans Tod das Vertrauen in den Staatsanwalt verloren.

Der Fall Nisman, der unter dem konservativen Präsidenten Mauricio Macri der Bundesjustiz übertragen wurde, wird vermutlich im Sande verlaufen. Auch die wackelige Anklage gegen Cristina hat kaum eine Chance: Sie ist als Vizepräsidentin unter dem peronistischen Staatschef Alberto Fernández an die Regierung zurückgekehrt und genießt parlamentarische Immunität.

Nach über 25 Jahren stehen die Ermittlungen in einem der schlimmsten Bombenattentate der lateinamerikanischen Geschichte erneut vor dem Nullpunkt. Das ist der eigentliche Skandal der Affäre Nisman.

Die Serie "Nisman - Tod eines Staatsanwalts" wird ab 31. Januar auf dem ZDF-Infokanal ausgestrahlt und ist in der ZDF-Mediathek zugänglich .