Krieg in der Ukraine USA sprechen von 100.000 Toten und Verletzten in russischer Armee

Das US-Militär hat die Verluste beider Kriegsparteien quantifiziert. Angriffsdrohnen wird Washington trotzdem nicht an Kiew liefern. Und: Präsident Selenskyj warnt Russen vor Sprengung von Staudamm. Das ist der Stand am Morgen.
Ukrainische Einheiten in der Region Donezk (am 6. November)

Ukrainische Einheiten in der Region Donezk (am 6. November)

Foto: Ukrainian Armed Forces / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Angaben aus dem Kriegsgebiet lassen sich kaum unabhängig überprüfen. Die USA gehen jedoch davon aus, dass beide Konfliktparteien inzwischen sechsstellige Opferzahlen in ihren Streitkräften als Folge des russischen Angriffskriegs zu beklagen haben. »Wir reden von deutlich mehr als 100.000 toten und verletzten russischen Soldaten. Und vermutlich dieselbe Zahl auf der ukrainischen Seite. Sehr viel menschliches Leid«, sagte US-Generalstabschef Mark Milley am Mittwochabend (Ortszeit) in New York. Zudem seien seit Beginn der russischen Invasion im Februar bis zu 40.000 ukrainische Zivilisten in dem Konflikt ums Leben gekommen.

Die USA versorgen die Ukraine seit Kriegsbeginn unter anderem mit Satellitenaufnahmen und anderen geheimen Informationen, sowie mit militärischer Ausrüstung in Milliardenwert. Dabei ist Washington allerdings auch darauf bedacht, nicht direkt in einen Konflikt mit Moskau zu geraten. In der Nacht zu Donnerstag meldete in diesem Zusammenhang das »Wall Street Journal« , dass die USA der Regierung in Kiew keine Drohnen vom Typ General Atomics MQ-1C Gray Eagle zur Verfügung stellen werden. Dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung der bekannten Predator-Drohnen. Die Ukraine hatte die USA um diese unbemannten Fluggeräte gebeten.

Gray-Eagle-Drohne (im Juli 2017)

Gray-Eagle-Drohne (im Juli 2017)

Foto: Jason Reed / REUTERS

Russische Angriffe haben am Mittwochabend die südukrainische Stadt Kriwyj Rih getroffen. Nach Darstellung der ukrainischen Militärverwaltung kamen dabei zahlreiche Kassettenbomben mit Streumunition aus russischen Raketenwerfern zum Einsatz. Die Bevölkerung wurde zu besonderer Vorsicht aufgerufen, um nicht die kleinen, zylinderförmigen Sprengsätze auszulösen.

Das sagt Kiew

Ungeachtet des von Moskau angekündigten Abzugs aus der südukrainischen Stadt Cherson und vom gesamten rechten Dnipro-Ufer mahnte der Präsident der Ukraine Zurückhaltung an. Nach der Ankündigung herrsche zwar »viel Freude«, sagte Wolodymyr Selenskyj am Mittwochabend in seiner täglichen Videoansprache. »Aber unsere Emotionen müssen zurückgehalten werden – gerade während des Krieges.«

Wolodymyr Selenskyj mit Schauspieler Sean Penn (in Kiew am 8. November)

Wolodymyr Selenskyj mit Schauspieler Sean Penn (in Kiew am 8. November)

Foto: Ukraine Presidency / dpa

Selenskyj verwies darauf, dass der Rückzug der russischen Besatzer in erster Linie den Erfolgen der ukrainischen Streitkräfte zu verdanken sei. »Der Feind macht uns keine Geschenke, macht keine Gesten des guten Willens.«

Und die Ukraine werde weiterkämpfen. »Ich werde den Feind definitiv nicht mit allen Details unserer Operationen füttern«, sagte Selenskyj. »Ob im Süden, ob im Osten oder sonst wo – unsere Ergebnisse wird jeder sehen, selbstverständlich.« Das ukrainische Militär werde sich weiter »sehr vorsichtig, ohne Emotionen, ohne unnötiges Risiko« bewegen. Und dies mit möglichst wenigen Verlusten. »So werden wir die Befreiung von Cherson, Kachowka, Donezk und unseren anderen Städten sichern.«

Selenskyj warnte die Entscheider in Moskau davor, den Befehl zum Sprengen des Kachowka-Staudamms oberhalb von Cherson oder zur Beschädigung des Atomkraftwerk Saporischschja zu geben. »Dies würde bedeuten, dass sie der gesamten Welt den Krieg erklären«, sagte der Präsident.

