Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen Plötzlich explodiert auf der Krim ein russischer Stützpunkt

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um einen ukrainischen Militärschlag, der offenbar eine russische Basis auf der Krim getroffen hat. Außerdem: Lindner will die kalte Progression ausgleichen, Blinken reist durch Afrika.

Drei Explosionen auf der russisch besetzten Krim

Der Ukraine ist offenbar ein bemerkenswerter militärischer Schlag gelungen: Auf einem russischen Militärstützpunkt auf der Krim, rund 300 Kilometer von ukrainisch kontrolliertem Territorium entfernt, ereigneten sich gestern drei Explosionen – dabei wurden, wie Videos zeigten, auch russische Kampfjets zerstört.

Explosionen am Stützpunkt Nowofederowka auf der Krim

Explosionen am Stützpunkt Nowofederowka auf der Krim

Foto: Mulch / ITAR-TASS / IMAGO

Russland sprach nur von explodierter Munition. Ein Unfall ist aufgrund der praktisch simultan erfolgten Explosionen aber eher unwahrscheinlich. Ein ukrainischer Funktionär sagte: Es sei eine Waffe »rein ukrainischer Herstellung« eingesetzt worden, auch Partisanen seien involviert gewesen. Die genaue Ursache der Explosionen blieb zunächst unklar: War es ein Angriff von Partisanen – oder verfügt die Ukraine gar über moderne Raketen mit sehr viel größerer Reichweite als bisher? In jedem Fall ist der Schlag tief im feindlichen Territorium für die Ukraine ein großer militärischer und psychologischer Erfolg: Videos zeigten, dass viele russische Touristen aus der Gegend zu fliehen versuchten.

Abschuss von Himars-Raketen in der Ukraine

Abschuss von Himars-Raketen in der Ukraine

Foto: Cover-Images / IMAGO

Mit amerikanischer Himars-Artillerie haben die Ukrainer den Russen schon in den vergangenen Wochen schwere Schläge zugefügt und zahlreiche Munitions- und Waffendepots in die Luft gejagt. In der Folge nahm die russische Feuerintensität stark ab. Die Feuerwalze der russischen Armee ist im Donbass zwar nicht gestoppt. Sie kommt aber nur noch sehr langsam voran, unter enormen Verlusten. Nun zeigt die ukrainische Armee, dass sie in der Lage ist, den Gegner noch tiefer in seinem Territorium zu treffen als bisher – die russischen Streitkräfte erscheinen dadurch weit hinter der Front verwundbar.

Weil ukrainische Raketen die Brücken zerstört und beschädigt haben, nutzen die russischen Streitkräfte am Fluss Dnepr nun Pontonbrücken

Weil ukrainische Raketen die Brücken zerstört und beschädigt haben, nutzen die russischen Streitkräfte am Fluss Dnepr nun Pontonbrücken

Foto: IMAGO/RIA Novosti / IMAGO/SNA

Bei Cherson im Süden bereitet sich die Ukraine seit einiger Zeit auf eine Gegenoffensive vor, um verlorene Gebiete zurückzuerobern. Die russischen Besatzer verwenden wiederum sehr viel Energie darauf, ihre eroberten Territorien abzusichern: etwa indem sie das AKW Saporischschja zunehmend militarisieren, das direkt in Frontnähe am Fluss Dnepr steht. Sie wollen es offenbar als Schutzschild gegen einen ukrainischen Angriff nutzen. Die russischen Truppen bereiten zudem laut diversen Meldungen ein fingiertes Referendum vor – analog zur Krim vor acht Jahren –, mit dem ein Anschluss besetzter Gebiete im Süden an Russland begründet werden könnte. Die eroberten Gebiete wären dann aus Moskauer Sicht Teil des Staatsgebiets der Atommacht Russland.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Ukraine weist Verantwortung für Explosionen auf der Krim von sich: Wer ist für die Detonationen auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt auf der Krim verantwortlich? Es gibt unterschiedliche Angaben aus Russland und der Ukraine. Eine Zeitung bringt eine weitere Variante ins Spiel.

