Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen Hat Trump sich jetzt den Friedensnobelpreis verdient?

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Ressortleiter Ausland

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der Frage, was der historische Friedensschluss zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten bedeutet - und wer dafür verantwortlich ist. Außerdem befassen wir uns mit dem deutschen Streitobjekt 2020, der Maske. Und mit der Frage, was die EU eigentlich in Belarus will.

Eine Win-Win-Win-Situation (und ein Verlierer)

Wenn Donald Trump jetzt wieder vom Friedensnobelpreis träumt, ist das sicherlich verfrüht, aber historisch ist diese Nachricht zweifellos: Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate erkennen sich gegenseitig an, nehmen diplomatische Beziehungen auf, die USA haben den Friedensschluss vermittelt. Im Gegenzug sieht Israels Premier Benjamin Netanyahu "zeitweise" davon ab, wie angekündigt Teile des Westjordanlands zu annektieren. Bis vor wenigen Jahren wäre dieser Schritt undenkbar gewesen, doch heute wird mit dem Abkommen nur die neue Realität im Nahen Osten nachvollzogen: Israel ist schon lange nicht mehr der Erzgegner der sunnitischen arabischen Staaten - vielmehr haben sie und Israel einen gemeinsamen Feind in Iran (und dessen Verbündete in Syrien, im Libanon, im Irak und im Jemen).

Hinter den Kulissen, auf der Ebene der Geheimdienste, hat diese realpolitisch gebotene Annäherung zwischen Israel und dem Golfstaat längst stattgefunden, nun wird sie formalisiert. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner kündigte zudem an, dass in den nächsten Tagen ein weiterer arabischer Staat ein ähnliches Abkommen mit Israel schließen könnte – infrage kommen zum Beispiel Saudi-Arabien, Oman oder Bahrain. Mit Jordanien und Ägypten haben Israel und Ägypten bereits vor Jahrzehnten Friedensverträge geschlossen.

Das Abkommen ist eine Win-Win-Win-Situation für alle drei Beteiligten: Trump kann sich mit dem Prestige des diplomatischen Erfolgs brüsten - auch wenn die Annäherung der beiden Staaten schon seit Langem im Gang ist. Netanyahu kann ebenfalls einen diplomatischen Erfolg für sich verbuchen, er erhält zudem einen gesichtswahrenden Ausweg aus dem innen- und außenpolitisch komplizierten Dilemma, in das er sich mit der Ankündigung der Annexion des Westjordanlands hineinmanövriert hatte. Und die Emirate können behaupten, sie hätten die Annexion gestoppt - sie können zudem ihre engen Beziehungen mit Israel nun endlich öffentlich machen. Die größten Verlierer sind, wie so oft, die Palästinenser: Sie müssen wieder einmal erkennen, dass die Iran-Frage für die arabischen Staaten wesentlich wichtiger ist als die Frage der Rechte der palästinensischen "Brüder".

Hat Trump nun also Aussichten auf den Friedensnobelpreis? Was dafür spricht: die Optik des Durchbruchs, er steht nun in einer Reihe mit den US-Präsidenten Bill Clinton und Jimmy Carter, die große Friedensschlüsse im Nahen Osten vermittelt haben. Was dagegen spricht: Das Abkommen wäre auch ohne Trump denkbar gewesen, es ist gewissermaßen eine natürliche Folge eines langfristigen Trends - und friedvoller wird der Nahe Osten dadurch eher nicht. Das wahre Verdienst für das Abkommen gebührt paradoxerweise wohl Iran: Hätte das Regime in Teheran die Region nicht seit Jahren mit seinem aggressiven Verhalten destabilisiert, wäre diese neue Allianz kaum entstanden.

SPIEGEL-Titel zum Zünd-Stoff Maske

Das Objekt des Jahres 2020, die Maske, ist das Titelthema des neuen SPIEGEL. Ich finde: verdientermaßen. Alle reden von ihr - kein Wunder! Die Zahl der Neuinfektionen steigt in Deutschland, teils auf mehr als tausend pro Tag (an dieser Stelle ein Gruß in Richtung Markus Söder in Bayern). Die Zahlen steigen auch im Rest Europas. Weil Kinder und Jugendliche in die Schulen zurückkehren, diskutiert die Politik eine Maskenpflicht im Unterricht - und über die Maske wird auch gestritten, weil ein paar tausend Hygienedemonstranten in Berlin aufgetaucht sind.

