Krieg in der Ukraine Mehr als 150 Geschosse auf Sumy, Russen drohen mit harten Verhandlungen – das geschah in der Nacht

Die ukrainische Armee meldet über Nacht Angriffe im ganzen Land. Für eventuelle Friedensgespräche kündigt Moskau eine harte Gangart an. Und: Die Schweiz will keine Verletzten aufnehmen. Der Überblick.
Zerstörte Häuser und Kriegsgerät in Luhansk (am 18. Juli)

Zerstörte Häuser und Kriegsgerät in Luhansk (am 18. Juli)

Foto: Stanislav Krasilnikov / ITAR-TASS / IMAGO

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die russischen Streitkräfte haben ukrainischen Angaben zufolge in der Nacht weiter Städte in der gesamten Ukraine bombardiert. Mehr als 150 Bomben und Granaten seien auf die Region Sumy abgefeuert worden, schreibt Dmytro Schywytzki, Leiter der Militärverwaltung der Region, auf dem Kurznachrichtendienst Telegram: »Sie feuerten Mörser, Kanonen- und Raketenartillerie ab. Die Russen eröffneten auch das Feuer mit Maschinengewehren und Granatwerfern.«

Auch die Stadt Mykolajiw stehe unter Beschuss mit Streugeschossen, wie der Bürgermeister der Stadt, Oleksandr Senkewytsch, in den sozialen Medien mitteilt. Mindestens zwei Menschen seien verletzt, Fenster und Dächer von Privathäusern beschädigt. In Odessa seien bei einem russischen Raketenangriff mindestens vier Menschen verletzt worden, Häuser seien niedergebrannt, berichtet ein Sprecher der Regionalverwaltung auf Telegram.

Im Osten der Ukraine haben die russischen Truppen nach Angaben des ukrainischen Militärs ihre Angriffe bei der Stadt Awdijiwka nahe der Großstadt Donezk wieder aufgenommen. Die Angriffe seien aber zurückgeschlagen worden, teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Die von Russland gestützten Donezker Separatisten behaupteten hingegen, das Dorf Kamjanka erobert zu haben. Awdijiwka liegt im Gebiet Donezk nur wenige Kilometer nördlich der gleichnamigen Großstadt. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben beider Kriegsparteien nicht.

Den neuen Angriffsbemühungen war ein Befehl des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu vorausgegangen. Dieser hatte gefordert, die Angriffe in der Ukraine zu verstärken, um den Beschuss der Infrastruktur im von Russland besetzten Donbass zu verringern. Donezk war zuletzt häufig das Ziel ukrainischer Artillerieangriffe. Es ist erklärtes Ziel Moskaus, die Region wie zuvor das benachbarte Gebiet Luhansk komplett der ukrainischen Kontrolle zu entreißen.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan und Russlands Präsident Wladimir Putin sind für ein Gipfeltreffen mit ihrem iranischen Amtskollegen in Irans Hauptstadt Teheran gelandet. Erdoğan und seine Delegation wurden am Hauptstadtflughafen Mehrabad empfangen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Irna am Montagabend berichtete. Auch Putin traf nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna in Teheran ein.

Die drei Staaten haben bereits in der Vergangenheit über Syriens Zukunft verhandelt. Russland und Iran unterstützen die syrische Regierung, die Türkei wiederum ist mit der Opposition verbündet. Beobachter erwarten, dass auch der russische Krieg in der Ukraine thematisiert wird.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Entlassung von 28 Mitarbeitern des ukrainischen Geheimdienstes SBU angekündigt. Es gehe um unterschiedlich hohe Posten und Funktionen, »aber die Begründungen sind ähnlich: unbefriedigende Arbeitsergebnisse«, sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache am Montagabend. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Selenskyj hat außerdem mit seinem brasilianischen Amtskollegen Jair Bolsonaro telefoniert. »Ich habe über die Lage an der Front informiert. Die Bedeutung der Wiederaufnahme der ukrainischen Getreideexporte erörtert. Ich rufe alle Partner dazu auf, sich den Sanktionen gegen den Aggressor anzuschließen«, schrieb Selenskyj auf Twitter.

Brasiliens rechter Präsident verfolgt in dem seit fast fünf Monaten andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nach eigenen Angaben eine Linie des »Gleichgewichts«. Medienberichten zufolge ist Brasilien dabei, mit Russland neue Geschäfte über den Kauf von Diesel abzuschließen. »Die wirtschaftlichen Schranken der Vereinigten Staaten und Europas gegen Russland haben nicht funktioniert«, sagte Bolsonaro jüngst.

