Was in der Nacht geschah Heftige Angriffe in Lyssytschansk, für Putin läuft »alles nach Plan«

Die ukrainische Stadt Lyssytschansk wird »dauerhaft mit großen Kalibern bombardiert«. Amnesty stuft den Luftangriff auf das Theater von Mariupol als Kriegsverbrechen der russischen Streitkräfte ein. Der Überblick.
Zerstörte Häuser in Lyssytschansk (das Foto entstand am 17. Juni)

Zerstörte Häuser in Lyssytschansk (das Foto entstand am 17. Juni)

Foto: STRINGER / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die russischen Angriffe auf die Stadt Lyssytschansk sind »gewaltig«: Das sagte der Gouverneur der ostukrainischen Region Luhansk, Serhij Hajdaj, im ukrainischen Fernsehen. Die Stadt werde »dauerhaft mit großen Kalibern bombardiert«. Die Kämpfe in den Vororten der Stadt dauerten an. »Die russische Armee versucht ständig anzugreifen.« In der Stadt halten sich den Angaben des Gouverneurs zufolge noch rund 15.000 Zivilisten auf.

Lyssytschansk ist das nächste wichtige Ziel der russischen Truppen , nachdem sie die Nachbarstadt Sjewjerodonezk nach wochenlangen Gefechten am Wochenende komplett eingenommen hatten. Die Region Luhansk, eine der beiden Teilregionen des Donbass, steht damit nahezu vollständig unter russischer Kontrolle.

DER SPIEGEL

Mehr als 450 ukrainische Soldaten haben derweil ihr dreiwöchiges militärisches Training in Großbritannien abgeschlossen. Sie wurden unter anderem im Umgang mit Mehrfachraketenwerfern geschult, die Großbritannien an die Ukraine liefert. Das Programm in Salisbury wurde von den Briten geleitet, auch Neuseeland war beteiligt.

Soldaten beim Training in Salisbury

Soldaten beim Training in Salisbury

Foto: Tim Merry; Daily Express / dpa

Das sagt Kiew

Die Lage der ukrainischen Truppen in den schwer umkämpften Gebieten im Osten des Landes bleibt nach Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj sehr schwierig. »Wir unternehmen alles, um unser Militär mit modernen Artilleriesystemen auszustatten und den Besatzern angemessen zu antworten«, sagte er in der Nacht zum Donnerstag in seiner täglichen Videoansprache.

Der bisherige Druck auf Russland reiche nicht aus, sagte Selenskyj. Dabei verwies er darauf, dass allein am Mittwoch zehn russische Raketen auf die ukrainische Stadt Mikolajiw abgefeuert worden seien. »Und alle waren auf zivile Ziele gerichtet.«

Selenskyj kündigte auch an, die diplomatischen Beziehungen zu Syrien abzubrechen. Damaskus hatte zuvor die prorussischen selbst ernannten »Volksrepubliken« Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine anerkannt. Damit war Syrien das erste Land nach Russland, das die beiden Separatistengebiete anerkannte. Syrien und Russland sind seit Jahrzehnten Verbündete.

Syriens Entscheidung sei eine »unbedeutende Geschichte«, sagte Selenskyj nun. Er warnte jedoch, der »Sanktionsdruck« auf das mit Russland verbündete Damaskus werde noch steigen.

Das sagt Moskau

Kremlchef Wladimir Putin hat erneut behauptet, die Kampfhandlungen in der Ukraine liefen planmäßig. »Die Arbeit läuft ruhig, rhythmisch, die Truppen bewegen sich und erreichen die Linien, die ihnen als Etappenziele vorgegeben wurden«, sagte er am Mittwoch vor russischen Journalisten in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat. »Alles läuft nach Plan«, zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Tass.

Putin wiederholte auch die bisherige Darstellung zu den Zielen der »Spezialoperation« – so wird der Angriffskrieg von der russischen Führung genannt. Es gehe darum, den Donbass »zu befreien«, die dortigen Einwohner »zu schützen« und »Bedingungen zu schaffen, die die Sicherheit Russlands garantieren würden«. Die Nato habe die Ukraine in einen »antirussischen Brückenkopf« verwandeln wollen, bekräftigte Putin frühere Rechtfertigungen des Angriffs.

Der russische Präsident sprach auch über den geplanten Nato-Beitritt von Finnland und Schweden. »Es gibt nichts, was uns mit Blick auf eine Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens in der Nato  Sorgen machen würde. Wenn sie wollen – bitte«, sagte Putin. Doch die Länder müssten sich auf eine russische Reaktion gefasst machen. Sollten in den Staaten »Militärkontingente und militärische Infrastruktur stationiert werden«, wäre Russland gezwungen, in gleicher Weise zu reagieren. »Alles war gut zwischen uns, aber jetzt wird es irgendwelche Spannungen geben – das ist offensichtlich, zweifelsfrei, ohne geht es nicht.«

Putin wies zudem die Verantwortung für den Angriff auf ein Einkaufszentrum in der ukrainischen Stadt Krementschuk mit 18 Toten zurück. »Unsere Armee greift keine zivile Infrastruktur an. Wir sind absolut in der Lage zu wissen, was sich wo befindet«, sagte er.