Unter dem Druck ständiger ukrainischer Angriffe hatte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Mittwoch den Abzug des russischen Militärs aus Cherson und der gesamten Region um die Stadt angeordnet. Nach dem Scheitern des Vormarschs auf Kiew und dem Rückzug bei Charkiw gilt dies als weitere militärische Niederlage Russlands. Moskau nannte den Abzug eine »militärischen Notwendigkeit« und »Umgruppierung der Kräfte«.

Die ukrainische Führung hat zudem ein neues Gesprächsangebot Moskaus als »neue Nebelkerze« zurückgewiesen. »Russische Beamte beginnen, Gesprächsangebote immer dann zu unterbreiten, wenn die russischen Truppen Niederlagen auf dem Schlachtfeld erleiden«, schrieb Außenamtssprecher Oleh Nikolenko auf Facebook. Die russische Militärführung hatte wenige Stunden zuvor den Abzug aus den besetzten Gebieten der Region Cherson auf der rechten Seite des Dnipro angekündigt. Mit dem neuen Dialogangebot spiele Russland lediglich auf Zeit, um seine Truppen neu zu sortieren und zu verstärken – und um dann »neue Wellen der Aggression« einzuleiten.

In Moskau hatte Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Nachmittag die Bereitschaft Russlands zu Gesprächen »auf Grundlage der aktuellen Realitäten« angeboten. Damit war der aktuelle Stand an den Fronten gemeint. »Wir sind weiterhin zu Gesprächen bereit, wir haben sie nie verweigert«, sagte sie.

Kiew hat bereits mehrere Verhandlungsangebote aus Moskau abgelehnt; die Regierung um Selenskyj fordert als Vorleistung den kompletten Rückzug russischer Truppen aus der Ukraine, auch von der Halbinsel Krim.

Das sagt Moskau

Der russische Präsident Wladimir Putin wird nach Angaben Indonesiens kommende Woche nicht an einem Treffen der Staats- und Regierungschefs der G20 auf Bali teilnehmen. Putin wird durch den russischen Außenminister Sergej Lawrow vertreten. Der Kremlchef nehme aber an einem der Gespräche virtuell teil, sagte Jodi Mahardi, ein Sprecher des Koordinators für maritime und Investitionsangelegenheiten.

Die russische Seite will Vorbereitungen der ukrainischen Streitkräfte auf ein Vorrücken in Richtung des Atomkraftwerks Saporischschja erkannt haben. Dazu seien rund um die Stadt Saporischschja rund 7000 ukrainische Soldaten zusammengezogen worden, zitierte die Agentur Tass einen Vertreter der Besatzungsverwaltung, Wladimir Rogow. Unter diesen Truppen seien auch etwa 300 Kommandosoldaten, die für diesen Einsatz speziell in Großbritannien ausgebildet worden seien. Alle Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.

Das russische Militär kontrolliert das südlich von Saporischschja gelegene Atomkraftwerk, das als größte Atomanlage Europas gilt. Die Internationale Atomenergiebehörde bemüht sich seit Monaten, um das Werk eine Schutzzone ohne Kämpfe einzurichten.

Internationale Reaktionen

Unionsfraktionsvize Johann Wadephul hat die Ankündigung Moskaus, sich aus der ukrainischen Gebietshauptstadt Cherson zurückziehen zu wollen, als »ein dramatisches Eingeständnis der Schwäche Russlands« gewertet. Es zeige, dass die angekündigte Rekrutierungskampagne Russlands nicht funktioniere, sagte der CDU-Außenexperte am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. »Dieser Rückzug wird zu Rissen in der russischen Führung führen«, prognostizierte Wadephul. Das Momentum bleibe auf der Seite der Ukraine, sie habe Chancen, die von Russland besetzten Territorien zurückzuerobern. »Doch dafür müssen wir sie endlich schneller und substanzieller unterstützen. Hier ist die Bundesregierung gefragt«, mahnte der CDU-Politiker.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Das Bruttoinlandsprodukt in der Ukraine wird nach Worten von Wirtschaftsministerin Julia Sywrydenko in diesem Jahr um 39 Prozent schrumpfen – und damit stärker als bisher mit 35 Prozent prognostiziert. Grund sei die Zerstörung der zivilen Infrastruktur durch Russland. Sywrydenko sagte, die ukrainische Regierung unternehme Schritte zur Verkleinerung der Regierung, die auch einen Personalabbau beinhalten würden. Sie bemühe sich zudem um eine einjährige Verlängerung der Aussetzung der US-Zölle auf Stahl. Ferner schaue man sich die Privatisierung kleinerer Staatsfirmen an.

jok/dpa/Reuters
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