Krieg in Osteuropa Selenskyj wirft Russland »Barbarei« in Charkiw vor, Bürger in Donezk sollen fliehen

Laut Präsident Selenskyj ist eine Universität in Charkiw durch russische Raketen zerstört worden. Und: Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für Tote und Verletzte bei neuen Angriffen verantwortlich. Der Überblick.
Zerstörtes Gebäude in Charkiw

Zerstörtes Gebäude in Charkiw

Foto: - / dpa

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die ostukrainische Region Luhansk wird nach Darstellung von Gouverneur Serhij Hajdaj noch nicht völlig von der russischen Armee kontrolliert. Die Kämpfe dauerten in Außenbezirken an, teilte er per Nachrichtendienst Telegram mit. Das russische Militär erleide Verluste. Die ukrainische Armee habe sich nur von jenen Positionen zurückgezogen, die nicht zu halten waren.

Hajdaj warf den Angreifern vor, in der Region verbrannte Erde zu hinterlassen. Er gehe davon aus, dass die russische Armee von Luhansk aus eine Offensive gegen die Orte Bachmut und Slowjansk in der Region Donezk starten wolle.

Im Gebiet Donezk fordern die Behörden die Zivilbevölkerung vor diesem Hintergrund zur Flucht auf. »Russland hat das gesamte Gebiet von Donezk zu einem gefährlichen Hotspot auch für Zivilisten gemacht«, teilte Gouverneur Pawlo Kyrylenko mit. Der Bürgermeister von Slowjansk, Wadym Ljach, kündigte an, Zivilisten sollten mit Bussen und Zügen in den Westen des Landes gebracht werden. »Kein Risiko eingehen! Packt zusammen!« Insgesamt seien seit Beginn der Kämpfe in Slowjansk 17 Menschen getötet und 67 weitere Personen verletzt worden.

Beide Kriegsparteien machten sich unterdessen gegenseitig für Tote und Verletzte bei neuen Angriffen verantwortlich. Die prorussischen Separatisten in der Region Donezk warfen der ukrainischen Armee vor, durch Beschuss sechs Menschen getötet zu haben, darunter drei Kinder. 19 Menschen seien verletzt worden. Die Angaben waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.

Das sagt Kiew

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat westliche Waffenlieferungen für die ukrainische Armee als enorme Unterstützung im Krieg gegen Russland gelobt. So besäße etwa die Artillerie, die die Ukraine von ihren Partnern erhalten habe, große Treffgenauigkeit, sagte er am Mittwoch in einer Videobotschaft.

Die ukrainische Armee zerstöre damit Depots und andere Ziele, die für die Logistik der Russen wichtig seien. »Und das reduziert das Offensivpotenzial der russischen Armee erheblich. Die Verluste der Besatzer werden mit jeder Woche zunehmen«, sagte Selenskyj.

Am Mittwoch sei die pädagogische Universität der zweitgrößten Stadt Charkiw durch einen russischen Raketenangriff zerstört worden. »Das charakterisiert die russische Invasion mit einer Genauigkeit von 100 Prozent. Wenn man definiert, was Barbarei ist, ist dieser Schlag am besten geeignet«, sagte Selenskyj. Nur ein »Feind von Zivilisation und Menschlichkeit« könne Raketen auf eine pädagogische Universität abfeuern.

Kein Besatzer werde Ruhe haben, beteuerte Selenskyj. »Jeder russische Mörder und Vergewaltiger, der in unser Land gekommen ist, wird zur Rechenschaft gezogen. Und es spielt keine Rolle, wie lange es dauert, diese Aufgabe zu erledigen.«

Internationale Reaktionen

Die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl, würde die Bundeswehr gerne mehr Waffen selbst reparieren lassen. »Wir sollten die Kompetenzen unserer Truppe stärker nutzen, die ihr Gerät selbst instand setzen will«, sagte die SPD-Politikerin im Gespräch mit »t-online.de«. »Wir haben da ein hohes Niveau, hier sollten wir stärker auf die eigenen Fähigkeiten zurückgreifen.«

Bislang darf die Armee dem Portal zufolge aus rechtlichen Gründen nur bei knapp der Hälfte der rund 50 Hauptwaffensystemen selbst Reparaturen vornehmen. Högl verwies nun auch auf den Faktor Geschwindigkeit: »Wir sehen mit dem Krieg in der Ukraine, dass es unter Umständen schnell gehen muss: Wenn unsere Soldaten zum Beispiel an die Ostflanke verlegt werden, damit sie die Nato-Partner im Osten unterstützen können.«

Serhij Zhadan, ukrainischer Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, verurteilt die Forderung deutscher Prominenter nach Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. Der größte Fehlschluss der Leute, die das verlangen, liege darin zu glauben, die Russen wollten verhandeln. Das schrieb der 47-Jährige in einem Beitrag für die Wochenzeitung »Die Zeit«. Darin heißt es auch: »Wir können unseren Widerstand nicht aufgeben, weil wir sonst vernichtet werden. Wir müssen vom Westen Waffen fordern, weil wir sonst vernichtet werden.«

Deutsche Prominente wie Juli Zeh oder Richard David Precht hatten vergangene Woche in einem erneuten offenen Brief Politiker dazu aufgefordert, den Krieg in der Ukraine durch Verhandlungen zu beenden. Auch dieser Appell war in der »Zeit« erschienen. Darauf antwortete Zhadan nun: »Indem sie einem falsch verstandenen Pazifismus anhängen – der nach zynischer Gleichgültigkeit stinkt –, legitimieren die Verfasser die Putin'schen Propaganda-Narrative, die besagen, dass die Ukraine kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf Existenz, kein Recht auf eine eigene Stimme hat, weil ihre Stimme den großen und schrecklichen Putin womöglich reizen könnte.«

Was heute passiert

  • Um angesichts der Drosselung russischer Lieferungen Gas einzusparen , soll weniger Gas zur Stromproduktion genutzt werden – stattdessen sollen wieder mehr Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen. Der Bundestag will dazu voraussichtlich am späten Donnerstagabend über entsprechende Gesetzesänderungen abstimmen. Genutzt werden sollen künftig Kohlekraftwerke, die gegenwärtig nur eingeschränkt verfügbar sind, demnächst stillgelegt würden oder sich in einer Reserve befinden. Die Änderungen sollen dann am Freitag den Bundesrat passieren.

  • Am Donnerstagabend (Ortszeit) beginnt auf der indonesischen Insel Bali ein Treffen der Außenministerinnen und Außenminister der G20. Die deutsche Ressortchefin Annalena Baerbock warb vor ihrem Abflug für eine gemeinsame Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. »Wir alle haben ein Interesse daran, dass internationales Recht geachtet und respektiert wird. Das ist der gemeinsame Nenner«, sagte sie vor ihrem Abflug. »Und es ist auch der Grund, warum wir Russland nicht einfach die Bühne des Treffens überlassen werden.«

aar/dpa/Reuters
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