Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen Russlands Militär geht die Kraft aus

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um Putins stockende Offensive im Donbass – nun bräuchten die Ukrainer westliche schwere Waffen, aber die deutschen Gepard-Lieferungen stocken. Und: Warum hat Scholz mehr Angst vor Eskalation als Finnland?

Die große Offensive im Donbass wird immer kleiner

In Mariupol geben die letzten ukrainischen Verteidiger auf. Die Stadt, die zum Symbol des ukrainischen Widerstandswillens geworden ist, ist dabei, Wladimir Putins Truppen ganz in die Hände zu fallen: Hunderte Kämpfer sind nun in russischer Gefangenschaft.

Eine Frau in Sjewjerodonezk lebt in ihrem Auto, seit ihre Wohnung bei Kämpfen zerstört wurde

Eine Frau in Sjewjerodonezk lebt in ihrem Auto, seit ihre Wohnung bei Kämpfen zerstört wurde

Foto: YASUYOSHI CHIBA / AFP

Drei Monate nach Kriegsbeginn zeichnet sich trotzdem immer mehr ab, dass Russland den Krieg nicht gewinnen kann: Erst wollten Putins Truppen das ganze Land samt der Hauptstadt einnehmen. Es kam zu brutalen und großflächigen russischen Kriegsverbrechen an Zivilisten, endete aber mit einer militärischen Niederlage und dem Abzug aus der Gegend um Kiew.

Dann versuchten die Russen, den gesamten Donbass mit einer großen Zangenbewegung einzunehmen – doch die Vorstöße blieben weitgehend stecken. Nun kämpfen Putins Truppen sich nur noch stückweise weit im Osten vor, bei der Stadt Sjewjerodonezk – doch dieser Abnutzungskrieg verschleißt im großen Stil russisches Material und Truppen.

Es herrscht unter den meisten Militäranalysten Einigkeit: Russlands Kräfte werden bald erschöpft sein, sofern es nicht eine massive Mobilisierung beschließt – fast seine ganze Armee ist derzeit im Einsatz. Der Verteidiger ist im Vorteil, der Angreifer braucht eine große Übermacht, und die hat Russland nicht. Im vom Regime gesteuerten russischen Staatsfernsehen durfte in den vergangenen Tagen erstmals ein Experte auftreten, der dem Publikum deutlich sagte, wie schlecht die Situation ist, dass sie schlechter werden wird und dass das Land geopolitisch vollkommen isoliert ist .

Umgekehrt stimmt aber auch, dass die Ukraine den Krieg im Moment ebenfalls nicht gewinnt, weil sie – um die russischen Kräfte wieder auf die Lage vor dem 24.2.2022 zurückzuschlagen – die westlichen schweren Waffen bräuchte, von denen im Land noch nicht genügend angekommen sind.

Sollten die in den nächsten Wochen eintreffen, ist es gut möglich, dass die Ukrainer die Russen nicht nur weiter aufhalten, sondern auch größere Teile ihres Staatsgebietes im Osten wieder zurückerobern können – so wie es ihnen in diesen Tagen bereits auch bei Charkiw gelungen ist. Das sagte auch der kundigste Experte für die russische Armee, Michael Kofman, im SPIEGEL-Gespräch . Realistischerweise wird es auch dann erst zu echten Verhandlungen kommen. Die bisherigen Gespräche waren von russischer Seite nie ernsthaft auf höchster Ebene geführt worden. Es ist deshalb kein Wunder, dass beide Seiten die Gespräche gestern auf unbestimmte Zeit ausgesetzt haben.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Das geschah in der Nacht: Kiew warnt vor einem russischen Landkorridor zur Krim. Präsident Selenskyj nennt Telefonat mit Scholz »recht produktiv«. Und: Die USA wollen russische Kriegsverbrechen durchleuchten. Der Überblick

  • Warum stockt der russische Vormarsch im Donbass? Zwar macht Russland bei seiner Offensive im Osten kleine Fortschritte, verliert aber gleichzeitig Gebiete um Charkiw und Cherson, wo die Ukrainer derzeit Erfolge vermelden. Das liegt auch an deren Drohnentaktik. 

