Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen Fünf Gründe, warum Trump noch gewinnen könnte

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Ressortleiter Ausland

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit Kamala Harris, der Vizepräsidentschaftskandidatin von Joe Biden - und mit den fünf Gründen, warum Donald Trump die Wahl doch noch gewinnen könnte. Außerdem geht es um Putins Impfstoff, die Demonstrationen in Belarus und die Diktatorenfreunde unter Deutschlands Linken.

Kamala Harris, Bidens "Veep"

Im Juni 2019, bei der zweiten TV-Debatte der Demokraten, warf Kamala Harris den damaligen Favoriten Joe Biden mit einem emotionalen, harten Angriff aus der Bahn: Sie attackierte ihn, weil er mit Rassisten zusammengearbeitet habe. Nun hat Biden sich für Harris als seine Vizepräsidentschaftskandidatin entschieden: eine schwarze Frau, demokratische Senatorin, langjährige Staatsanwältin von Kalifornien. Mit Harris hat Biden keine überraschende oder mutige, aber eine solide Wahl getroffen: In der Zeit der Black-Lives-Matter-Proteste hätte ein großer Teil der Basis ihn kritisiert, wenn er eine weiße Frau gewählt hätte.

Zugleich ist Harris keine Vertreterin des linken Lagers, von dem Biden sich fernzuhalten versucht, sondern eine Vertreterin der Mitte. Wenn Mike Pence und Kamala Harris am 7. Oktober in der einzigen TV-Debatte der Vizes aufeinandertreffen, wird er es schwer haben: Sie kann sehr angriffslustig sein.

Eigentlich war Biden immer berühmt für seine "gaffes", seine Fehltritte. Aber seinen Wahlkampf kennzeichnet bisher vor allem, dass er zwar nicht inspiriert, aber auch kaum Fehler macht. Das trifft auch auf die Wahl von Harris zu.

Wie Trump noch gewinnen kann

Im Moment spricht vieles dafür, dass Donald Trump die Wahl am 3. November verlieren wird. Die nationalen Umfragen sehen Biden seit zwei Monaten rund acht Prozent vor dem Präsidenten . Selbst in Bundesstaaten mit vielen weißen Arbeitern, die Trump vor vier Jahren klar gewann, ist Biden konstant der klare Favorit - so liegt er in Wisconsin  seit Mai um mindestens fünf Prozent vorn. Dennoch ist Vorsicht angebracht. Aus mindestens fünf Gründen könnte Trump die Wahl doch noch gewinnen:

Erstens ist es in US-Wahlkämpfen traditionell so, dass das Rennen kurz vor dem Wahltag noch einmal enger wird, Bidens Vorsprung wird also wohl noch kleiner werden - national, damit aber auch in den entscheidenden Swing States.

Zweitens ist das amerikanische Wahlsystem so angelegt, dass Trump als Republikaner aus strukturellen Gründen im Vorteil ist: Wenn Biden national mit drei oder vier Prozentpunkten vorn liegt, hat Trump dank des Wahlmännersystems immer noch gute Chancen, nach Bundesstaaten zu gewinnen.

Drittens wird die Zahl der Briefwahlstimmen durch die Pandemie massiv zunehmen - und hier liegt ein großer Unsicherheitsfaktor: Es werden in den USA bisher schon mehr briefliche Stimmen für ungültig erklärt als persönlich abgegebene. Zudem versucht Trump, deren Legitimität generell anzuzweifeln  und die Zuverlässigkeit der US-Post zum Wahltag hin zu sabotieren. Eine lange juristische Auseinandersetzung könnte die Folge sein.

Viertens könnte immer noch ein unvorhergesehenes Ereignis die Wahl umkrempeln - ein Skandal, ein Terrorangriff, auch die Pandemie könnte sich zum Wahltag unerwartet massiv abschwächen, die Wirtschaft schnell anspringen.

Und fünftens könnten die Umfragen komplett falsch sein (das waren sie allerdings, entgegen einer weitverbreiteten Meinung, vor vier Jahren nicht - die nationalen Umfragen stimmten, in einigen Bundesstaaten waren sie falsch).

Warum haben Deutschlands Schulen nichts gelernt?

