Kosten, Verteilung, Wirksamkeit Was kann der neue Malaria-Impfstoff?

Die WHO feiert ihn als Meilenstein für das öffentliche Gesundheitswesen: Der erste Malaria-Impfstoff »RTS,S/AS01« kann nun eingesetzt werden. Für wen er geeignet ist und warum er noch kein Wundermittel ist.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Impfung gegen Malaria: Seit 2019 laufen Pilotversuche in Ghana, Kenia und Malawi

Impfung gegen Malaria: Seit 2019 laufen Pilotversuche in Ghana, Kenia und Malawi

Foto: Karel Prinsloo / AP
Globale Gesellschaft

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Vor fast 40 Jahren begannen Forscher über einer kühnen Idee zu brüten: Was, wenn sich die Tropenkrankheit Malaria durch eine Impfung bekämpfen ließe? Die Idee wurde zu einem der bedeutendsten Forschungsvorhaben des modernen Gesundheitswesens. Doch es folgten zahllose herbe Enttäuschungen, Versuch um Versuch scheiterte. Malaria blieb eine der tödlichsten Krankheiten unserer Zeit. Zu komplex, zu wandlungsfähig ist der gefürchtete Parasit, der Malaria auslöst. Unter einigen Experten galt der Plan gar als aussichtslos.

Ende vergangener Woche verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließlich den lang ersehnten Durchbruch: Sie empfiehlt ab sofort den Impfstoff »RTS,S/AS01«, auch »Mosquirix« genannt, entwickelt vom britischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline. Er soll Babys und Kleinkindern, die von der Krankheit besonders betroffen sind, verabreicht werden. »Das ist der erste Impfstoff gegen eine parasitäre Erkrankung überhaupt. Das ist wirklich aufregend«, sagt der Leiter des afrikanischen WHO-Impfprogramms Richard Mihigo im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Doch ein Wundermittel ist »RTS,S/AS01« nicht, eher eine Art Prototyp. Denn die Wirksamkeit des Impfstoffs liegt nur bei 30 bis 40 Prozent, das heißt nicht einmal die Hälfte der schweren Erkrankungen kann damit verhindert werden. »Aber wenn man bedenkt, dass Malaria eine der Haupttodesursachen für Kinder unter fünf Jahren in Afrika ist, dann ist der Nutzen für das Gesundheitswesen trotzdem riesig«, meint Impfexperte Mihigo. Zehntausende Todesfälle könnten damit jedes Jahr verhindert, Krankenhäuser entlastet werden.

Der Impfstoff »RTS,S/AS01« könnte laut WHO künftig Zehntausende Todesfälle verhindern

Der Impfstoff »RTS,S/AS01« könnte laut WHO künftig Zehntausende Todesfälle verhindern

Foto: JAMES KEYI / REUTERS

Die Ergebnisse der klinischen Studien für »RTS,S/AS01« lagen eigentlich schon vor acht Jahren vor. Doch es blieben viele Fragen offen, vor allem zum Kosten-Nutzen-Verhältnis und zu Nebenwirkungen. Der Impfstoff wird in vier Dosen verabreicht – ein großer Aufwand, vor allem für marode Gesundheitssysteme. Um herauszufinden, ob das in der Praxis funktioniert, wurden schließlich große Pilotversuche gestartet. Insgesamt 800.000 Kindern in Ghana, Kenia und Malawi wurde »RTS,S/AS01« verabreicht. Am Ende war die WHO vom praktischen Nutzen überzeugt.

Die kenianische Malaria-Expertin Faith Osier begleitet die Forschungen zum Impfstoff seit Jahren, hat die klinischen Studien betreut. »Das ist eine großartige Nachricht für Afrika«, sagt sie. »Dieser Impfstoff ist zu mindestens 80 Prozent afrikanisch, die entscheidenden Studien und Tests fanden hier statt, durchgeführt von afrikanischen Wissenschaftlern. Das zeigt, dass wir nicht nur wie die Kaninchen vor der Schlange sitzen, sondern wir tragen zu den Lösungen bei.«

Auch der WHO-Impfverantwortliche Richard Mihigo sieht einen Durchbruch für den Kontinent: »Der Malaria-Impfstoff zeigt, dass wir hier in Afrika Impfstoffe entwickeln könnten. Es braucht nur die nötigen Ressourcen und die richtigen Schwerpunkte.«

Doch viele Regierungen investieren bislang lieber in prestigeträchtige Infrastrukturprojekte als in das Gesundheitswesen. Das könnte nun auch bei der Anwendung von »Mosquirix« zum Problem werden. Denn der Impfstoff muss dahin, wo Malaria am stärksten wütet: in die abgelegenen Dörfer, die ärmeren Gegenden des Kontinents.