  • Mit der Biotonne gegen Putin? Deutsches Biogas könnte einen Teil des russischen Gases ersetzen. Wie viel, ist strittig. Klar ist nur: Die Deutschen müssten mehr Biomüll sammeln – und die Kommunen mehr Sammelmöglichkeiten bereitstellen .

  • Russische Öllieferungen durch die Ukraine eingestellt: Bereits seit vergangenem Donnerstag fließt laut der russischen Staatsfirma Transneft kein Erdöl mehr durch die Ukraine nach Europa. Betroffen sind Ungarn, die Slowakei und Tschechien – aber nicht Deutschland.

  • Erkennt unsere Geschichte als eure eigene europäische Geschichte an: Keinen Frieden für die Ukraine ohne Freiheit für Belarus – und umgekehrt: Am zweiten Jahrestag der belarussischen Revolution skizziert die Anführerin der Demokratiebewegung, Swetlana Tichanowskaja, wie eine neue europäische Ostpolitik aussehen sollte.

Kann man die Kriegsparteien nicht zum Frieden zwingen?

Die Lage auf dem Schlachtfeld ist volatil, sie birgt derzeit aber auch Chancen für die ukrainischen Verteidiger. Das erklärt, warum dieser Konflikt noch immer nicht am Verhandlungstisch gelöst werden kann – auch wenn deutsche Intellektuelle das in Briefen fordern. Die Ukraine wehrt sich gegen einen Angreifer, der sich ihr Territorium einverleiben und ihren Staat vernichten will. Und Russland hatte an Verhandlungen noch nie Interesse, solange es Geländegewinne machte.

Ukrainische Soldaten kehren von der Front in Bachmut im Donbass zurück

Ukrainische Soldaten kehren von der Front in Bachmut im Donbass zurück

Foto: BULENT KILIC / AFP

Ich empfehle Ihnen zur Frage, wann es in diesem Krieg zu Verhandlungen kommen kann, das Interview, das meine Kollegin Alexandra Rojkov mit der 72-jährigen Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini geführt hat. Tagliavini vermittelte jahrzehntelang in Konflikten mit Russland, etwa nach 2008 in Georgien, und sie leitete die Verhandlungen der Minsker Abkommen. Es wäre absurd, ihr vorzuwerfen, dass sie nicht an Diplomatie glaubt – sie war schließlich ihr Leben. Und dennoch sagt sie: »Verhandlungen in der gegenwärtigen, akuten Kriegsphase scheinen mir nicht zielführend«. Tagliavini sagt, es bringe nichts, die Kriegsparteien zu Gesprächen zwingen zu wollen. »Es ist eine Katastrophe, dass dieser Krieg ausgebrochen ist. Aber es ist nicht an uns zu sagen: Wir möchten Frieden, also setzt euch gefälligst zusammen.« Das ganze Interview lesen Sie hier:

Lindner und die kalte Progression

Bundesfinanzminister Christian Lindner will die Bürger entlasten: Mit rund zehn Milliarden Euro soll die sogenannte kalte Progression bekämpft werden – was heißt: Die Bürger sollen nicht durch die Inflation in höhere Steuerklassen rutschen und dadurch am Ende anteilig mehr Steuern zahlen. Das Inflationsausgleichgesetz soll prozentual die Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen am stärksten entlasten. Allerdings würden auch die Menschen mit hohen Einkommen davon nicht ausgenommen. Deshalb gibt es nun Protest gegen Lindners Pläne bei den Grünen. Das kann nur der Start zu einer in Deutschland besonders beliebten Disziplin sein: der Gerechtigkeitsdebatte.

Blinken in Afrika

US-Außenminister Antony Blinken reist dieser Tage durch Afrika – wie vor ihm schon der russische Außenminister Sergej Lawrow. Es ist eine Art Fernduell in einem neuen Kalten Krieg: Der Kampf um Einfluss auf dem Kontinent zwischen dem Westen, China und Russland wird derzeit so offen ausgetragen wie lange nicht.