Es sind die Tage des Schulbeginns in Deutschland. Das Land streitet über Masken, Abstandsregeln und andere Corona-Maßnahmen in Schulen - weil kaum irgendwo etwas vorbereitet ist . Und weil es keine einheitlichen Regeln gibt. Ab heute geht es nun auch in Nordrhein-Westfalen los, im einzigen Bundesland, das eine Maskenpflicht im Unterricht an allen Schulen vorschreibt. Anderswo gilt sie nur für bestimmte Stufen oder nur auf den Fluren, in manchen Bundesländern ist gemeinsames Singen verboten, anderswo erlaubt.

Verblüffend ist dabei nicht nur das föderalistische Durcheinander - sondern auch wie wenig man in Deutschland systematisch die Erfahrungen anderer Länder berücksichtigt hat. Wie man es besser nicht machen sollte, zeigt etwa Israel, wo es im Mai direkt nach der Wiedereröffnung der Schulen zu mehr als 200 Infektionen kam, insbesondere an einem Gymnasium. Das zeigte, dass bei älteren Schülern die Verbreitungsgefahr offenbar deutlich höher ist als bei jüngeren. Dänemark und Norwegen sind dagegen Positivbeispiele: Sie öffneten die Schulen im April zunächst nur für jüngere Kinder - und setzten auf Abstände zwischen Pulten und auf verkleinerte Klassen, aber nicht auf Masken. In den beiden nordischen Ländern gab es kaum neue Corona-Fälle an Schulen.

Story des Tages: Autokraten und ihre Impfstoffe

Getestet an Affen, Militärs und sogar an Putins Tochter: Die Nachricht, dass Russland einen nicht ausreichend geprüften Impfstoff gegen Corona zulässt, ging gestern um die Welt. Was Putin als "Sputnik"-Moment verkauft, ist in Wahrheit ein hochriskantes Spiel mit der Gesundheit von Menschen. Was dahinter steht, haben meine SPIEGEL-Kollegen recherchiert: Nicht nur Russland, sondern auch China und Indien überspringen Testphasen, um im Wettrennen um einen Impfstoff vorn zu sein. Forscher probieren Mittel an Soldaten aus - oder gleich an sich selbst.

Gewinnerin des Tages…

…ist Swetlana Tichanowskaja, die vermutlich um ihren Wahlsieg betrogene belarussische Präsidentschaftskandidatin der Opposition. Ein Video von ihr, das vom Regime des Diktators Alexander Lukaschenko verbreitet wurde, verdeutlichte noch einmal das unmenschliche Gesicht des Regimes: Es zeigt Tichanowskaja, wie sie im Büro der Wahlbehörde von einem Blatt abliest. Sie ruft die Belarussen auf, die Gesetze zu achten, nicht auf Straßen und Plätze zu gehen, sich nicht der Polizei zu widersetzen.

Sie war offensichtlich stark unter Druck gesetzt worden, das Regime hält Tichanowskajas Mann seit Mai in Haft. Nach ihrem stundenlangen Aufenthalt bei der Wahlbehörde ging sie ins wohl erzwungene Exil nach Litauen. Tichanowskaja hat ihre Rolle erfüllt - sie war nie Politikerin, sondern trat nur nach der Verhaftung ihres Mannes an. Dennoch konnten sich die wütenden Menschen im Land auf sie einigen. Doch die Aufständischen brauchen keine Führerfigur. Die Demokratieproteste gingen trotz Tichanowskajas Ausreise und ihrer Videobotschaft auch in der Nacht auf heute im ganzen Land weiter.

Verlierer des Tages…

…ist Andrej Hunko, der Vizechef der Linksfraktion im Bundestag, der sich nicht zum ersten Mal als Diktatorenversteher betätigt. Er teilt zur Lage in Belarus mit: "Zu glauben, dass Lukaschenko keinerlei Unterstützung habe, weil Umfragen unter Exilierten dies nahelegen, ist jedoch naiv". Hunkos wichtigste Botschaft angesichts der manipulierten Wahl und der brutalen Niederschlagung von Protesten ist, dass Lukaschenko sehr wohl Unterstützung im Volk habe. Die Aussage reiht sich ein in seinen Besuch bei den prorussischen Separatisten in der Ostukraine 2015, den diese propagandistisch nutzten, und seine elftägige Visite bei Venezuelas Autokrat Nicolas Maduro 2019, der ihn wie einen Staatsgast empfing. Die Linke darf sich dank der SPD-Spitze diese Woche wieder Hoffnungen auf eine Regierungsbeteiligung machen - die folkloristische Zuneigung der Parteilinken zu Diktatoren, die ihre Bürger hungern lassen (Maduro) oder zusammenknüppeln lassen (Lukaschenko) scheint aber ungebrochen zu sein.

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