Krieg in Osteuropa Ukraine warnt vor Russlands Artillerie-Übermacht und verstärkten Angriffen – das geschah in der Nacht

Die Ukraine bereitet sich laut Präsident Selenskyj auf zunehmende Attacken vor. Sein Außenminister beklagt das Ungleichgewicht im »Artilleriekrieg«. Und: Habeck spricht vom »Armdrücken« mit dem Kremlchef. Der Überblick.
Ukrainische Soldaten suchen in der Stadt Lyssytschansk im Osten des Landes Schutz vor Raketenangriffen

Ukrainische Soldaten suchen in der Stadt Lyssytschansk im Osten des Landes Schutz vor Raketenangriffen


Foto: Aris Messinis / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

In der Ukraine gehen die Kämpfe vor allem im Donbass mit voller Härter weiter. Die Ortschaften im Umkreis der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk stehen weiterhin unter intensivem Beschuss. Die ukrainischen Streitkräfte erklärten am Sonntag, es sei ihnen gelungen, die Russen um Sjewjerodonezk zurückzudrängen. Aus dem britischen Verteidigungsministerium hieß es , sowohl Russland als auch die Ukraine hätten das schwere Bombardement rund um Sjewjerodonezk fortgesetzt – »mit wenig Veränderung an der Frontlinie«.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Sonntag, es habe ein Treffen hochrangiger ukrainischer Militärs mit Raketen angegriffen und dabei »mehr als 50 Generäle und Offiziere« getötet. Zudem sei durch russischen Beschuss in der Stadt Mikolajiw ein Gebäude zerstört worden, in dem vom Westen gelieferte Waffen gelagert gewesen seien, darunter zehn Haubitzen und rund 20 gepanzerte Fahrzeuge. Die Angaben konnten nicht unabhängig geprüft werden.

Das sagt Kiew

Nach Einschätzung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wird Russland seine Angriffe in dieser Woche verstärken. Hintergrund seien die Beratungen über das Beitrittsgesuch der Ukraine zur Europäischen Union. »Diese Woche sollten wir von Russland eine Intensivierung seiner feindlichen Aktivitäten erwarten«, sagt Selenskyj in seiner Videoansprache am Sonntagabend. »Wir sind bereit.«

Die EU-Kommission hatte sich am vergangenen Freitag dafür ausgesprochen, die Ukraine und Moldau offiziell zu Kandidaten für einen Beitritt zur Europäischen Union zu ernennen. Am Donnerstag und Freitag beraten die 27 EU-Staaten in Brüssel über diese Empfehlung. Es wird erwartet, dass sie den Antrag der Ukraine trotz Bedenken einiger Mitgliedstaaten befürworten werden. Der Beitrittsprozess könnte sich über mehrere Jahre hinziehen.

Selenskyj vor wenigen Tagen in der vom Krieg betroffenen Region Mykolajiw

Selenskyj vor wenigen Tagen in der vom Krieg betroffenen Region Mykolajiw

Foto: - / dpa

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba war am Sonntagabend ins TV-Studio von Anne Will zugeschaltet. Dabei sagte er unter anderem, dass der Krieg mit Russland jetzt ein »Artilleriekrieg« sei. Die russischen Truppen hätten bei Artilleriewaffen eine Übermacht von 15:1. »Wir können den Krieg nicht mit einem solchen Ungleichgewicht gewinnen«, sagte Kuleba. Die Ukraine benötige dringend Waffen wie Artilleriesysteme, Flugabwehrgeräte und Raketensysteme. Je früher die Waffen kämen, desto größer sei die Hilfe – und desto weniger Menschen würden sterben.

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Die Ukraine würde auch im Falle eines Endes westlicher Waffenlieferungen den Kampf gegen Russland weiterführen, sagte Kuleba. »Wenn wir keine Waffen erhalten, in Ordnung, dann werden wir mit Schaufeln kämpfen, aber wir werden uns verteidigen, denn dieser Krieg ist ein Krieg um unsere Existenz.« Mehr zu Kulebas Aussagen können Sie hier nachlesen.