Putin in Aschgabat

Putin in Aschgabat

Foto: Grigory Sysoyev / dpa

Putin wollte sich nicht dazu äußern, wie lange die Kampfhandlungen noch andauern könnten. »Es wäre falsch, irgendwelche Fristen zu setzen«, sagte er. Intensivere Kampfhandlungen würden höhere Verluste bedeuten, und »wir müssen vor allem daran denken, wie wir das Leben unserer Jungs erhalten können«. Die russischen Soldaten bezeichnete Putin als »Helden«.

Der russische Präsident sprach auch über die jüngsten Kommentare beim G7-Gipfel über Fotos von ihm mit nacktem Oberkörper. Hätten die G7-Spitzen sich entblößt, wäre dies ein »widerlicher Anblick« gewesen, sagte Putin.

Er bezog sich dabei auf eine Unterhaltung, die sich bereits am Sonntagnachmittag beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern ereignete: Der britische Regierungschef Boris Johnson fragte angesichts der hohen Temperaturen, ob man die Jacketts wohl ausziehe oder nicht, und fügte hinzu: »Wir alle müssen zeigen, dass wir härter sind als Putin.« Der kanadische Premier Justin Trudeau erwiderte unter anderem: Reiten mit nacktem Oberkörper, das müsse man machen. Er spielte damit auf ein bekanntes Foto Putins in solcher Pose an.

»Ich weiß nicht, wie sie sich ausziehen wollten, oberhalb oder unterhalb der Gürtellinie. Ich denke, es wäre in jedem Fall ein widerlicher Anblick gewesen«, wurde Putin nun von Tass zitiert.

Internationale Reaktionen

Großbritannien weitet seine Militärhilfen für die Ukraine massiv aus. Die britische Regierung kündigte am Mittwochabend an, die Hilfen um eine Milliarde Pfund (knapp 1,2 Milliarden Euro) zu erhöhen – und damit fast zu verdoppeln. Insgesamt hat Großbritannien der Ukraine damit Militärhilfen im Umfang von 2,3 Milliarden Pfund zugesagt, wie die Regierung erklärte. Geliefert werden sollen demnach unter anderem Luftabwehrsysteme, Drohnen und Ausrüstung zur elektronischen Kriegsführung.

Premierminister Johnson erklärte, Russlands Angriffe gegen die Ukraine seien »zunehmend barbarisch«, nachdem die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin erhofften militärischen Erfolge ausblieben. »Britische Waffen, Ausrüstung und Ausbildung transformieren die ukrainische Verteidigung gegen diesen Ansturm.«

Amnesty International hat den Luftangriff auf das Theater von Mariupol im März als Kriegsverbrechen der russischen Streitkräfte eingestuft. Die Menschenrechtsorganisation sammelte nach eigenen Angaben gut drei Monate lang Beweise und hat nun einen Bericht dazu vorgelegt. Enthalten seien auch Aussagen von 52 Überlebenden und Zeugen, von denen sich 28 zum Zeitpunkt der Attacke am 16. März in oder in der Nähe des Theaters befunden hätten.

»Bei dem Angriff auf das Theater in Mariupol handelt sich um ein Kriegsverbrechen seitens russischer Truppen«, sagte Julia Duchrow von Amnesty International Deutschland. Höchstwahrscheinlich seien zwei 500-Kilo-Bomben abgeworfen worden. In dem Theater hatten Einwohner der umkämpften ukrainischen Hafenstadt Schutz gesucht. »Allem Anschein nach« habe das russische Militär »vorsätzlich ukrainische Zivilpersonen ins Visier« genommen, sagte Duchrow. Der Internationale Strafgerichtshof müsse den Angriff als Kriegsverbrechen behandeln und untersuchen.

Was heute passiert

  • In Madrid geht der Nato-Gipfel in seinen zweiten und letzten Tag. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die durch Russlands Krieg gegen die Ukraine ausgelöste Lebensmittelkrise und der zunehmende Einfluss Russlands und Chinas zum Beispiel auf Länder in Afrika.

  • Inmitten von Diskussionen um seine angekündigte Teilnahme am G20-Gipfel im Herbst in Indonesien empfängt Kremlchef Wladimir Putin seinen indonesischen Amtskollegen Joko Widodo in Moskau. Zu Beginn der Woche hatte der Kreml Putins Teilnahme bei dem Treffen Mitte November bestätigt – allerdings offen gelassen, ob er persönlich nach Bali reisen oder per Video zugeschaltet sein wird. Widodo hatte am Mittwoch den ukrainischen Präsidenten in Kiew besucht.

aar/dpa/Reuters
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