Krieg in Osteuropa Ukraine will »Chaos innerhalb der russischen Streitkräfte« schaffen, schwere Angriffe bei Donezk

Der ukrainische Präsidentenberater Podolyak erklärt in einem Interview die Militärstrategie seines Landes. Und: Russland feuert offenbar bis zu 60.000 Schuss Munition ab – pro Tag. Der Überblick.
Charkiw am Montag: In der Morgendämmerung sind russische Raketen zu sehen, die von der russischen Region Belgorod aus auf die Ukraine abgefeuert werden

Charkiw am Montag: In der Morgendämmerung sind russische Raketen zu sehen, die von der russischen Region Belgorod aus auf die Ukraine abgefeuert werden

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Vadim Belikov / dpa

Was in den vergangenen Stunden geschah

Die ostukrainische Großstadt Charkiw ist am Dienstagabend von zahlreichen russischen Geschossen getroffen worden. Dabei habe die russische Armee Mehrfachraketenwerfer eingesetzt, erklärte Bürgermeister Ihor Terechow auf Telegram. Durch Einschläge neben einem Wohnhaus seien Wände durchschlagen und Fenster zerstört worden. Nach vorläufigen Angaben gebe es keine Opfer. »Seid vorsichtig!«, mahnte Terechow die Menschen in der Stadt.

Nach Schätzungen des ukrainischen Oberkommandierenden Walerij Saluschnyj feuert die russische Armee täglich 40.000 bis 60.000 Schuss Munition auf Stellungen der ukrainischen Armee ab. Am schwersten sei die Lage derzeit bei Donezk, wo die ukrainischen Stellungen bei Awdijiwka, Pisky und Marjinka unter heftigem Feuer liegen. Das schrieb Saluschnyj am Dienstag auf Facebook .

Auch der ukrainische Generalstab sprach in seinem Lagebericht für Dienstagabend von heftigen Angriffen auf ukrainische Stellungen am Nordwestrand der Separatistenhochburg Donezk. Weiter nördlich im Donbass bei Bachmut und Soledar sei es gelungen, russische Sturmangriffe abzuwehren. Der Feind habe sich unter Verlusten zurückziehen müssen. Unabhängige Bestätigungen für die Militärangaben gab es nicht.

Ein Luftwaffenstützpunkt bei Schytomyr in der Westukraine sei von russischen Flugzeugen mit Marschflugkörpern beschossen worden, teilte das zuständige ukrainische Luftwaffenkommando mit. Dabei sei die Startbahn beschädigt und mehrere Fahrzeuge seien zerstört worden. Den Angaben nach waren die russischen Kampfflugzeuge in Belarus gestartet, hatten erst einen Übungsflug vorgetäuscht und dann die Lenkraketen abgeschossen.

Ein Mann läuft am Dienstag an zerstörten Häusern im ostukrainischen Kramatorsk vorbei

Ein Mann läuft am Dienstag an zerstörten Häusern im ostukrainischen Kramatorsk vorbei

Foto: David Goldman / AP

Der ukrainische Atomkonzern Energoatom ist derweil nach eigenen Angaben Opfer eines »beispiellosen« russischen Cyberangriffs geworden. Er habe aber keine »größeren« Auswirkungen gehabt. Auf die Website von Energoatom sei am Dienstag die bislang größte Cyberattacke seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar verübt worden, teilte das Unternehmen mit. Die Attacke habe drei Stunden gedauert.

Sie erfolgte inmitten der internationalen Sorge um das von Energoatom betriebene ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja. Die russische Armee hält die Anlage seit März besetzt, seit Ende Juli wurde sie wiederholt beschossen. Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für die Angriffe verantwortlich.