Internationale Reaktionen

Kurz vor dem EU-Gipfel in Brüssel hat sich EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen überzeugt geäußert, dass die Ukraine den Kandidatenstatus bekommen wird. »Ich gehe fest davon aus, dass wir einen positiven Bescheid kriegen, Unterstützung kriegen, die Weichen sind jetzt gestellt«, sagte sie am Sonntagabend in der TV-Sendung »Anne Will«. »Natürlich ist das eine historische Entscheidung, die auch der Europäische Rat jetzt treffen muss, aber die Vorbereitungen sind gut«, sagte sie. »Ich bin zuversichtlich.«

Von der Leyen betonte, die Entscheidung ihrer Behörde für den Kandidatenstatus der Ukraine sei gefallen aufgrund der Daten, Fakten und der Vorarbeit, die das Land in den vergangenen acht Jahren geleistet habe. Sie sagte aber auch: »Wir wollen noch mehr Reformen sehen.« Dies gelte etwa für mehr Rechtsstaatlichkeit und für den Kampf gegen Korruption.

Wirtschaftliche Reaktionen

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat angesichts schrumpfender Gasströme aus Russland erneut die schwierige Situation für Deutschland hervorgehoben. »Da will ich nicht drum herumreden: Es ist eine angespannte, ernste Lage«, sagte der Grünenpolitiker am Sonntagabend im ZDF-»heute journal«. »Es war immer klar, dass wir bei Gas in einer großen Abhängigkeit sind.«

DER SPIEGEL

Habeck zeigte sich aber auch zuversichtlich, dass die Versorgung für den kommenden Winter sichergestellt werden könne. Entscheidend sei, dass die Gasspeicher zum Winter hin wie im Gesetz vorgesehen zu 90 Prozent gefüllt seien. Derzeit seien es 57 Prozent. Durch Einkäufe und Sparsamkeit müsse die Differenz ausgeglichen werden. Wenn die Speicher voll seien, reiche dies für etwa zweieinhalb Monate – ohne weitere Quellen. Allerdings sei geplant, dass Deutschland auch im Winter weiter Gas aus dem Ausland beziehe; selbst wenn aus Russland keins mehr fließe.

Es sei »eine Art Armdrücken«, bei dem Kremlchef Wladimir Putin zunächst im Vorteil gewesen sei. »Aber das heißt nicht, dass wir nicht durch Kraftanstrengung den stärkeren Arm bekommen können«, meinte Habeck.

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Der Vorstandschef des Essener Energiekonzerns RWE, Markus Krebber, rechnet nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine noch jahrelang mit hohen Gas- und Strompreisen. »Es wird vermutlich drei bis fünf Jahre dauern«, sagte er der »Süddeutschen Zeitung« zu den Energie-Engpässen in Deutschland. »Denn es braucht Zeit, bis neue Kapazitäten geschaffen sind und andere Staaten zusätzliche Energie liefern können.« Krebber begrüßte die Pläne von Wirtschaftsminister Habeck, Kohlekraftwerke wieder hochzufahren, um dadurch Erdgas zu sparen. »Überall, wo man auf andere Energieträger umstellen kann, sollte das erfolgen.«

Auch die EU-Kommission äußerte sich zum Krieg in Osteuropa. Demnach sind in der EU und insbesondere in Deutschland auf Grundlage der Sanktionen wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine in den vergangenen Monaten deutlich mehr Vermögenswerte russischer Oligarchen beschlagnahmt worden. Der Wert eingefrorener Vermögen habe sich »nahezu verdoppelt von 6,7 Milliarden Euro im April auf aktuell etwas mehr als 12,5 Milliarden Euro«, sagte ein Sprecher der EU-Kommission der Zeitung »Welt«.

Demnach heißt es in Kreisen der EU-Kommission, der steile Anstieg der eingefrorenen Vermögen sei »maßgeblich« auf zahlreiche Vermögenswerte zurückzuführen, die in Deutschland ausfindig gemacht und gesperrt wurden. Derzeit seien die Vermögen von »mehr als 1100 Personen und Einrichtungen eingefroren«, sagte der EU-Kommission weiter.

Was heute noch passiert

  • Die Außenminister der Europäischen Union beraten in Luxemburg über weitere Unterstützung für die Ukraine. Auch die Militärhilfe für das Land könnte dabei Thema werden.

  • Außerdem beginnt ein Gipfeltreffen und Wirtschaftsforum der Staaten der sogenannten Drei-Meeres-Initiative. Bei dem zweitägigen Treffen in der lettischen Hauptstadt Riga stehen der Krieg in der Ukraine und die Unterstützung für das von Russland angegriffene Land im Mittelpunkt. Zu der 2015 von Polen und Kroatien ins Leben gerufenen Gruppe gehören zwölf EU-Staaten in Mittel- und Osteuropa zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer. Heute wird unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Treffen von Staats- und Regierungschefs der Länder der Initiative erwartet.

aar/dpa/Reuters/AFP
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