Wolodymyr Selenskyj

Wolodymyr Selenskyj

Foto: IMAGO/Javad Parsa / IMAGO/NTB

Ein Besuch Bolsonaros in Russland – inklusive Treffen mit Putin – wenige Tage vor Beginn des Krieges im Februar diente laut Bolsonaro der Verbesserung der Handelsbeziehungen. »Brasilien hängt in großen Teilen von Düngemitteln aus Russland, Belarus ab«, sagte er damals dem Sender Radio Tupi. Das südamerikanische Land ist weltweit einer der führenden Agrarproduzenten. Der Besuch hatte in Brasilien, das vor allem im Süden rund 600.000 ukrainischstämmige Einwohner hat, angesichts des Zeitpunkts Empörung ausgelöst.

Das sagt Moskau

Russland hat der Ukraine im Fall einer Wiederaufnahme von Friedensgesprächen härtere Bedingungen als zuvor in Aussicht gestellt. Bei den letzten Verhandlungen im März in der Türkei seien konkrete Resultate erzielt worden, ehe Kiew den Kontakt abgebrochen habe, erklärte Juri Uschakow, Berater von Russlands Präsident Wladimir Putin, laut der Nachrichtenagentur RBK. »Wenn jetzt also die Verhandlungen wieder aufgenommen werden, dann zu völlig anderen Bedingungen«, sagte Uschakow – ohne Einzelheiten zu nennen.

Russische Truppen hatten sich nach den Verhandlungen – auch angesichts des erbitterten militärischen Widerstands der Ukrainer – nördlich von Kiew zurückgezogen. Daraufhin wurden unter anderem in der Kleinstadt Butscha Leichen und Massengräber von Zivilisten entdeckt. Danach kam es bislang zu keinen neuen Friedensgesprächen.

Als Ziele des in Moskau »militärische Spezialoperation« genannten Kriegs gegen die Ukraine hatte Putin bereits im Februar die »Entnazifizierung« und »Entmilitarisierung« der Ukraine, ihren neutralen Status, die Abtretung der Gebiete Donezk und Luhansk sowie die Anerkennung der seit 2014 annektierten Krim als russisch genannt. Mit diesen Forderungen ist Moskau auch in die Verhandlungen gegangen.

Humanitäre Lage

Die Schweiz wird keine Verletzten aus dem Ukrainekrieg in ihren Krankenhäusern behandeln. Die Regierung in Bern begründete dies am Montag mit der Neutralität des Landes, einem der Eckpfeiler der Schweizer Außenpolitik. »Die Schweiz leistet mit ihrer Hilfe und ihrem humanitären Engagement grundsätzlich eine qualitativ bessere und wirksamere Hilfe vor Ort als wenn die Patienten in der Schweiz aufgenommen würden«, teilte das Außenministerium mit.

Nach Informationen des Schweizer »Tages Anzeiger« hatten zuvor mehrere Kantone die Nato-Anfrage nach einer Versorgung Verletzter aus der Ukraine wohlwollend aufgenommen. Die Regierung verhinderte eine Aufnahme mit ihrer Entscheidung.

Der kremlkritische russische Fernsehsender TV Rain hat am Montag wieder seinen Betrieb aufgenommen. »Nach der erzwungenen Sendeunterbrechung im März ist es uns gelungen, das Team und die wichtigsten Prinzipien zu erhalten: Wie die letzten zwölf Jahre werden wir über Ereignisse und Erscheinungen ohne Zensur und Manipulation berichten«, teilte der Sender auf seinem YouTube-Kanal mit, über den er am Abend seine Berichterstattung startete.

Was heute passiert

  • Der russische Präsident Putin trifft in Teheran mit dem iranischen Präsidenten Raisi und dem türkischen Staatsoberhaupt Erdoğan zusammen. Dem Kreml zufolge wollen Putin und Erdoğan über Getreideexporte aus der Ukraine sprechen. Russland, die Ukraine, die Türkei und die Vereinten Nationen hatten vergangene Woche nach türkischen Angaben eine vorläufige Einigung zu den Getreideexporten erzielt. Mit Raisi wollen Putin und Erdoğan bei dem Termin in der Palastanlage Saadabad auch Gespräche über Syrien führen.

jok/Reuters/dpa
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