Das sagt Kiew

Nach einer Reihe von schweren Explosionen in russischen Militäranlagen auf der Krim hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Ukrainer in besetzten Gebieten zu Vorsicht aufgerufen. »Bitte gehen Sie nicht in die Nähe der militärischen Einrichtungen der russischen Armee und all jener Orte, an denen sie Munition und Ausrüstung lagern, wo sie ihre Hauptquartiere unterhalten!«

Er richtete diesen Appell an »alle unsere Leute auf der Krim, in anderen Regionen im Süden der Ukraine, in den besetzten Gebieten des Donbass und in der Region Charkiw«. Selenskyj reklamierte die Detonationen in seiner Videoansprache nicht als erfolgreiche Angriffe für die Ukraine. Die Auslöser seien »sehr verschieden«, die Russen könnten auch selbst schuld sein.

DER SPIEGEL

Kritiker halten Selenskyj vor, dass er die Ukraine trotz Warnungen nicht besser auf die Invasion vorbereitet habe. Darauf reagierte der Präsident am Dienstag: Er begründete den Verzicht auf offene Kriegsvorbereitungen vor dem 24. Februar damit, sein Land habe nicht in Panik versetzt werden sollen.

Die USA hätten ihn ab Herbst 2021 immer eindringlicher vor einer von Präsident Wladimir Putin befohlenen russischen Invasion gewarnt, sagte Selenskyj der »Washington Post« . Seine Führung habe einen wirtschaftlichen Zusammenbruch vermeiden und die Bevölkerung im Land halten wollen. Wenn er damals gesagt hätte, dass seine Landsleute Geld und Lebensmittel horten sollen, »dann hätte ich seit vergangenem Oktober jeden Monat sieben Milliarden US-Dollar verloren«, sagte der Präsident. »Und wenn Russland dann angreift, hätten sie uns in drei Tagen erobert.«

Selenskyj rechtfertigte sich: »Generell war unser inneres Gefühl richtig: Wenn wir unter den Leuten vor der Invasion Chaos säen, werden die Russen uns auffressen. Denn im Chaos fliehen die Leute aus dem Land.« Die Menschen in der Ukraine zu halten, sei der Schlüssel dazu gewesen, das Land zu verteidigen.

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Der ukrainische Präsidentenberater Mykhailo Podolyak sprach mit dem britischen »Guardian«  über die Strategie der Armee seines Landes. Demnach führt die Ukraine eine Gegenoffensive, die darauf abzielt, »Chaos innerhalb der russischen Streitkräfte« zu schaffen. Dafür sollten unter anderem Versorgungswege der Invasoren tief in den besetzten Gebieten getroffen werden, sagte Podolyak.

In den kommenden »zwei oder drei Monaten« könne es vermehrt zu Angriffen kommen, die denen von vergangener Woche ähnelten. Podolyak bezog sich explizit auf die Explosionen auf einem russischen Militärstützpunkt  auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim.

»Unsere Strategie besteht darin, die Logistik, die Versorgungswege und die Munitionsdepots und andere Objekte der militärischen Infrastruktur zu zerstören«, sagte der Präsidentenberater. So werde Chaos innerhalb der russischen Streitkräfte geschaffen.

Internationale Reaktionen

Am Donnerstag soll es im ukrainischen Lwiw (Lemberg) zu einem Treffen von Selenskyj, Uno-Generalsekretär António Guterres und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan kommen. Dabei werde es nach türkischer Darstellung auch um diplomatische Wege aus dem Krieg gehen. Auf dem Dreiergipfel werde unter anderem die »Beendigung des Krieges zwischen der Ukraine und Russland auf diplomatischem Wege erörtert«, hieß es in einer Stellungnahme des türkischen Präsidialamtes vom Dienstag.

Die Vereinten Nationen hatten sich bezüglich möglicher Gespräche mit Selenskyj über ein Ende der Kampfhandlungen deutlich zurückhaltender gezeigt. »Es gibt eine Reihe von Fragen, die angesprochen werden: der Konflikt im Allgemeinen, die Notwendigkeit einer politischen Lösung dieses Konflikts«, sagte Stéphane Dujarric in New York auf die Frage, ob auch über Verhandlungen für einen dauerhaften Waffenstillstand gesprochen werde.

aar/dpa/AFP
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