Antony Blinken am Dienstag in Kinshasa mit Christophe Lutundula, Außenminister der Demokratischen Republik Kongo

Antony Blinken am Dienstag in Kinshasa mit Christophe Lutundula, Außenminister der Demokratischen Republik Kongo

Foto: POOL / REUTERS

Der Russe nutzte vor zwei Wochen seine Reise, um dem Westen fälschlicherweise die Schuld an der von Russland verursachten Lebensmittelkrise zuzuschieben und dem Westen außerdem vorzuwerfen, er mische sich in Afrikas Angelegenheiten ein. Blinken wiederum wollte genau diesem Vorwurf widersprechen: Man sehe Afrikas 54 Staaten als gleichberechtigte Partner, um globale Probleme zu lösen, sagte er. Blinken reiste von Südafrika in die Demokratische Republik Kongo – und ab heute ist er in Ruanda. Viele afrikanische Länder hatten sich in der Uno-Generalversammlung enthalten, als über eine Verurteilung des russischen Angriffskriegs abgestimmt worden war.

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Gewinnerin des Tages…

Serena Williams (2013)

Serena Williams (2013)

Foto:

Stephane Mahe / REUTERS

…ist die Tennisspielerin Serena Williams, die mit 40 ihren Rücktritt angekündigt hat – am Ende einer einzigartigen Karriere: In einer Sportart, die von wohlhabenden Weißen dominiert wurde, haben Serena und ihre Schwester Venus als schwarze Frauen aus Compton bei Los Angeles Barrieren eingerissen und Rekorde gebrochen. Mit 23 Grand-Slam-Siegen ist Serena Williams die erfolgreichste Spielerin der modernen Ära – nur die Australierin Margaret Court, die in den Sechzigerjahren aktiv war, hat einen Sieg mehr. Sie war 319 Wochen lang auf dem ersten Weltranglistenplatz – nur Steffi Graf und Martina Navratilova liegen vor ihr. Sie veränderte das Frauentennis: Kraft, Athletik, Geschwindigkeit gewannen plötzlich neue Bedeutung. Mit Serena Williams verlässt ein Star die Bühne, der eine transformative Kraft hatte.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • »Das Foto bereue ich«: Ende Juli besuchte die Bundesinnenministerin mit Kollegen die ukrainische Hauptstadt Kiew. Dass die Gruppe dabei Sekt trank und in Kameras lachte, sorgte für Kritik. Nun erklärte Nancy Faeser die umstrittene Szene.

  • Trump will FBI-Razzia zu Geld machen – und wettert gegen Biden: Donald Trump wäre nicht Donald Trump, wenn er nicht auch noch aus dem FBI-Einsatz in seinem Anwesen Profit schlagen wollte. Mit Blick auf Nachfolger Joe Biden sagte er: »Er wusste Bescheid.«

  • Ex-Twitter-Manager der Spionage für Saudi-Arabien schuldig gesprochen: 100.000 Dollar und eine Luxusuhr gegen Daten von Regimekritikern: In Kalifornien ist ein Mann wegen Agententätigkeiten für Saudi-Arabien verurteilt worden. Seine Anwältin tat die Zahlung als »Wechselgeld« ab.

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Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Manifeste der Angst gegen Bolsonaro: In zwei Monaten wählen die Brasilianer einen neuen Präsidenten – den rechten Jair Bolsonaro oder den linken Lula da Silva. Nun formiert sich erstmals größerer zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen den Amtsinhaber .

  • Wie Chefs ein starkes Team bilden: Das Topmanagement vieler Unternehmen ist geprägt von Machtkämpfen. Was Vorgesetzte tun sollten, um passende Mitstreiter zu finden – eine Anleitung in vier Schritten .

  • »Kämpft draußen!«: Im Alltag der Antike waren Glücksspiele beliebt, besonders Vorläufer von Backgammon. Bisweilen endeten Partien in den Kneipen von Pompeji mit wüstem Streit – wegen Wurfpechs oder Betrugs durch gezinkte Würfel .

  • »Klischees in der Mode sind gefährlicher, als man denkt«: Holger Hähle mag es untenrum gern luftig. Frauen können alles anziehen, sagt der Biologe, Männer müssen sich erst noch emanzipieren. In manchen Situationen bevorzugt er aber nach wie vor Hosen .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Herzlich
Ihr Mathieu von Rohr

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