Was in der Nacht geschah Ukraine meldet Tote bei Angriff auf Odessa, Krieg kann laut Scholz noch lange dauern

In einem Wohnhaus in Odessa soll eine russische Rakete eingeschlagen sein. Laut Kanzler Scholz traf der Kremlchef die Entscheidung zum Krieg schon Monate im Voraus. Die Ukraine distanziert sich von Melnyks Äußerungen. Der Überblick.
Für Russland kämpfende Soldaten in der ukrainischen Region Luhansk (am 24. Juni)

Für Russland kämpfende Soldaten in der ukrainischen Region Luhansk (am 24. Juni)

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IMAGO/Viktor Antonyuk / IMAGO/SNA

Was in den vergangenen Stunden geschah

Bei einem russischen Raketenangriff auf ein Mehrfamilienhaus in der südukrainischen Region Odessa sind nach ukrainischen Angaben mindestens zehn Menschen getötet worden. Die Rakete sei von einem russischen Militärflugzeug über dem Schwarzen Meer abgefeuert worden, sagte der Sprecher der Regionalverwaltung von Odessa, Serhij Bratschuk. Getroffen wurde demnach ein Wohnhaus mit neun Stockwerken. Nach der Attacke sei ein Brand ausgebrochen.

Die Rettungskräfte hatten zunächst von sechs Toten und sieben Verletzten gesprochen. Unter den Verletzten sind demnach auch drei Kinder. »Die Zahl der Toten bei dem Raketenangriff auf das Wohngebäude ist auf zehn gestiegen«, erklärte Bratschuk später. Die Angaben waren nicht unabhängig zu überprüfen.

Auch die Kämpfe im Osten des Landes dauern an. Im Gebiet Luhansk sind die regierungstreuen Truppen in Lyssytschansk nach eigenen Angaben akut von einer Einschließung bedroht. Die knapp sieben Kilometer westlich der Stadt gelegene Raffinerie sei umkämpft, teilte der Generalstab in Kiew mit. Die im Süden stehenden russischen Truppen seien nach Norden vorgerückt. Auch an der westlichen und der südlichen Stadtgrenze werde bereits gekämpft.

In russischen Medien wurde die Raffinerie schon als komplett erobert dargestellt. Lyssytschansk ist der letzte größere Ort in Luhansk unter ukrainischer Kontrolle.

Das sagt Kiew

Der russische Rückzug von der Schlangeninsel versetzt die Ukraine nach Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj in eine bessere Position. »Die Schlangeninsel ist ein strategischer Punkt, und das verändert erheblich die Situation im Schwarzen Meer«, sagte er in seiner Videoansprache in der Nacht zum Freitag . Die Handlungsfreiheit des russischen Militärs werde dadurch deutlich eingeschränkt, auch wenn dies noch keine Sicherheit garantiere.

Russland hatte die Schlangeninsel kurz nach Beginn des Angriffes auf die Ukraine am 24. Februar besetzt. Dass davor die wenigen ukrainischen Soldaten dem später gesunkenen russischen Kreuzer »Moskwa«  in obszönen Worten empfahlen, sich zum Teufel zu scheren, machte das kleine Eiland berühmt – und stärkte die Moral der Ukrainer. Damit ist die Rückeroberung der Insel für sie auch ein symbolischer Erfolg. Selenskyj sprach davon, dass man die russischen Truppen so vom gesamten ukrainischen Territorium verdrängen werde.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Donnerstag zwar, man verlasse die Insel als »Zeichen des guten Willens«. Das ukrainische Militär entgegnete, eine Serie von Artillerie- und Luftangriffen habe die Besatzer vertrieben.

Selenskyj sagte außerdem, die Ukraine habe mit der Stromübertragung nach Rumänien begonnen. Das sei der Beginn eines Prozesses, der Europa helfen könnte, seine Abhängigkeit von russischen Brennstoffen zu verringern. Seit Mitte März hatte die Ukraine ihr Energienetz mit dem Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber synchronisiert.

Das ukrainische Außenministerium hat sich von Äußerungen des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk, distanziert. In einer Erklärung  betonte das Außenministerium die enge Zusammenarbeit mit Polen. Die Meinung, die Melnyk in einem Interview mit einem deutschen Journalisten geäußert habe, »ist seine eigene und spiegelt nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wider«, hieß es weiter.

Hintergrund sind Äußerungen Melnyks gegenüber dem Journalisten Thilo Jung über den ukrainischen Nationalisten und Partisanenführer Stepan Bandera. Mehr dazu können Sie hier nachlesen.

Internationale Reaktionen

Bundeskanzler Olaf Scholz hält es für möglich, dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine noch sehr lange fortsetzen kann. Putin habe die Entscheidung, diesen Krieg zu führen, ein Jahr vor dessen Beginn oder noch früher getroffen, sagte der Kanzler in einem Interview mit dem US-TV-Sender CBS : »Und so wird er in der Lage sein, den Krieg wirklich lange Zeit fortzusetzen.« Das Interview wurde am Rande des Nato-Gipfels in Madrid aufgezeichnet.

Angesprochen auf die Wirksamkeit der westlichen Sanktionen gegen Russland sagte Scholz, Putin würde es zwar »nicht wirklich zugeben«. Aber: »Man bekommt eine Vorstellung davon, dass es ihm wirklich wehtut und dass (Putin) die tiefgreifenden Auswirkungen unserer Sanktionen auf seine Wirtschaft versteht.«

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Die USA haben das Milliardenvermögen eines russischen Oligarchen eingefroren. Amerikanische Ermittler hätten die im Bundesstaat Delaware ansässige Firma Heritage Trust dem russischen Milliardär Suleiman Kerimow zugeordnet und beschlagnahmt, erklärte das Finanzministerium am Donnerstag. Das Unternehmen ist mehr als eine Milliarde Dollar wert.

Heritage Trust wurde im Jahr 2017 gegründet und schleuste nach Angaben des Finanzministeriums Geld über Briefkastenfirmen und in Europa gegründete, unauffällige Stiftungen in die USA. Kerimow steht bereits seit 2018 wegen Geldwäschevorwürfen und seiner Verbindungen zur russischen Regierung auf US-Sanktionslisten. Erst vor wenigen Wochen hatten die USA eine 300 Millionen Euro teure Jacht beschlagnahmt, die Kerimow gehören soll.

Finanzministerin Janet Yellen kündigte ein entschiedenes Durchsetzen der Russlandsanktionen an, »selbst wenn sich die russischen Eliten hinter Stellvertretern und komplexen rechtlichen Vereinbarungen verstecken«.

Was heute noch passiert

  • Tschechien übernimmt heute zum zweiten Mal seit dem EU-Beitritt des Landes im Jahr 2004 die rotierende Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Prag will die militärische und humanitäre Hilfe für die Ukraine sowie die EU-Erweiterung auf dem Westbalkan in den Fokus seiner EU-Ratspräsidentschaft rücken. Regierungschef Petr Fiala hat den Wunsch geäußert, einen Ukrainegipfel nach Möglichkeit mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj zu organisieren. Auch die Energiesicherheit in Europa soll eine wichtige Rolle spielen.

  • Bundesaußenministerin Annalena Baerbock trifft ihre slowenische Amtskollegin Tanja Fajon. Bei dem Gespräch soll es unter anderem um den Krieg in der Ukraine gehen.

aar/dpa/Reuters
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