Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen Wer Schweden will, könnte Großbritannien bekommen

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Ressortleiter Ausland

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit deutschen Sehnsüchten nach dem schwedischen Modell – und den Gefahren, die darin lauern. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Sinn von Masken und der Suche der EU nach einer Einigung in Sachen Corona-Hilfen.

In Schweden ist nicht alles anders

Wer unzufrieden ist mit den Verhältnissen im eigenen Land, sucht sich gern ein anderes Land, in dem angeblich alles anders und besser ist. Dieses Land ist für die Öffnungsfraktion in Deutschland gerade Schweden. Während in Deutschland - angeblich – ein harter Lockdown herrsche, gehe Schweden einen gegenteiligen Weg, lasse der Bevölkerung alle Freiheiten und fahre damit gar nicht schlecht. Diese Theorie hat nur einen Schönheitsfehler: Sie stimmt nicht ganz. Auch Deutschland hat keinen harten Lockdown. In Rom ist noch nicht mal joggen erlaubt, in Paris ist es nur mit Passierschein gestattet, die Wohnung zu verlassen. In Deutschland kann sich jeder frei bewegen, sofern er Abstandsregeln einhält, was praktisch kaum kontrolliert wird. In Schweden ist die Lage entspannter, weil unter Auflagen Restaurants und Schulen geöffnet sind; doch auch hier wird an die Menschen appelliert, Abstand zu halten. Die deutschen Maßnahmen sind näher bei Schweden als bei Frankreich. Das zeigen auch Handydaten: Demnach ist das Menschenaufkommen an Bahnhöfen und im öffentlichen Verkehr in Schweden um ein Drittel gesunken, in Deutschland um die Hälfte und in Italien um 85 Prozent. Seit die Maßnahmen in Deutschland gelockert werden, bewegen wir uns weiter in Richtung Schweden.

Wie gut Schweden mit seinem Modell fährt, ist noch offen. Denn wenn von Schweden die Rede ist, müssen wir auch von Großbritannien reden: Dort hatte die Regierung zunächst vor, einen ähnlichen Weg zu gehen wie Schweden, musste ihn dann aber angesichts der dramatischen Steigerung der Todeszahlen panikartig verlassen. Und dann erkrankte, hochsymbolisch, auch noch der Regierungschef Boris Johnson schwer und musste selbst auf die Intensivstation. Deutschland steht dazwischen - zwischen Schweden und Großbritannien. Solange die Zahlen ermutigend bleiben, können wir von Schweden träumen. Wenn sie sich dramatisch verschlechtern, könnten wir uns als Großbritannien oder Italien wiederfinden.

Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir die polemischen Diskussionen über mehr oder weniger Öffnung, über Laschet oder Söder, nur deshalb führen können, weil Deutschland bisher so glimpflich davongekommen ist. Knapp 5000 Menschen sind gestorben. In Italien, Frankreich und Spanien sind es mit ihren kleineren Bevölkerungen jeweils bereits mehr als 20.000; Großbritannien ist ihnen dicht auf den Fersen. Wären in Deutschland so viele Menschen dem Coronavirus zum Opfer gefallen, sähe die Debatte hier ganz anders aus. Das ist auch die Gefahr, vor der Deutschland jetzt steht: in den nächsten Tagen aus Leichtsinn eine zweite, schwerere Infektionswelle zu riskieren.

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Es wäre fahrlässig, die Todeszahlen in Deutschland ausgerechnet jetzt ansteigen zu lassen, zu einem Zeitpunkt, da Italiener und Spanier es endlich langsam schaffen, die Zahlen zu senken. Der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, Lars Schaade, sagt: "Wenn wir alle weiter jetzt so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben."

Warum Masken einen positiven Effekt haben

Sogar Christian Lindner lässt sich damit fotografieren. Das zeigt: Die Gesichtsmaske setzt sich in Deutschland durch. Langsam macht es eher Sinn, jene Bundesländer zu benennen, in denen die Maskenpflicht nicht beschlossen oder geplant ist: Es sind Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, NRW, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Selbst in diesen Ländern gibt es Städte, in denen das Maskentragen im öffentlichen Verkehr oder in Geschäften bereits obligatorisch ist. Die Frage, ob die Deutschen sich an das Maskentragen gewöhnen werden, scheint sich zu beantworten. Tatsächlich sieht man jetzt schon - etwa in Hamburg, wo Masken ab Montag Pflicht sein werden – jeden Tag mehr Menschen, die eine tragen. Die Masken verändern etwas, sie haben einen positiven Effekt: Nicht nur, weil aus wissenschaftlicher Sicht vieles dafür spricht. Sondern auch, weil der bloße Anblick eines Menschen mit Maske ein Störfaktor im Alltag ist. Er erinnert daran, dass man sich in Acht nehmen sollte – dass man Abstand halten, der anderen Person aus dem Weg gehen sollte. Die Maske ist ein Signal: Ich gebe acht, tu Du es auch. Das, so meinen unwissenschaftliche Vermutung, hilft beim Stopp des Virus fast mehr als die Filterfunktion.

Einigt sich die EU auf Corona-Hilfen?

Die EU befindet sich durch die Coronakrise in einer existenziell bedrohlichen Lage; die Stimmung in der drittgrößten Wirtschaftsmacht Italien hat sich wegen zögerlicher Hilfen deutlich gegen die EU gewendet. Deshalb ist der am Donnerstag geplante EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs so wichtig. Zur Vorbereitung tagen heute die EU-Europaminister und die EU-Außenminister. Es zeichnet sich ab, dass Eurobonds oder Corona-Bonds vom Tisch sind - selbst der italienische Premier Giuseppe Conte, der sie am Wochenende noch für unverzichtbar erklärte, ist nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur Ansa mittlerweile zu anderen Lösungen bereit. Komplizierte Umwegslösungen zeichnen sich ab. So könnte die EU beispielsweise einen Wiederaufbaufonds ins Leben rufen und Anleihen ausgeben, garantiert durch die Mitgliedstaaten und das EU-Budget, die dann Italien oder Spanien zugutekommen könnten. Wenn dabei tatsächlich bis zu 1,5 Billionen Euro zusammenkommen, hätte das eine ähnliche Wirkung wie Eurobonds. Und ein solches Signal wäre für die Zukunft der EU enorm wichtig.

Gewinner des Tages…

…ist König Fußball. Denn Corona hin oder her - Fußball muss in Deutschland sein. Ab Mai könnte die Bundesliga wieder starten, mit Geisterspielen ohne Publikum. Darin sind sich sogar die Kontrahenten Laschet und Söder einig. Meine SPIEGEL-Kollegen haben jetzt das Konzept des DFB für die zuschauerfreie Bundesligasaison einsehen können. Es stammt von einer Taskforce von Medizinern und dokumentiert, wie die Profis geschützt werden sollen. Lesen Sie darüber hier . Mein Kollege Peter Ahrens findet es hingegen bedenklich, dass es zu den Plänen keinerlei Gegenstimmen gibt. Seinen Kommentar finden Sie hier.

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