Der Parasitologe Fredros Okumu gehört zur WHO-Expertengruppe, die »RTS,S/AS01« unter die Lupe genommen hat. Auch er hält die Vakzine für einen Durchbruch, sieht aber noch viele Hürden auf dem Weg zur flächendeckenden Versorgung: »Wir werden den Nutzen des Impfstoffs nur auskosten können, wenn wir die Schwächen unserer Gesundheitssysteme in den Griff bekommen. Dort wird sich die Schlacht entscheiden. Und diese Aufgabe wird uns auf Jahre beschäftigen.«

Denn Impfen ist teuer und viele Staaten hängen von externen Mitteln ab. Eine zentrale Rolle spielt dabei die internationale Impfallianz Gavi, die Gelder für Impfungen einwirbt und anschließend die Vakzine verteilt. Die Entwicklungsländer müssen die Kosten hierfür anteilig mittragen. Im Dezember soll darüber entschieden werden, ob »RTS,S/AS01« in das Gavi-Programm aufgenommen wird. Auch müssen die einzelnen Staaten entscheiden, ob sie den Malaria-Impfstoff überhaupt nutzen wollen.

Sie bleiben im Kampf gegen Malaria unerlässlich: Moskitonetze

Sie bleiben im Kampf gegen Malaria unerlässlich: Moskitonetze

Foto: Wendy Stone / Corbis / Getty Images

Expertin Faith Osier geht davon aus, dass viele Gesundheitsbehörden die Vakzine nur punktuell einsetzen werden. »Die Länder müssen sich jetzt überlegen, wie und wo der Impfstoff verabreicht wird, vermutlich konzentrieren sie sich auf die am stärksten betroffenen Regionen«, meint Osier. Ein genauer Preis für den Impfstoff steht noch nicht fest, die Pharmafirma GlaxoSmithKline hat aber bereits versprochen, nicht mehr als fünf Prozent Profit mit der Vakzine machen zu wollen.

Zunächst soll »Mosquirix« in den drei Ländern genutzt werden, in denen bereits die Pilotversuche laufen. Dort will man den Impfstoff schrittweise in immer mehr Provinzen anwenden. Wenn das klappt, könnten auch andere Länder zum Zug kommen. Doch dafür würden Hunderte Millionen Impfdosen benötigt, eine immense Summe. Laut WHO will die britische Pharmafirma GlaxoSmithKline unter anderem in Indien produzieren lassen. »Aber wir sollten perspektivisch darüber verhandeln, ob der Impfstoff auch hier in Afrika produziert werden kann«, sagt der Leiter des WHO-Impfprogramms Richard Mihigo. Fest steht: Bis zur flächendeckenden Anwendung von »RTS,S/AS01« werden eher Jahre als Monate vergehen.

Zumindest bei den Pilotversuchen gab es ein Problem immerhin nicht: Impfskepsis. »Alle Familien kennen den Schmerz, den Malaria verursacht. Den Schmerz, ein Kind zu verlieren oder zu sehen, wie es dauerhafte neurologische Schäden davonträgt. Wer das erlebt hat, der sehnt sich nach einer Lösung«, sagt Malaria-Forscherin Faith Osier. Aber sie betont auch: »RTS,S/AS01« ist nur ein Anfang. Es müssen neue, bessere Impfstoffe gefunden werden. Doch es ist Hoffnung in Sicht: Weitere Vakzin-Kandidaten sind in der Entwicklung, erste Studien versprechen bereits eine höhere Effizienz.

Malaria ist einer der tödlichsten Krankheiten der Welt. Mehr als 260.000 Kinder unter fünf Jahren fallen ihr laut WHO jährlich zum Opfer

Malaria ist einer der tödlichsten Krankheiten der Welt. Mehr als 260.000 Kinder unter fünf Jahren fallen ihr laut WHO jährlich zum Opfer

Foto: Vito Finocchiaro / ZUMA Wire / IMAGO

Der Druck ist hoch: Immer mehr Medikamente gegen Malaria werden weitgehend wirkungslos, weil die Patientinnen und Patienten eine Immunität entwickelt haben. Die Erfolge der vergangenen Jahre flachen zusehends ab. Viele afrikanische Wissenschaftler kämpfen deswegen auch an anderer Front weiter, entwickeln technische Innovationen, die Moskitos abtöten oder Malaria schneller erkennen können. »Es ist jetzt wichtig, dass wir die weiteren wirksamen Mittel im Kampf gegen Malaria, vor allem die Moskitonetze, nicht aus dem Blick verlieren«, warnt Forscher Fredros Okumu.

Die Pilotversuche in Kenia haben immerhin gezeigt: Die Eltern der geimpften Kinder haben auf die Netze auch nach der Spritze nicht verzichtet. Andererseits hat laut WHO die Vakzine auch die Haushalte erreicht, die kein Moskitonetz zur Verfügung hatten. Kein Wundermittel also, aber ein Werkzeug mehr im Kampf gegen eine der tödlichsten Krankheiten unserer Zeit.

*Transparenzhinweis: »RTS,S/AS01« wurde unter anderem mit Geldern der Bill & Melinda Gates Stiftung entwickelt, die auch das Projekt Globale Gesellschaft finanziert, im Rahmen dessen dieser Artikel erscheint. Eine redaktionelle Einflussnahme fand und findet nicht statt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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