Roland Nelles

Die Lage am Morgen »New York Times« lästert über Olaf Scholz

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um einen harten Blick der wichtigsten US-Zeitung auf den deutschen Wahlkampf, um den Bahnstreik und um die Waffen der Taliban.

Wie Amerikas wichtigste Zeitung auf die deutsche Wahl schaut

Dass in Deutschland die Ära Angela Merkel endet und bald ein neuer Kanzler oder eine neue Kanzlerin gewählt wird, hat sich inzwischen bis in die USA herumgesprochen. Ehrlicherweise muss man dazu sagen, dass das Gerangel zwischen Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock nicht das beherrschende Thema in den Schlagzeilen der US-Medien ist. Aber immerhin hat sich die »New York Times« nun ausführlicher mit der Wahl beschäftigt und dabei einige launige Beobachtungen  gemacht.

Die beiden führenden Kandidaten Laschet und Scholz, zwei »Anzug-tragende Karrierepolitiker«, seien alles andere als aufregend. Aber das sei ganz im Sinne der Wählerinnen und Wähler, fasst das Blatt zusammen. Politische Beobachter seien sich einig: »Die Deutschen lieben langweilig.«

Wahlplakate mit Scholz und Laschet (in Stuttgart): »Die Deutschen lieben langweilig«

Wahlplakate mit Scholz und Laschet (in Stuttgart): »Die Deutschen lieben langweilig«

Foto: THOMAS KIENZLE / AFP

Im Wahlkampf herrsche ein »Charisma-Vakuum«, was wiederum die Frage aufwerfe, ob in Deutschland auch bald ein »Führungs-Vakuum« herrschen werde. Olaf Scholz, der mögliche nächste Kanzler, wird von der »Times« als »Technokrat« beschrieben, der seine politischen Botschaften fast wie ein Roboter wiederhole. Er mache im Wahlkampf bisher wenig Fehler, weil er die meiste Zeit einfach wenig sage.

Scholz sei »der größte Langweiler« im Wahlkampf, »vielleicht sogar im gesamten Land«, zitiert das Blatt den früheren amerikanischen Botschafter in Berlin, John Kornblum. »Es ist aufregender, einem Topf kochendem Wasser zuzuschauen.«

Und auch im Wahlkampf auf der Straße hat die »Times« eine offenbar für sie typisch deutsche Eigenart beobachtet. Die Leute würden nicht mit US-Wahlkampfsprüchen à la »Yes, we can« angefeuert, heißt es da. Der wichtigste Schlachtruf von Politikerinnen und Politikern in Deutschland laute schlicht: »Stabilität«. Da ist sicherlich etwas Wahres dran.

Schon wieder Bahnstreik

Bahnreisende brauchen von heute an erneut gute Nerven. Deutschlands meistgehasster Gewerkschaftsboss, Claus Weselsky, und seine Lokführergewerkschaft GdL wollen fünf Tage lang den Schienenverkehr lahmlegen. Kurz vor Beginn des Streiks präsentierten die Manager der Deutschen Bahn ein neues Angebot: Die Bahn bietet nun eine Coronaprämie bis zu 600 Euro sowie eine Laufzeit des Tarifvertrags von 36 Monaten nach zuvor 40 Monaten an. Ob sich beide Seiten auf dieser Grundlage doch noch auf ein schnelles Ende ihres Tarifkonflikts einigen können, blieb zunächst offen.

Streik bei der Deutschen Bahn (Archivbild)

Streik bei der Deutschen Bahn (Archivbild)

Foto: Martin Gerten/ picture-alliance/ dpa

So oder so hat das Durcheinander bei der Bahn bereits einen interessanten Nebeneffekt – bei der Lufthansa steigt die Nachfrage für innerdeutsche Flüge. Bis kommenden Dienstag stockt die Airline (mit Eurowings) ihr Angebot um 7000 Sitzplätze auf. Es werden teilweise größere Maschinen eingesetzt sowie 30 zusätzliche Flüge angeboten.

Für das Image der Bahn ist das alles natürlich mal wieder – auch aus Klimaschutz-Sicht – eine Katastrophe. Die Bahnstreiks der Lokführer nerven die Kundinnen und Kunden und machen das Transportmittel als Alternative zu Auto oder Flugzeug für längere Strecken nicht gerade attraktiver. Bei Streik hilft leider auch kein Lastenrad, wenn man von Berlin nach München muss.

Was haben die Taliban erbeutet?