  • Jetzt sind sie in russischer Gewalt: Etwa 260 Kämpfer haben das Stahlwerk von Mariupol verlassen – und sich den Angreifern ausgeliefert. Kiew plant einen Gefangenenaustausch, doch der Kreml hat wohl andere Pläne. Moskauer Politiker verlangen die Todesstrafe. 

  • Warum Putin wohl 485 Soldaten an einem ukrainischen Fluss verloren hat: Weil die Ukrainer den Russen die Wege abschneiden, kommt die Offensive in der Ostukraine kaum voran. Bei einem Angriff sollen viele Soldaten gefallen sein. Der Kreml muss seine Kriegsziele wohl zurückschrauben. 

Ein Panzer ohne Munition, ein stockender Ringtausch

Das Problem ist, dass die benötigten schweren Waffen teilweise sehr lange auf sich warten lassen. Dies gilt insbesondere für die von Deutschland versprochenen Waffen: Die Bundesregierung hat vor mehr als drei Wochen entschieden, Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard zu liefern. Doch die müssen erst aufwendig hergerichtet werden und zudem fehlt, was vorher schon klar war, die Munition. Die muss noch im Ausland gesucht werden.

Der Flugabwehrpanzer Gepard im Deutschen Panzermuseum Munster

Der Flugabwehrpanzer Gepard im Deutschen Panzermuseum Munster

Foto:

Philipp Schulze / dpa

Es ist schwer zu verstehen, warum Deutschland ausgerechnet einen Panzer zu liefern versprochen hat, der erstens zu den am schwersten zu bedienenden Geräten am Markt gehört und für den zweitens kaum noch Munition existiert. Diese Probleme waren schließlich alle bekannt. Warum hat man sich nicht beispielsweise für den Leopard 1 entschieden?

Schon Anfang Mai hatte sich zudem gezeigt, dass der von Berlin ebenfalls versprochene Ringtausch mit Slowenien hakt: Das Land sollte den Ukrainern alte T72-Panzer liefern und dafür von Berlin moderne Leopard 2 und Puma erhalten. Doch nun will Berlin offenbar nur alte Marder und Fuchs rausrücken, was in Slowenien nicht akzeptiert wird.

Stets zeigt sich das gleiche Bild, wenn es um deutsche Waffen für die Ukraine geht: Es dauert lange, es passiert sehr wenig, der Eindruck: Blockade. Absichtserklärungen und Realität klaffen jedenfalls auseinander.

Wie groß soll die Angst vor Eskalation sein?

Was zum zögerlichen Vorgehen bei angekündigten, aber nicht realisierten Waffenlieferungen passt, ist die Tatsache, dass Bundeskanzler Olaf Scholz bei vielen seiner Auftritte ein angebliches Eskalationsrisiko beschwört. Im SPIEGEL sprach er vom Atomkrieg , als er nach der Lieferung schwerer Waffen gefragt wurde. Am Montag bei »RTL Direkt« sagte er, man müsse sich auch »Sorgen machen, dass es eine Eskalation des Krieges gibt«. Nun ist eine Eskalation natürlich nicht ausgeschlossen, und jeder verantwortlich handelnde Regierungschef muss sich darüber Gedanken machen, wie sie zu vermeiden ist.

Abstimmung zum Nato-Beitritt: Das Ergebnis im finnischen Parlament spricht für sich

Abstimmung zum Nato-Beitritt: Das Ergebnis im finnischen Parlament spricht für sich

Foto: Antti-Aimo Koivisto / AFP

Es stimmt aber auch, was Scholz in diesem Interview selbst sagte: dass man sich davon nicht lähmen lassen darf – und der Eindruck sei erlaubt, dass Deutschland angesichts dieses Krieges außenpolitisch gelähmt wirkt und dass die Bundesregierung deutlich mehr Angst vor einer Eskalation verbreitet als die Regierungen anderer europäischer Länder, zumal jener im Osten Europas, die davor eigentlich schon aus geographischen Gründen eine viel größere Angst haben müssten.

