Krieg in der Ukraine Russische Söldner wollen 1500 Häftlinge rekrutieren, Selenskyj drängt bei Befreiung zur Eile

Die russische Seite will ihre Reihen offenbar mit Straftätern verstärken – mit mäßigem Erfolg. In der Ostukraine sollen rasch Volksabstimmungen stattfinden. Und: deutsche Panzerhaubitzen für Kiew. Das geschah in der Nacht.
Ukrainische Einheiten in der Region Charkiw (am 19. September)

Ukrainische Einheiten in der Region Charkiw (am 19. September)

Foto: GLEB GARANICH / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die russische Söldnertruppe Wagner versucht nach US-Angaben, mehr als 1500 Häftlinge als Kämpfer zu rekrutieren. »Wir haben Informationen, laut denen Wagner in der Ukraine schwere Verluste erlitten hat. Das betrifft, wenig überraschend, vor allem junge und unerfahrene Kämpfer«, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen namentlich nicht genannten US-Militär. Allerdings komme die Söldnertruppe bei ihren Rekrutierungen nicht recht voran. Viele junge und verurteilte Straftäter würden das Angebot ablehnen, hieß es.

Die Existenz privater Militärunternehmen hat das russische Regime lange abgestritten, Söldnertum ist in Russland strikt verboten. Mit dem Ukrainekrieg haben sich die ohnehin schon schwer zu trennenden Grenzen zwischen regulärem russischem Militär und Schattenarmeen endgültig aufgehoben.

Das sagt Kiew

Die Ukraine will sich darauf konzentrieren, in den zurückeroberten Gebieten schnell voranzukommen. Dies kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache an. Die ukrainischen Truppen müssten sich weiterhin schnell bewegen, das normale Leben schnell wiederhergestellt werden. »Wir tun alles, um sicherzustellen, dass die Bedürfnisse der Ukraine auf allen Ebenen – Verteidigung, Finanzen, Wirtschaft, Diplomatie – erfüllt werden«, sagte Selenskyj. Er deutete zudem an, dass er am Mittwoch in einer Videoansprache vor den Vereinten Nationen auch die Beschleunigung von Waffenlieferungen und Hilfsleistungen anderer Länder fordern werde.

Wolodymyr Selenskyj (am 19. September)

Wolodymyr Selenskyj (am 19. September)

Foto: Ukrainian Presidential Press Off / dpa

Der ukrainische Präsident hat zudem erneut mit der Führung von Armee und Sicherheitsapparat über die Lage im Abwehrkampf gegen die russische Invasion beraten. Diese Beratungen haben sich gehäuft, seit die Ukraine Anfang September zu Gegenoffensiven übergegangen ist. Selenskyj sagte, dass die Ukraine die Lage in den befreiten Gebieten bei Charkiw im Osten fest im Griff habe. Er dankte einzelnen Brigaden seiner Armee, aber auch dem Geheimdienst SBU. Dieser trage Sorge dafür, »dass die Besatzer sich nirgends auf ukrainischem Boden halten können«.

Aus den Gräbern nahe der ukrainischen Stadt Isjum sind der örtlichen Regierung zufolge bisher 146 Leichen exhumiert worden. »Einige der Toten weisen Anzeichen eines gewaltsamen Todes auf. Es gibt Leichen mit gefesselten Händen und Spuren von Folter«, schrieb der Gouverneur der Region Charkiw, Oleg Sinegubow, auf Telegram. Zudem habe man die Leichen von zwei Kindern gefunden. Anwohnern zufolge kamen manche der begrabenen Menschen bei einem russischen Luftangriff ums Leben. Selenskyj zufolge wurden am Stadtrand von Isjum vermutlich insgesamt 450 Leichen begraben. Der Kreml weist die Anschuldigungen der Ukraine zurück.

Das sagt Moskau

Angesichts des Vormarsches ukrainischen Truppen beginnt in den von Moskau unterstützten Separatistengebieten Luhansk und Donezk eine Kampagne für einen schnellen Beitritt zu Russland. In der sogenannten Volksrepublik Luhansk appellierte ein »Bürgerkammer« genanntes Gremium an die örtliche Führung, bald eine Volksabstimmung über den Anschluss abzuhalten.

Wenig später folgte in der Volksrepublik Donezk die Bürgerkammer mit der gleichen Bitte, wie die russische Nachrichtenagentur Tass meldete. Auch im Gebiet Cherson fordere die Bevölkerung ein Referendum, sagte der von Russland eingesetzte Verwaltungschef Kirill Stremoussow.

Vorbereitungen auf solche Volksabstimmungen laufen sowohl in den Separatistenrepubliken wie in den neu von Russland eroberten Gebieten seit Längerem. In Cherson waren sie wegen der ukrainischen Vorstöße zunächst auf den 4. November verschoben worden.