Taliban mit nagelneuen Nachtsichtgeräten, Taliban im »Humvee«-Geländewagen, Taliban im »Blackhawk«-Hubschrauber: Seit Tagen geistern Bilder aus Afghanistan durch die Welt, die islamistische Kämpfer in Ausrüstung aus amerikanischer Produktion zeigen. In den USA sorgt dies für hitzige Debatten.

Vor allem die Republikaner fordern von der Regierung von Präsident Joe Biden Aufklärung, wie viele aus Steuergeldern finanzierte US-Militärgüter die Taliban bei ihrer Machtübernahme in Kabul konkret erbeuten konnten. Die Rede ist von Waffen und Fahrzeugen im Wert von 83 Milliarden Dollar.

Der frühere Präsident Donald Trump forderte Biden auf, alle Waffen mit einem Ultimatum zurückzufordern. Andernfalls sollten sie sofort »in die Hölle« bombardiert werden.

Humvee-Geländewagen aus US-Produktion in Afghanistan

Humvee-Geländewagen aus US-Produktion in Afghanistan

Foto: - / AFP

Nach Auskunft des Pentagon sind den Taliban wohl tatsächlich beträchtliche Mengen von US-Ausrüstungsgegenständen in die Hände gefallen. Der Gesamtwert beläuft sich nach unabhängigen Berechnungen  aber nicht auf 83 Milliarden Dollar, sondern eher auf 24 Milliarden Dollar.

Das wäre natürlich immer noch eine stattliche Summe. So weit bislang bekannt, handelt es sich bei dem Kriegsmaterial vor allem um Ausrüstung, die die Amerikaner über die Jahre an die afghanische Armee und Polizei abgegeben haben. Zwischen 2005 und 2016 sollen die Afghanen 76.000 Fahrzeuge, 600.000 Waffen und mehr als 200 Luftfahrzeuge erhalten haben.

Hinzu kommen einige Ausrüstungsgegenstände, die am Flughafen in Kabul zurückgelassen wurden. Dort sollen den Taliban gut 70 Hubschrauber und Flugzeuge in die Hände gefallen sein. Laut US-Militär wurden diese allerdings alle vor dem Abzug der letzten Amerikaner unbrauchbar gemacht. »Sie werden nie wieder fliegen«, verspricht der US-General Kenneth McKenzie. Das klingt so mittel beruhigend.

Gewinner des Tages…

Angela Merkel und Tedros Adhanom Ghebreyesus eröffnen das neue Pandemiefrühwarnzentrum in Berlin

Angela Merkel und Tedros Adhanom Ghebreyesus eröffnen das neue Pandemiefrühwarnzentrum in Berlin

Foto: Michael Sohn / REUTERS

…sind die Berliner. In der Hauptstadt haben Kanzlerin Angela Merkel, der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, und Gesundheitsminister Jens Spahn ein neues Pandemiefrühwarnzentrum eingeweiht. Dort sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt gemeinsam forschen und rechtzeitig Alarm schlagen, wenn sie fürchten, dass sich eine gefährliche Pandemie entwickeln könnte.

Berlin ist für ein solches Zentrum bestens geeignet, weil es einer der wichtigen Gesundheits- und Wissenschaftsstandorte in Deutschland ist. Ganz nebenbei konnte die Bundesregierung zudem einen gewissen Anspruch auf die Ansiedlung des Zentrums in Deutschland anmelden. Die Bundesrepublik ist inzwischen der größte Beitragszahler der WHO, das Zentrum soll mit 30 Millionen Euro pro Jahr aus der Steuerkasse gefördert werden. Eine gute Entscheidung – schließlich geht doch nichts über vorausschauende Politik.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Luftfahrtbehörde untersucht Kursabweichung bei Richard Bransons Weltraumflug: Es geht um fragwürdige 1:41 Minuten: Bei seiner Rückkehr aus dem All verließ das Raumschiff von Milliardär Richard Branson laut Medienberichten die vorgeschriebene Flugbahn. Nun laufen Ermittlungen

  • Frau in Hawaii durch Rechtschreibfehler in gefälschtem Impfausweis überführt: Um nach Hawaii zu reisen, lud eine 24-Jährige ein gefälschtes Impfzertifikat in das Reiseprogramm des Bundesstaates. Sie kam bis Honolulu – dann entdeckten Flughafenkontrolleure verdächtige Fehler

  • Ronaldo ist jetzt der beste Länderspieltorschütze der Geschichte: Zwei Tore für Portugal nach der 89. Minute: Beim WM-Qualifikationsspiel gegen Irland hat Ronaldo einen weiteren Rekord gebrochen. Er traf zum 110. und 111. Mal und überholte damit den Iraner Ali Daei

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Ihr Roland Nelles

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