Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen In Europa geht Corona jetzt erst richtig los

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Ressortleiter Ausland

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit den explodierenden Zahlen in Deutschlands Nachbarländern, außerdem ziehen wir zwei Wochen vor der US-Wahl eine kleine Zwischenbilanz.

Was in zwei Wochen noch alles passieren kann

Es sind nur noch 15 Tage bis zur US-Wahl. Oder besser gesagt: In 15 Tagen ist die US-Wahl vorbei. Denn gewählt wird jetzt schon fast im ganzen Land - und die Menschen beteiligen sich in absoluter Rekordzahl am "Early Voting". Ob wir in der Nacht vom 3. auf den 4. November schon wissen, wer die Wahl gewonnen hat, ist wegen der vielen Briefwahlstimmen höchst ungewiss. Im Moment liegt Joe Biden in den Umfragen aber so deutlich vor Donald Trump, dass selbst der Präsident schon davon spricht, dass er die Wahl verlieren könnte - und jammert, dass "der schlechteste Kandidat der Geschichte"  gegen ihn gewinnen könnte. Er begeistert im Wahlkampf seine Fans, aber es fällt ihm schwer, eine Botschaft zu formulieren, die Unentschiedene auf seine Seite zieht. Mit zweifelhaften Geschichten über einen angeblichen Laptop von Joe Bidens Sohn  will Trump nun wieder ein Ereignis schaffen, das an die gehackten E-Mails der Demokraten von 2016 erinnert - doch für die angeblichen, nicht verifizierten E-Mails von Hunter Biden interessiert sich bisher nur Trumps Basis.

Es wäre aus Sicht der Demokraten aber ein Fehler, sich in Gewissheit über den Wahlausgang zu wiegen. In zwei Wochen kann viel geschehen. Die hohe Zahl an Briefwahlstimmen erhöht zudem die Unsicherheit darüber, ob am Ende alle Stimmen gleichermaßen gezählt werden - die Demokraten wählen in weit größerer Zahl per Brief. Aber Briefwahlstimmen wurden immer schon zu einem größeren Prozentsatz für ungültig erklärt; das kann nun plötzlich eine Rolle spielen. Schließlich könnten sich auch die Umfragen selbstverständlich als grob falsch erweisen. Beim letzten Mal waren sie zwar - entgegen der Legende - auf nationaler Ebene relativ akkurat, aber in wahlentscheidenden Bundesstaaten lagen sie daneben. Mein Kollege Alexander Sarovic erklärt Ihnen hier, was man über die Umfragen wissen muss und was anders ist als vor vier Jahren.

Wir haben beim SPIEGEL für die Berichterstattung vor der Wahl ein großes Team in Bewegung gesetzt, das in den Wochen vor und nach dem 3. November aus den USA berichtet - und erzählt, wie die Stimmung bei den Menschen vor Ort ist. Elf Reporterinnen und Reporter sind unterwegs, vor allem in den wahlentscheidenden Swing States. Hören Sie hier unseren Auslandspodcast "Acht Milliarden" über die Panik der Republikaner in Northampton County in Pennsylvania:

Die laxen Staaten entdecken die Pandemie

Mit einer gewissen Selbstzufriedenheit schauten die Europäer in den vergangenen Monaten in die USA: Donald Trump hatte das Land mit seinem miserablen Pandemie-Management in eine endlose Krise geführt. Dagegen schafften es die Europäer, die Infiziertenzahlen einigermaßen niedrig zu halten. Das ist vorbei. In Deutschland sind die Zahlen verglichen mit den Nachbarländern trotz des jüngsten Anstiegs immer noch relativ niedrig.

Im restlichen Europa gehen die Zahlen geradezu verstörend schnell durch die Decke – in Tschechien, in den Niederlanden, in Frankreich, neuerdings auch in der Schweiz. Nicht alle, aber manche der Länder, die nun ein besonders rasantes Wachstum sehen, haben in den vergangenen Monaten betont lax auf das Virus reagiert: In der Schweiz ließ man nach dem anfänglichen Shutdown sehr schnell wieder große Veranstaltungen zu, nur sporadisch waren in der Öffentlichkeit Masken zu sehen, auch jetzt handelt die Regierung eher bedächtig - erstmals wird eine Maskenpflicht an Bahnhöfen oder in Supermärkten eingeführt, aber größere Veranstaltungen bleiben erlaubt. Für viele europäische Länder beginnt die Pandemie wohl erst jetzt so richtig. Viele Regierungen werden sich in den kommenden Tagen und Wochen vor harte Entscheidungen gestellt sehen.

In unserer Titelgeschichte können Sie lesen, warum auch Deutschland ein neuer Shutdown droht  und was ihn noch verhindern kann. In China dagegen ist Corona zumindest für den Moment praktisch vorbei. Unser Peking-Korrespondent Georg Fahrion beschreibt hier, wie sich sein Lebensgefühl in China von dem in Europa unterscheidet:

DER SPIEGEL 43/2020

Albtraum Lockdown

Warum jetzt doch droht, was alle ausgeschlossen haben

Zur Ausgabe

Vorbild Neuseeland?

Es gibt mindestens noch ein Land, in dem Corona zumindest für den Moment besiegt ist: das höchst demokratisch regierte Neuseeland. Jacinda Ardern, die Premierministerin, hat am Wochenende mit einem historischen Erdrutschsieg die Wiederwahl gewonnen: Ihre Labour-Partei hat 49 Prozent der Stimmen geholt. Schon nach dem Attentat von Christchurch hatte Ardern das Land gut durch die Krise geführt. Als die Corona-Pandemie begann, setzte sie auf einen landesweiten Lockdown und eine Grenzschließung - mit Erfolg. Ardern ist ein politisches Ausnahmetalent: nahbar, modern, populär. Sie ist zu einer globalen Berühmtheit und einer Ikone der Linken geworden - und das Wahlergebnis ist in erster Linie ihrer persönlichen Popularität zu verdanken. Aber vielleicht werden manche europäischen Sozialdemokraten sich fragen, ob es etwas zu lernen gibt von dieser Politikerin, die perfekt zum Zeitgeist passt, klare Botschaften zum Klima und zur Gleichberechtigung transportiert – und gleichzeitig an die Mitte der Gesellschaft appelliert.

Gewinner des Tages…

…sind die Demonstrierenden von Minsk, die auch an diesem Sonntag wieder zu Zehntausenden mit ihrem Protest gegen die manipulierte Wiederwahl von Präsident Alexander Lukaschenko die Straßen der Hauptstadt füllten - trotz massiver Drohungen, Gewalt und Festnahmen. Die Proteste lassen nicht nach. Sie sind immer noch so groß, dass der Staat sie nicht einfach mit Repression beenden kann. Sie sind auch nicht groß genug, als dass Lukaschenko stürzen würde. Doch die Beharrlichkeit und Friedfertigkeit der Menschen ist beeindruckend. Ich möchte Ihnen dazu zwei Texte von SPIEGEL-Kollegen empfehlen: Timofey Neshitov hat in Minsk die 73-jährige Urgroßmutter Nina Baginskaja  begleitet, die schon seit zwei Jahrzehnten gegen Lukaschenko protestiert und für viele junge Menschen im Land zur Ikone wurde. Und Katrin Kuntz beschreibt, wie das benachbarte Litauen zum Zufluchtsort und zur Basis für belarussische Oppositionelle wurde , die aus ihrer Heimat ins Exil fliehen mussten. Sie traf unter anderem auch Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja.

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