DER SPIEGEL 34/2020

Das Masken-Drama

Sie ist nervig, verhasst und trotzdem unsere einzige Hoffnung

Zur Ausgabe

In der Titelgeschichte heißt es: "Die Maske ist zu einem politischen Bekenntnis geworden. Wer sie nicht trägt und gegen sie protestiert, zweifelt ihren Sinn an und damit auch die herrschende Meinung der Wissenschaft, er lässt das Risiko zu, sich selbst zu infizieren, vor allem aber seinen Nächsten. Die Maske ist ein Zeichen der Solidarität, ihr Verzicht der Ausdruck des Egoismus."

Alles über die Maske, was man über sie weiß, was die Wissenschaft und die Politik über sie sagen, und wofür sie steht, finden Sie in unserer neuen Titelstory.

Hat die EU wirklich ein Interesse an Lukaschenkos Sturz?

Es hat lange gedauert, doch nun will die EU den Druck auf den belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko offenbar erhöhen: Die EU-Außenminister schalten sich heute auf einer Video-Sonderkonferenz zusammen. Sie erwägen, die EU-Sanktionen gegen die belarussische Führung zu reaktivieren, die vor Jahren ausgesetzt worden waren. Eine symbolische Geste kam in Minsk gestern von Diplomaten mehrerer EU-Staaten, der Schweiz, Großbritanniens, der USA und Japans: Sie legten an einer Metrostation Blumen zu Ehren eines am Dienstag getöteten Demonstranten nieder.

Doch geopolitisch ist die Lage in Belarus vertrackt: In Wahrheit sind weder die EU noch Russland wirklich am Sturz Lukaschenkos interessiert, analysiert unser Moskau-Korrespondent Christian Esch: "So wie die Zugvögel im Frühjahr nach Norden und im Herbst nach Süden fliegen, so bewegt sich Lukaschenko in vorhersehbaren Zyklen zwischen den Polen Ost und West. Jede Wahl treibt ihn Richtung Moskau, schließlich kann die EU nicht anders, als Fälschungen und Repressionen zu beklagen. Jeder Streit über Energiepreise treibt ihn zurück in Richtung Brüssel, schließlich bezieht Minsk sein Gas und Öl aus Russland." Wenn Lukaschenko gestürzt wird, dann nicht vom Westen und ganz sicher nicht von Putin - sondern höchstens von den Belarussen selbst.

Gewinner des Tages…

…ist Boris Palmer, der Oberbürgermeister von Tübingen: Er gehört nach eigenen Angaben zu den wenigen Menschen auf der Welt, die bereits gegen Corona geimpft sind - ausgerechnet der streitbare Politiker aus Schwaben, dem Herzland der Hygienedemonstranten. "Ich bin sehr froh, dass ich wahrscheinlich weltweit zu wenigen tausend Menschen gehöre, die schon jetzt gegen Corona durch eine Impfung immun werden", schrieb Palmer auf Facebook .

Die Impfung verbindet ihn beispielsweise mit einer Tochter von Wladimir Putin, die laut dem russischen Staatschef ebenfalls eine Vakzine verabreicht bekam - allerdings den eher zweifelhaften russischen Impfstoff "Sputnik V", der in Russland bereits zugelassen wurde. Palmer dagegen ließ sich in einer Testreihe der Tübinger Firma Curevac impfen. (Sie erinnern sich vielleicht: Das ist die Firma, auf die es Donald Trump angeblich abgesehen hatte.)

Im Fall Palmers bestehe allerdings, so schreibt er, eine 17-prozentige Chance, dass ihm nur ein Placebo injiziert worden sei. Putins Tochter und Palmer ist zu wünschen, dass die Test-Impfstoffe funktionieren - und dem Rest der Menschheit, dass bald wirklich ausgereifte, funktionierende Vakzinen für alle verfügbar sind.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Podcast Cover
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.