In den traditionell neutralen Staaten Finnland und Schweden, wo man sich in direkter Nachbarschaft zu Russland ebenfalls auf das Eskalationsargument zurückziehen könnte, hat die zutage getretene Bedrohung durch Russland zum Gegenteil von Verzagtheit und Angst geführt: Das finnische Parlament stimmte gestern mit 188 zu 8 Stimmen für den Nato-Beitritt.

Und wie reagierte Wladimir Putin? Nicht mit eskalativer Rhetorik, im Gegenteil: Er signalisierte, dass er die Entscheidungen der nordischen Länder wohl akzeptieren wird. Etwas anderes bleibt ihm realistischerweise auch gar nicht übrig, da praktisch seine ganze Armee in der Ukraine feststeckt. Aber es belegt auch, dass eine klare Linie deutlich mehr beeindruckt als alle Versuche seit 2014, ihn aus Angst vor einer Eskalation zu besänftigen. Sie haben seinen Angriffskrieg 2022 erst ermöglicht.

Podcast: Leihmutterschaft im Krieg

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch die Geschichte des kleinen Lorenz ans Herz legen, eines sechs Wochen alten Babys. Lorenz wurde von einer Leihmutter in der Ukraine geboren, die ersten Tage seines Lebens verbrachte der Säugling im Bunker.

Lorenz mit seiner Mutter

Lorenz mit seiner Mutter

Foto:

Regina Steffens / DER SPIEGEL

Wie seine deutschen Eltern das Kind aus dem Kriegsgebiet retteten und was aus der Leihmutter wurde, erzählt meine Kollegin Regina Steffens in der heutigen Episode unseres Podcasts SPIEGEL Daily.

Fast zwei Monate hat sie nach einer Familie gesucht, die bereit ist, von einer solchen Rettungsaktion zu berichten. Denn Leihmutterschaft, in der Ukraine ein legales Geschäftsmodell, ist in Deutschland tabuisiert.

Verlierer des Tages…

Schröder

Schröder

Foto: Christoph Soeder / picture alliance/dpa

…ist Gerhard Schröder, Altkanzler und Kreml-Lobbyist. Eigentlich ist Schröder sogar einer der Verlierer des Jahrzehnts. Mir ist bis heute unbegreiflich, warum ein Mann, der seinem Land als Bundeskanzler gedient hat, und der in seiner Amtszeit wichtige politische Weichen stellte, sich danach an eine Deutschland feindlich gesinnte Macht verkaufte und seine ganze Reputation zerstörte. Schröder war die Spinne im Netz der deutsch-russischen Energiebeziehungen, er kassierte und kassierte und ließ sich von Putin hofieren. Machte er das alles wirklich nur um des Geldes willen? Wie kann es sein, dass Schröder auch nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs stur an seinen Posten festhielt?

Die Ampel will an Schröder nun ein Exempel statuieren und ihm einen großen Teil seiner Privilegien als Altkanzler entziehen, berichtet mein Kollege Veit Medick: Schröders vom Staat bezahltes Büro samt Mitarbeitern (Kosten: rund 400.000 Euro pro Jahr) soll ihm gestrichen werden, nur den Personenschutz darf er behalten. Auch ganz grundsätzlich soll Altkanzlern nur noch dann ein üppiges Büro bezahlt werden, wenn sie Aufgaben wahrnehmen, die im öffentlichen Interesse liegen. Im Fall Schröder trifft das sicherlich nicht zu. Sein Ruhegehalt wird Schröder weiterhin bekommen, das steht ihm laut Grundgesetz zu. Und was ist eigentlich mit seiner SPD-Mitgliedschaft? Darum war es lange ruhig. Nun sagte am Dienstag Innenministerin Nancy Faeser, man müsse Schröder ausschließen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Mathieu von Rohr

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