Es sei noch zu früh, um über ein Datum zu sprechen, sagte der Vorsitzende der Bürgerkammer von Luhansk, Alexej Karjakin, im russischen Fernsehen. Der Hintergrund der Kampagne ist unklar. Die »Volksrepubliken« Donezk und Luhansk werden seit 2014 aus Moskau sehr kleinteilig gesteuert. Doch wenn dort auf einen Anschluss an Russland gedrängt wurde, reagierte Moskau bislang zurückhaltend.

Debatte über deutsche Waffenlieferungen

Die Ukraine soll für ihren Abwehrkampf gegen Russland von der Bundeswehr vier weitere Panzerhaubitzen erhalten. Die Lieferung werde unverzüglich in die Wege geleitet, teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit. Bei der Panzerhaubitze 2000 handelt es sich um schwere Artilleriegeschütze mit einer Reichweite bis zu 40 Kilometern. Die Lieferung soll auch ein Munitionspaket beinhalten.

Die Bundesregierung betonte, dass die Ukraine den Wunsch nach weiteren Haubitzen geäußert habe. »Die von Deutschland und den Niederlanden gelieferten Panzerhaubitzen 2000 haben sich im Gefecht mehr als bewährt«, sagte Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) laut Mitteilung. »Um die Ukraine in ihrem mutigen Kampf gegen den brutalen russischen Angriff weiter zu unterstützen, wird Deutschland diesem Wunsch nachkommen.« Mit den vier Panzerhaubitzen steige die Zahl der von Deutschland gelieferten Artilleriegeschütze auf 14.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sollte seine Reise nach New York aus Sicht der Grünen-Außenpolitikerin Jamila Schäfer nutzen, um über weitere Waffenlieferungen an die Ukraine zu sprechen. »Besonders glaubwürdig kann der Bundeskanzler bei den Vereinten Nationen agieren, wenn Deutschland seiner Verantwortung in der Ukraine gerecht wird«, sagte die Chefin der bayerischen Landesgruppe der Grünen im Bundestag.

Die jüngsten Geländegewinne der ukrainischen Armee hätten bewiesen, dass die westliche Militärhilfe den Ausschlag geben könne. »Olaf Scholz ist also angehalten, in den Gesprächen mit unseren amerikanischen Partnern unsere Unterstützung für die Lieferung von gepanzerten Fahrzeugen sowie Kampfpanzern zu signalisieren«, sagte Schäfer.

Internationale Reaktionen

Sänger Udo Lindenberg hat sich mit der bekannten russischen Popsängerin Alla Pugatschowa und ihrer Kritik an Russlands Angriffskrieg in der Ukraine solidarisiert. Er postete am Montagabend ein Foto von sich und Pugatschowa auf seiner Facebook-Seite und schrieb dazu, dass seine »langjährige Freundin und Kollegin« heftige Kritik an »Putins verbrecherischem Krieg gegen die Ukraine« äußere.

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Pugatschowa hatte am Sonntag beklagt, dass die russischen Soldaten für »illusorische Ziele« stürben, während gleichzeitig Russland durch den Krieg international geächtet werde. Die Worte der 73-Jährigen, die immer noch als Superstar in ihrer Heimat gilt, fanden ein breites Echo. Die staatlichen Medien allerdings ließen ihre Kriegskritik in der Berichterstattung unter den Tisch fallen.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Die deutschen Gasspeicher haben einen Füllstand von 90 Prozent überschritten. Dies geht aus Daten der europäischen Gas-Infrastruktur-Unternehmen hervor. Die Bundesregierung peilt einen Füllstand von 95 Prozent ab Anfang November an. Das Zwischenziel von 75 Prozent war Mitte August früher erreicht worden als geplant, wie auch die Marke von 85 Prozent Anfang September. Die Speicherfüllung gilt als ein entscheidendes Element dafür, dass Deutschland ohne Gasabschaltungen durch den Winter kommt.

Das US-Energieministerium gibt für November den Verkauf von weiteren bis zu zehn Millionen Barrel Öl aus der strategischen Reserve bekannt. Sie sind Teil einer im März von Präsident Joe Biden angekündigten Gesamtmenge von 180 Millionen Barrel. Bislang wurden 155 Millionen Barrel veräußert. Ursprünglich hieß es, dass die Verkäufe bis Ende Oktober abgeschlossen sein sollten. Ein vorgeschriebenes Datum für den Abschluss der Aktion – die größte ihrer Art in der US-Geschichte – gibt es nicht. Anfang November finden in den USA Kongresswahlen statt.

Was heute passiert

  • Mit Reden von Uno-Chef António Guterres und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan beginnt am Nachmittag deutscher Zeit die 77. Generaldebatte der Uno-Vollversammlung in New York. Später am Tag sollen auch der französische Präsident Emmanuel Macron und am Abend (Ortszeit) Bundeskanzler Scholz sprechen. Bei allen Reden dürfte der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine eine Hauptrolle spielen. Zudem veranstaltet US-Außenminister Antony Blinken einen Gipfel zur Nahrungsmittelsicherheit, an dem Scholz ebenfalls teilnehmen wird.

jok/Reuters/dpa
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